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Kunst:Nackter Apostelkreis

Moral habe in der Kunst nichts zu suchen, sagt Miriam Cahn. Dabei ist die Verletzlichkeit der Körper das große Thema der Malerin, die jetzt in Kiel gezeigt wird.

Von Till Briegleb

Miriam Cahn hat wenig Sinn für blöde Fragen. "Ich denke nicht in Kompositionen", raunzt sie einen Journalisten an. "Ich bin doch keine Anfängerin, oder?" Nicht nur das akademische Wirkungskalkül findet die Schweizer Malerin "doof". Mit solchen Vokabeln fegt sie noch einiges aus ihrem Wirkungshorizont. Eindeutigkeit in der Kunst findet sie genauso blöd wie Kunstmarktverweigerung, Entweder-Oder-Sätze so doof wie den Architekten Mario Botta. Die grauhaarige Dame, die bei einer Pressekonferenz in der Kunsthalle Kiel mit Fleecepulli und Schal aussieht wie eine raubeinige Hüttenwirtin, schenkt gerne deftige Ist-Sätze aus.

Wer aber glaubt, Miriam Cahn sei an diesem Morgen nur so verschnupft, weil sie schwer erkältet ist, der darf einen Blick in den Katalogtext werfen. Da stehen weitere Erklärungen wie: "Moral hat sowieso nichts zu suchen in der Kunst", es sei "Nonsens", wenn Feministinnen behaupten, "dass Frauen durch Pornografie abgestoßen seien", oder: "Wenn ich die Wahl habe zwischen l'art pour l'art und Betroffenheitskunst, finde ich l'art pour l'art doch besser." Wer ist diese Frau, die seit Ende der Siebziger Jahre ein kompromissloses Künstlerleben erst in Basel und nun im lauschigen Bergell in Graubünden führt? Und in deren Kunst entgegen ihrer Verdikte eine tiefe Moral steckt, aber auch Momente abstoßender Pornografie, und die darüber hinaus von einer großen Betroffenheit am Weltgeschehen erzählt?

1982 hängte Cahn ihre Bilder auf der Documenta ab - ihr Auftritt wird nächstes Jahr nachgeholt

Die umfassende Retrospektive in Kiel, die in zwölf Sälen fast vierzig Jahre Arbeit am Bild spiegelt, gibt darauf eine sehr gewichtige Antwort: Miriam Cahns vielfältiges Werk gehört dringend wieder entdeckt, denn es steht im Rang von Kolleginnen wie Maria Lassnig oder Marlene Dumas und ergänzt deren Positionen gegenständlicher Malerei mit einer dunklen Liebe zum Instinkthaften. Zwar hat Miriam Cahn schon im Jahr 1984 auf der Biennale in Venedig ausgestellt und war 1982 auch zur Documenta eingeladen. In Kassel hat sie allerdings ihre Gemälde wieder eingepackt, bevor die Ausstellung sie berühmt machen konnte, weil Kurator Rudi Fuchs ihr gegen die Absprache noch einen anderen Künstler ins Kabinett hängen wollte.

Jetzt wird es Adam Szymczyk diesen Auftritt nachholen, die streitbare Einzelgängerin auf der Documenta so zu präsentieren, dass ihr internationaler Wikipedia-Eintrag in Zukunft mehr als fünf Zeilen umfasst. Und Szymczyk ist offensichtlich gewillt, dies an zentraler Stelle seiner Documenta im Jahr 2017 zu tun, denn in seine Weltschau der politischen Konfliktkunst nächstes Jahr passt Miriam Cahn schon wegen ihrer "Flüchtlings"-Bilder ideal, die sie vor 20 Jahren anlässlich des Balkankriegs und in ihren neuesten Serien von der aktuellen Krise inspiriert malte. Wenn Miriam Cahn sich selbst als Flüchtling nackt unter einer vorne offenen Burka porträtiert, und zwar mit grell rot akzentuierten primären Geschlechtsmerkmalen, dann ist das keine billige Provokation, sondern Ausdruck ihres aufwühlenden Hauptthemas: die Verletzlichkeit des Körpers und die Anziehungskraft von Lust und Gewalt. Sowohl inhaltlich wie stilistisch ziehen sich diese Themen durch ihre Bildmotive, so als hätte ihr Unbewusstes alle Tore offen.

Die Nacktfolterbilder von Abu Ghuraib stellt sie mit aggressiven Strichfiguren am Rand großer Farbflächen dar, die wirken, als sollten sie verbergen , was Menschen an Folter aufgeilt - und was Miriam Cahn nicht darstellen will, weil es Schamgrenzen überschreitet. In grellfarbigen, schnell und wild gemalten Bildern zeigt sie Prügel, die eine Erektion auslöst, einen "Schwarzen Mann", der ein Kind von seiner Mutter fortzieht, oder die Schönheit von Waffen, Flugzeugträgern und Atombombenexplosionen. Und wenn sie in Spielarten der automatischen Malerei mit Kreide und Kohle Figuren zeichnet, dann ergibt das geisterhafte Wesen mit Schlünden, Fratzen und hochgerissenen Armen, deren lieblichster Ausdruck das schockgefrorene Entsetzen ist.

Trotz aller Bedrohlichkeit sind Cahns unheimliche Motive nicht ausschließlich niederdrückend. Vor allem dort, wo sie eine hemmungslose Farblust versprüht, werden die gewalttätigen Sujets durch einen Ausdruck von Lebensfreude gebrochen. Ihre intensiv leuchtenden Kleinformate, auf denen sie in verschiedenen reduzierten Stilen Köpfe malt, haben mehr Karnevaleskes von James Ensor als Traumatisches von Goya. Und ihre halslosen Wasserköpfe in der Art von Kleinkindzeichnungen, Outsider-Art oder COBRA-Kunst sind ab und an sogar witzig. Doch selbst in dieser Komik sind Miriam Cahns "Wesen" alle Erscheinungen einer getriebenen Vorstellungskraft, die sich mit dem Gefühl des Tabus beschäftigt.

Die von Cahn selbst gehängte Ausstellung in Kiel mit 130 Werken, mit der sie im würdigen Alter von 66 Jahren endlich umfassend in einem Museum gezeigt wird, ist aber nicht nur bevölkert von käferhaften Menschwesen, phallischen Gewaltszenen und Atompilzaquarellen. Neben der Exposition des menschlichen Körpers als lustvolles Angstwesen fordert auch die Geschlechter-Dualität Cahn immer wieder zur Formsuche heraus. In selbstgeschaffenen Zeichen- und Farbsystemen, wo etwa "Haus" und "rot" für das Weibliche, "Waffe" und "blau" für das Männliche stehen, erforscht sie die Rätsel dieser Beziehung ständig aufs Neue.

Cahn, die als junge Frau lieber Albert Camus als Simone de Beauvoir gewesen wäre, benützt dabei die eigene Nacktheit als Anschauungsobjekt. In einer Serie von stehenden Akten in verschiedenen Altersstufen, ästhetischen Abstraktionsphasen und auch mal als Mann mit rot leuchtendem Gemächt entblößt Miriam Cahn sich als Figur auf der Suche nach den Grenzen des Schamgefühls. Diese schnell gemalten, rosa Selbstporträts im Maßstab 1:1 bilden eine Art nackten weiblichen Apostelkreis mit 12 Individuen im zentralen Raum der Ausstellung. Und sie sind "Auf Augenhöhe" gehängt, wie auch der Titel dieser Ausstellung lautet.

Auf Augenhöhe mit der Zeit und ihren Ängsten ergibt diese Schau - um den eingangs erwähnten, von Cahn geschurigelten Journalisten zu rehabilitieren - doch eine große Komposition: des Abgründigen, der radikalen Selbstbefragung und der wilden Natur der Vorstellungen. Und dabei zeugt Miriam Cahns manische Bildproduktion von einer tiefgründigen Suche nach Gerechtigkeit. Nicht in Entweder-gut-oder-schlecht-Kategorien, die sind bekanntlich "blöd". In Cahns Moral wird den unbewussten, psychischen Zusammenhängen Gerechtigkeit getan, die mit großer Gewalt das Leben beeinflussen. Und deren Darstellung auf ihren Bildern trotzdem so eindeutig ist, dass niemand sich bei der Betrachtung "doof" vorkommen muss.

"Miriam Cahn - Auf Augenhöhe" in der Kunsthalle Kiel bis 24. Juli. Der Katalog kostet 14,90 Euro.

© SZ vom 22.03.2016
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