Kunst:Nackt im Museum

Die Altmeister kannten nur den "männlichen Blick"? Nein. Sie entlarvten den Täter, fühlten mit dem Opfer. Niemand kann sich vor "Me Too" ins Museum oder in die Antikensammlung flüchten.

Von Kia Vahland

Die Barbaren sind mitten unter uns", warnt der Philosoph Konrad Paul Liessmann in der NZZ. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp sekundiert in der FAZ: "Uns trennt nurmehr eine papierdünne Wand von dem, was die 'Entartete Kunst' und der gedankliche Rahmen der Säuberung einmal fabriziert haben". Die Zeit spricht von einem "Kulturkampf", der Spiegel von einem "Bildersturm", die Welt fürchtet, "aus einer Laune heraus" könnten Kunst- und Redefreiheit geopfert werden. Die Kunst scheint in ernster Gefahr.

Es geht nicht um die islamistische Vernichtung von Kulturgütern in Syrien oder um die Ausstellungen, die in den vergangenen Jahren in Russland oder zuletzt in Brasilien angefeindet werden, weil sie christlichen Fundamentalisten nicht passen. Sondern es geht um die Folgen der "Me Too"-Bewegung für die Museen. Liest man die Warnungen, so klingt es, als münde der in Hollywood begonnene Aufstand der Frauen und jungen Männer gegen sexuelle Übergriffe in den Wunsch nach Unfreiheit: Es darf offenbar keine Exzesse mehr geben, auch nicht auf den Leinwänden, und keine Nackten mehr im Museum.

Doch von einem feministischen Bildersturm kann keine Rede sein. Zwei Ausstellungshäuser, die National Gallery of Art in Washington und die Hamburger Deichtorhallen, haben Ausstellungen verschoben, weil die betroffenen, noch lebenden Künstler, darunter der Amerikaner Chuck Close, angeblich Modelle beleidigt haben sollen. Die Universitätsbibliothek von Seattle hängte deshalb ein Bild von Close ab, andere Museen dagegen lassen ihre hängen; auch die Close-Retrospektive in Pennsylvania läuft wie geplant. Und kein Museum hat im Zuge von "Me Too" Bilder verbannt, weil diese vermeintlich sexuell Anstößiges zeigen. So weigert sich das New Yorker Metropolitan Museum, einer Petition nachzugeben, die fordert, ein erotisiertes Kindergemälde des Malers Balthus zu entfernen.

Also konzentriert sich die Empörung auf das Museum von Manchester. Hier wurde tatsächlich ein Gemälde abgehängt, nämlich "Hylas und die Nymphen" des Präraffaeliten John William Waterhouse von 1896. Bloß erwies sich die angebliche Zensur als Performance, nach einer Woche waren die Nymphen wieder am alten Platz. Dahinter steckte die afrobritische Künstlerin Sonia Boyce. Im Rahmen eines Programms, welches das Museum für verschiedene gesellschaftliche Gruppen öffnen sollte, hatte sie gemeinsam mit einigen Dragqueens das Werk zeitweise abhängen lassen, um es zur Diskussion zu stellen - so, wie man früher Bilder verhängte, um sie nach ihrer Enthüllung umso intensiver betrachten zu können. Boyces Eingriff war vielleicht nicht die originellste, wohl aber eine außergewöhnlich erfolgreiche Kunstaktion. An ihr entzündet sich seither die Debatte um Rollenbilder und Nacktheit in der Kunst.

Hylas and the Nymphs, painted by John William Waterhouse at the Manchester Art Gallery

Die Manchester Art Gallery zeigt das Bild "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse mit Post-Its, auf denen Besucher ihren Kommentar hinterlassen konnten.

(Foto: Duncan Elliott für DER SPIEGEL)

Die einen befürchten, im Museum regiere der lüsterne männliche Blick, Frauen und Heranwachsende kämen hier nicht zu ihrem Recht, deswegen sei alte Kunst wenn überhaupt, dann mit Vorsicht zu genießen. Diese Sicht ist zu pauschal, und sie nimmt den Frauen die Chance, ihrerseits einen mal interessierten und einfühlsamen, mal begehrenden Blick auf männliche wie weibliche Figuren zu richten.

Bisher hat noch jede Emanzipationsbewegung ihre Vor- und Nachbilder in der Kunst gefunden

Der anderen Seite erscheint das klassische Museum bisweilen als letzter Hort der alten Ordnung. Hier, im Reich der Vergangenheit, scheint die historische Perspektive einer kleinen männlichen Elite noch ungebrochen zu gelten. Einige der Mahner weisen darauf hin, die Grenzüberschreitung, die manchmal auch ausbeuterische Erotik sei eben Teil der von Männern gemachten Geschichte; in der Kunst offenbarten sich lediglich die menschlichen Triebe. Ins Bild gesetzt, führten diese zu Meisterwerken, die man nun vor den Sittenwächterinnen retten müsse.

Doch es meine niemand, er könne sich vor "Me Too" ins Museum flüchten. Bisher hat noch jede Freiheitsbewegung ihre Vor- und Nachbilder in der Kunst, im Film oder der Literatur gefunden. Und die sich nach Geschlechtergerechtigkeit sehnenden Frauen und Männer wären dumm, sich ausgerechnet die alten Meister entgehen zu lassen. Das lehrt die neuere Kunstgeschichte, die zu differenzierteren Urteilen findet, als dies noch in den Siebzigerjahren möglich war (aus dieser Zeit kommt die Idee vom omnipräsenten "männlichen Blick").

Zahllose Einzelanalysen klassischer Werke zeigen seither: Die besten Künstler stehen nicht automatisch auf Seiten der Starken. Im Gegenteil wagen viele es, diese immer wieder und besonders gerne im Sexuellen herauszufordern. Männer wie Tizian, Caravaggio, Donatello und andere waren viel zu unabhängige Geister, um sich den Wünschen und Lebenslügen ihrer Zeitgenossen zu beugen. Die Suche nach dem Allgemeinmenschlichen führte sie zu den schwächeren Mitgliedern ihrer Gesellschaften, und das waren die Frauen und Kinder. Die Künstler sympathisieren oftmals, verbünden sich mit ihren Modellen: nicht zugunsten, sondern gegen den gut situierten männlichen Betrachter, den es herauszufordern und zu überführen gilt.

Donatellos David triumphiert über seinen Gegner: eine Warnung an übergriffige Männer

Kunst: Tizian zeigt die Vergewaltigung von Lucretia durch Tarquinius nicht als heroischen Akt.

Tizian zeigt die Vergewaltigung von Lucretia durch Tarquinius nicht als heroischen Akt.

(Foto: Gemeinfrei)

So zeigt Tizian die Vergewaltigung der römischen Lukretia durch Tarquinius nicht als lustvollen Akt, und er verzichtet auch darauf, das weibliche Opfer zu heroisieren, wie das andere tun. Stattdessen sprechen Angst und Ohnmacht aus Lukretias Augen. Tarquinius bedroht sie mit dem Messer, stößt ihr das nackte Knie zwischen die Schenkel, was sie nicht verhindern kann. Der Maler ist sensibel genug, seiner Figur ein Tuch über die Scham zu legen und sie ihre Brüste vor dem Betrachter verdecken zu lassen. Im Gegensatz zu Tarquinius, dem Täter, wahrt er ihre Intimität. Wie die Tizianforscherin Daniela Bohde gezeigt hat, verfängt der stereotype Vorwurf hier also gerade nicht, der Maler wolle mit einer Nackten lüsterne Männer bedienen. Im Gegenteil führt Tizian ihnen vor Augen, was es bedeutet, vergewaltigt zu werden - diesen auch für die damalige Zeit harten Begriff verwendete er für das Bild selbst.

Oder Donatello: Der schuf seinen bronzenen David für den Medicipalast in Florenz. Wer den Hof von der Rückseite her betrat, sah ein verführerisches androgynes Wesen von hinten, einen nackten Jüngling mit langen Haaren und glänzender Haut. Eine große Feder rankt sich an seinem Oberschenkel hoch, Sex liegt in der Luft.

David Bronze statue by Donatello Donato di Niccolo di Betto Bardi 1386 1466 1440 Quattrocento

Donatellos "David" (1440) will verführen - und drohen.

(Foto: Leemage/imago)

Männliche Teenager waren im 15. Jahrhundert in Florenz gefragte Liebhaber, ob sie das wollten oder auch nicht. Etliche wurden auf offener Straße von etablierten Männern vergewaltigt. Verbreitet war das "Spiel", ihnen vorher den Hut zu stehlen.

Donatellos David aber behält seinen Hut auf. Wie der Renaissancehistoriker Adrian W. B. Randolph gezeigt hat, feiert die Statue gerade nicht die erotische Ausbeutung, sondern die Selbstermächtigung. Wer um die Statue herumschreitet, sieht, über wen der hübsche nackte Jüngling triumphiert: über den Kopf Goliaths zu seinen Füßen. Er erscheint als besiegter älterer Mann, der nicht bekam, was er wollte. Das Werk ist eine Warnung an übergriffige Männer.

Cupid as Victor, Caravaggio

"Amor als Sieger" von Caravaggio wurde immer wieder ein pädophiler Hintergrund unterstellt.

(Foto: Gemeinfrei)

Sie werden auch vorgeführt in Caravaggios "Amor als Sieger", jenem Gemälde, das immer wieder unter Pädophilieverdacht steht. So meinte der frühere SPD-Politiker Sebastian Edathy, mit diesem Kunstwerk Kinderpornografie rechtfertigen zu können. Die Kunsthistorikerin Victoria von Flemming konnte dagegen zeigen, dass Caravaggio die auf Platon zurückgehende Idee persifliert, wonach ein reifer Mann sich in der Liebe freiwillig zum Knecht eines Knaben macht (aber jederzeit wieder die Kontrolle über diesen gewinnen kann). Caravaggios nackter, verletzlicher und sehr junger Bub verlacht in obszöner Pose die Attribute des gelehrten Mannes, dessen kaputte Instrumente, den Zirkel, den Globus, die abgeworfene Rüstung. Triumphal reckt er seinen Unterleib hervor - und kann doch jederzeit zum Opfer werden des lächerlichen Älteren, der sich dem Kind nur scheinbar unterwirft, um dann zurückzukehren und auf die kaputte Laute andere Saiten aufzuziehen. Gerade weil das Bild so deutlich ist, schmerzt Caravaggios Karikatur des Machtgefälles, das dem auch damals schon verpönten Kindesmissbrauch innewohnt.

Im Museum sind Untaten und Machtmissbrauch schon lange, wie heute bei "Me Too", sag-und zeigbar. Es taugt nicht zur Selbstvergewisserung für Nostalgiker. Die Deutungshoheit einer kleinen männlichen Elite in Kunst- und Geschlechterfragen haben hier schon andere zunichte gemacht: die Künstler selbst.

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