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Zum Tod von Sir Alan Bowness:Der Mann, der die Kunst fand

Sir Alan Bowness

Sir Alan Bowness (1928-2021).

(Foto: John Hedgecoe/picture alliance)

Alan Bowness war einer der bedeutendsten Kuratoren der Welt. Der Brite suchte und fand die Moderne, auf ihn geht der Turner-Preis zurück, die wichtigste Kunstauszeichnung der Gegenwart.

Nachruf von Bernd Graff

Der britische Kunsthistoriker Sir Alan Bowness ist tot. Bowness, der 1928 in London geboren wurde, war ein ausgesuchter Kenner der französischen Meister des 19. Jahrhunderts. Von 1953 bis 1955 studierte er bei Anthony Blunt am Londoner Courtauld Institute of Art, 1957 trat er dort als Lehrender ein und wurde rasch stellvertretender Institutsleiter.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang dominierte Alan Bowness seitdem die britische Kunstwelt, als Kritiker, Autor, Sammler, Professor und Kurator. Zwischen 1980 und 1988 war er Chef der Londoner Tate Gallery. Hier stand sein Name für bedeutende Museumsanschaffungen, etwa Werke von Francis Bacon, David Hockney, Andy Warhol, Jean Dubuffet und Max Beckmann. 1988 wurde Alan Bowness zum Ritter geschlagen.

Bowness' Initiative begründete außerdem den wichtigen Turner-Preis

Sein größtes Verdienst war es aber wohl, moderne, aktuelle Kunst der Gegenwart zu einem ernst zu nehmenden Studiengegenstand an Universitäten zu machen. Er sorgte auch dafür, dass Kunst nie als bloß akademisches Forschungsgebiet betrachtet werden kann, indem er zahlreiche Ausstellungen zeitgenössischer Künstler kuratierte. Bedeutend wurde etwa die Ausstellung "54:64 Painting and Sculpture of a Decade", die er 1964 in der Tate betreute und die mehr als 350 Arbeiten von über 170 internationalen Künstlern zeigte. Ein Kunst-Event, das damals über 100 000 Besucher anzog.

London Feb 16th 2021 Neon light installation Remembering A Brave New World , by British artist Chila Kumari Singh Burma

Derzeit ist die Tate Britain mit einer Neon-Installation geschmückt.

(Foto: Kieran Cleeves via www.imago-images.de/imago images/PA Images)

Bowness behielt sein stark ausgeprägtes kunsthistorisches Gespür für die Bedeutung der älteren Moderne. Die beiden Großprojekte seiner Arbeit in der Tate waren die Zusammenführung der Gemälde von William Turner mit dessen Papierarbeiten aus dem British Museum und der Bilder aus der Tate. Er gründete außerdem die Tate Liverpool, ein Ableger des Stammhauses, der einen Trend zu Museumsexpansionen einleitete, der heute überall zu erleben ist. Außerdem geht auf Bowness' Initiative die Einrichtung des Turner-Preises zurück, der wohl wichtigsten Auszeichnung für aktuelle Künstler weltweit.

"Ich fühle mich zu Werken hingezogen, die als schwierig bezeichnet werden", hat Alan Bowness einmal gesagt. "Doch in ihnen schlummern nur Geheimnisse, die sich erst langsam erschließen."

Alan Bowness ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben.

© SZ/beg/cag
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