Kunst:Monolithe geistigen Hungers

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Die Tate Britain in London zeigt das Werk von Paul Nash. Er versuchte sich am Surrealismus, scheiterte aber auf eine Weise, aus der Großbritannien viel lernen könnte.

Von Alexander Menden

Am 16. November 1917 schickt Paul Nash seiner Frau einen Brief von der belgischen Front. Darin beschreibt er das Schlachtfeld am Ypernbogen als "unaussprechlich, gottlos, hoffnungslos". "Ich bin kein interessierter und neugieriger Künstler mehr", schreibt Nash, "ich bin ein Bote, der eine Nachricht der kämpfenden Männer an jene überbringt, die wollen, dass dieser Krieg immer weitergeht. Meine Nachricht wird schwach und schlecht formuliert sein, aber sie wird eine bittere Wahrheit enthalten, und möge sie ihre elenden Seelen verbrennen."

Als Freiwilliger des britischen "Künstlerregiments", der Artist Rifles, hatte der englische Maler das Grauen des Grabenkampfes im Ersten Weltkrieg miterlebt. An seiner tiefen Erschütterung kann kein Zweifel bestehen. Aber die Bilder, die Paul Nash unter dem Eindruck des industriellen Krieges schuf, wirken weit weniger grausig als seine Beschreibungen des Gemetzels. "Spring in the Trenches", 1918 entstanden, zeigt zwei müde britische Soldaten auf Posten, im Hintergrund erstreckt sich das in Rosa-, Grau- und Ockertönen gehaltene Schlachtfeld. Die saubere Geometrie dieser Darstellung verleiht der Szene beinahe etwas Idyllisches. Kennt man den kompromisslosen Horror der Weltkriegs-Darstellungen von Otto Dix oder George Grosz, muss Nashs Version fast beschönigend erscheinen. Einzig in der schwarzgrauen Palette der verwüsteten Landschaft von "Void" (1918) nähert Nash sich der Radikalität der deutschen Maler an, ohne sie aber je wirklich zu erreichen.

Giorgio de Chiricos alptraumhafte Idealarchitekturen hinterließen tiefen Eindruck bei Paul Nash

Die dem vor allem für seine Kriegsbilder aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg bekannten Maler Paul Nash (1889 - 1946) gewidmete Sonderschau der Tate Britain ist auf ihre Art die Londoner Ausstellung des Jahres. Ihre Bedeutung verdankt sie nicht etwa der Qualität oder Originalität von Nashs Kunst, sondern dem Umstand, dass fast all seinen Arbeiten etwas Rückwärtsgewandtes oder Nachzüglerisches anhaftet. Der künstlerische Impuls ist nicht schwächer oder weniger ernsthaft als bei seinen kontinentaleuropäischen Zeitgenossen, aber ihm fehlt oft eine adäquate, zeitgemäße Ausdrucksform. Nash steht damit beispielhaft für einen Großteil der britischen Malerei und Plastik des Zwanzigsten Jahrhunderts, die international fast nie in der obersten Kunstliga mitspielten.

An Nash kann man die Gründe dafür studieren. Bis heute ist die künstlerische Tendenz, sich an der Vergangenheit zu orientieren, speziell dem 19. Jahrhundert, in keinem europäischen Land so stark wie in Großbritannien. Zudem war eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den kontinentalen Zeitgenossen lange nicht möglich, unter anderem wegen der Weltkriege, die Nash so oft als Stoff dienten. Der Austausch blieb punktuell und erratisch, die traditionellen Formen prägend, vor allem das Porträt und das Landschaftsbild.

Dabei interessierte sich Paul Nash sehr für das, was auf dem Kontinent produziert wurde. Eine Londoner Ausstellung mit Werken Giorgio de Chiricos hinterließ 1928 einen tiefen Eindruck bei ihm. Im Jahr darauf entstand "Month of March", und der stilistische Einfluss von de Chiricos albtraumhaften Idealarchitekturen mit ihren kalten Schlagschatten ist unbestreitbar: Ein Blick durch ein halb geöffnetes Fenster hinaus auf eine Leiter, dahinter gestaffelt Bäume, Gatter, Zäune. Doch dem Bild fehlt das surreale Element, das die Pittura metafisica so bedeutend und dessen Abwesenheit Nash so epigonal macht. Paul Nash bewunderte den Surrealismus zwar, es gelang ihm sogar eine leidliche stilistische Nachahmung. In ihrem Kern verstand er diese Kunst aber einfach nicht. Wo der Surrealismus rigoros realitätsfern war, wo ihm Gegenstände immer als Signifikanten für nie rational zu durchdringende "Träume und die Revolten physischen und geistigen Hungers" dienten, da verweisen bei Nash noch die abstraktesten Tableaus letztlich immer auf etwas Konkretes zurück. Sein "Monolith Circle" von 1937 vollzieht zwar die Gesten vereinzelter Figuren in einer perspektivisch leicht verzerrten Landschaft nach, die man auch bei Salvador Dalí findet. Letztlich bleibt das Ergebnis aber Landschaftsmalerei - ein Gemälde des 19. Jahrhunderts, das erfolglos versucht, sich die Formensprache des 20. anzuverwandeln.

Beim Bild eines Schrottplatzes für abgeschossene Flugzeuge denkt man an Caspar David Friedrich

Bezeichnenderweise ist das beeindruckendste Werk der Tate-Schau ein Kriegsbild mit dem deutschen Titel "Totes Meer" (1941). Inspiriert von einem Schrottplatz bei Oxford für abgeschossene Flugzeuge, viele davon deutsche, malt Nash tatsächlich ein Meer aus Metall, eine "gigantische Flut, nicht aus Wasser oder Eis, sondern etwas Statisches und Totes", wie der Maler es selbst beschrieb. Das ist kein Werk der Moderne, sondern eines der Romantik. Aus einem kategorisch antideutschen Impuls heraus entstanden, erinnert es paradoxerweise an kein Gemälde so sehr wie Caspar David Friedrichs 117 Jahre zuvor entstandenes "Eismeer", ist nicht Abstraktion, sondern Naturbetrachtung.

Die Kuratorinnen Emma Chambers und Inga Fraser hätten Paul Nash zu keinem besseren Zeitpunkt in Erinnerung rufen können. Ihr erklärtes Ziel war es, ihn als "eine Schlüsselfigur in der Debatte über das Verhältnis britischer Kunst zum internationalen Modernismus" zu zeigen. Das ist gelungen, allerdings in völlig anderer Weise, als es der Ausstellung vorschwebt. Mehr oder minder abgeschnitten von den wichtigsten Kunstströmungen seiner Zeit blieb Nash nichts als eine ernsthafte, aber unbeholfene Annäherung auf eigene Faust. Die Schau zeigt, wie nachteilig, wie einengend mangelnder Austausch, eine erzwungene oder gar gewollte Abschottung gegen äußere Einflüsse die Kunst eines Landes beeinflussen können. Es ist hilfreich, daran erinnert zu werden, jetzt, da sich die kulturelle Debatte in Großbritannien zusehends nach innen wendet.

Paul Nash. Tate Britain, London. Bis 5. März. Info: www.tate.org.uk, Katalog 24,99 Pfund.

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