Kunst "Negerkunst? Keine Ahnung!"

Die Kunst des 20. Jahrhunderts erneuerte sich auf dem Flohmarkt. Pablo Picasso spürte erst vor den Masken, dass Malen Magie ist. Eine Pariser Ausstellung präsentiert nun seine Kunst direkt neben den Fetischen.

Von Joseph Hanimann

Es gibt diese nette Geschichte von Picasso beim Stöbern auf dem Pariser Flohmarkt, wo er nach afrikanischen Masken suchte, während er 1907 an seinen "Demoiselles d'Avignon" malte. Die Anekdote vermittelt eine Vorstellung davon, wie die Künstler die Malerei dem erlahmten abendländischen Kunstkanon entwanden. Ihr Suchen nach ästhetischer Voraussetzungslosigkeit löste im Pariser Milieu einen wahren Kaufrausch aus. Georges Braque kaufte 1905 in Honfleur einem Seemann eine afrikanische Maske ab. Apollinaire schrieb 1906 an Picasso, er habe "einen schönen Stock mit einem Negerkopf gekauft". André Derain erwarb von Maurice de Vlaminck eine Fang-Maske, die dann Matisse bei ihm im Atelier entdeckte und ihm seinerseits abkaufte.

Seit seiner Ankunft 1900 in Paris wurde auch Picasso von dieser Inspirationssuche erfasst. Ob er bei der Weltausstellung jenes Jahres den Pavillon der französischen Kolonien besucht hat, weiß man nicht. Berühmt ist aber sein Besuch in der ethnografischen Sammlung des Trocadéro-Museums im Juni 1907. Er sei eher zufällig in das widerlich muffige Museum geraten, habe gleich wieder gehen wollen, aber nicht gekonnt, denn etwas sei passiert zwischen ihm und diesen Masken - so zitierte André Malraux Picassos Erinnerung. Fest steht wohl auch, dass ein oder zwei Gesichter der damals fast fertigen "Demoiselles d'Avignon" sich nach dem Museumsbesuch veränderten. Und dass Picasso in jenem Sommer eine Tiki-Statue von den Markiseninseln kaufte.

Im Trocadéro-Museum ging Picasso auf, dass Malerei für ihn eine "Form von Magie" war

Das ist das Thema der jüngsten Ausstellung des Museums Quai Branly. Elf Jahre nach seiner Eröffnung spiegelt es mit dieser Schau zugleich seinen eigenen Ursprung. Wie Picasso mit seiner Faszination für die exotische Kunst - ein Wort, das er verabscheute - zielte der Quai Branly darauf, die Objekte aus ihrem völkergeschichtlichen Erklärungsrahmen zu lösen und in die Kategorie des reinen Kunstschönen zu überführen. "Arts premiers" hieß am Quai Branly zuerst der Museumsinhalt: Ursprungskunst. Entsprechend bedeutet das "Primitive" im Ausstellungstitel "Picasso primitif" nicht den Nullpunkt einer Entwicklung, sondern den Kernpunkt eines Seins. Im Trocadéro-Museum sei Picasso plötzlich aufgegangen, was Malerei für ihn sei, resümierte später Françoise Gilot, kein ästhetischer Prozess, sondern eine "Form von Magie". Und so verzichtet die Schau auf jeden Versuch von Spurennachweis afrikanischer oder ozeanischer Objekte in Picassos Werk. Es kommt ihr allein darauf an zu zeigen, wie selbstverständlich sich für Picasso von Anfang an diese extrem stilisierten oder aus buntem Allerlei zusammengebastelten Plastiken in den Pantheon der großen Meisterwerke einfügten. Die alltägliche Nähe führte bei Picasso allerdings früh auch zu Aversionen gegen neue Kanonisierungsversuche. Die Studien häuften sich nach Carl Einsteins Schrift "Negerplastik" von 1915. "Negerkunst? Keine Ahnung", lautete Picassos schroffe Antwort 1920 in der Zeitschrift Action.

Ebenso symptomatisch sind Picassos Reaktionen auf die ästhetisch nie ganz domestizierbare Kraft dieser Objekte. Matisse wollte ihm 1950 eine bizarre Vanuatu-Assemblage einer sitzenden Frau mit gespreizten Beinen schenken, vor der Picasso sich lange drückte. "Dieses Ding aus Neuguinea macht mir Angst", erklärte er, nahm es nach dem Tod von Matisse aber schließlich doch an und posierte später gelegentlich daneben. Mehr als zweihundert Sammlungsobjekte aus nichtabendländischen Kulturen hat Picasso hinterlassen. Manche wie die große Baga-Figur aus Guinea sind uns aus den zahlreichen Fotos längst vertraut und gehören heute zur Sammlung des Pariser Picasso-Museums.

Auch der Quai Branly konnte für diese Schau mit seiner Sammlung aus dem Vollen schöpfen. Der erste Ausstellungsteil illustriert Picassos Jahrzehnte währendes Interesse fürs "Primitive". In ihrem zweiten Teil sprechen allein die Objekte. Es ist einem, als wäre Picassos Gouache "Stehender Akt im Profil" (1908) aus demselben Holz geschnitzt wie die Fang-Statuette daneben oder die in sich verknoteten Statuen aus Gabun. Die Minotaurus- und Faungestalten des Spaniers wirken wie Blutsverwandte der mexikanischen Otomi-Masken. Seine Bilder kämen von sehr weit her, sagte Picasso einmal zu Christian Zervos und wunderte sich: Wie kann sich jemand in meine Träume, Instinkte, Begierden, Gedanken einschleichen und mich dazu bringen, manchmal gegen meinen Willen dieses oder jenes zu malen? So geschieht in diesem letzten Ausstellungsteil das Unglaubliche: Wir vergessen in der Fülle der zugleich archetypischen und raffinierten Formenwelt zeitweise den Künstlernamen, das Kunstlabel, die Qualitätsmarke Picasso. Was von ihm ist und was nicht, wird beim Schauen fast nebensächlich. Picasso wird anonym.

"Picasso primitif", Musée du Quai Branly-Jacques Chirac in Paris bis zum 23. Juli. Katalog 49,90 Euro.