Kunst Lustfarben

Ida Kerkovius malte leidenschaftliche Porträts einer romantischen Welt - eine Schau im thüringischen Apolda zeigt das Werk dieser "Künstlerin des Bauhauses".

Von Till Briegleb

Es muss ein merkwürdiges Gefühl sein für eine Künstlerin von 40 Jahren, wenn sie bei ihren eigenen Schülern in den Unterricht geht. Ida Kerkovius hatte 1913 Johannes Itten und Oskar Schlemmer als Dozentin in die Kunstlehre Adolf Hölzels eingewiesen. Sieben Jahre später saß sie am Bauhaus in Weimar bei den deutlich jüngeren "Meistern" in der Klasse, um das Neue zu lernen, das diese unglaubliche Schule versprach. Kerkovius war natürlich auch noch mal deutlich älter als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler, aber sie ignorierte den Unterschied und tat lieber so, "als könne ich nicht bis zehn zählen". Denn die lettische Malerin wollte unbedingt ihren Horizont erweitern. Und sie war souverän genug, sich dabei nicht von falschem Stolz behindern zu lassen.

Wenn nun eine große Ausstellung über Ida Kerkovius in der kleinen Villa des Kunsthauses im thüringischen Apolda den Titel "Eine Künstlerin des Bauhauses" trägt, dann ist das trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denn die drei Jahre in Weimar mit Kursen bei Klee, Kandinsky, Gropius, Schreyer und Itten sowie in der Webwerkstatt von Gunta Stölzl erlebte Kerkovius als fast ausgereifte Künstlerin, die einfach wissbegierig blieb. Sie hatte sich in einer Epoche, als Frauen in der Kunst so viel zu melden hatten wie im Vatikan, keine Akademien besuchen durften und wenn, dann nur in handwerklichen Fächern, bereits ihren Platz als lehrende Malerin erkämpft.

Stuttgart brennt - und Ida Kerkovius malt eine glühende Komposition mit dem Titel "Romantisches Rot"

Als sie 1920 nach Weimar ging, verfügte sie längst über ein originäres Ausdrucksrepertoire. Das hatte sich die 1879 geborene Kunstbesessene in ihrer Lehrzeit in Adolf Hölzels Dachauer Künstlerkolonie 1903 angeeignet sowie acht Jahre später als seine lehrende Meisterschülerin in Stuttgart: starkfarbige Kompositionen von großer emotionaler Intensität, die Figürliches und Abstraktes mischten - also eine persönliche Neuinterpretation der Bildsprache Hölzels, des Vorarbeiters der abstrakten Malerei in Deutschland. Und dieser früh gefundene freudige Malstil veränderte sich durch die Teilnahme an der Bauhaus-Revolution nicht im Wesen, sondern nur in der Virtuosität. Ida Kerkovius malte bis zu ihrem Tod 1970 eine von Wärme und Zuversicht durchdrungene Welt im Stadium voller Blüte, die sich schon auf ihren frühesten lyrischen Bildern mit Engeln und Schäferidyllen angedeutet hatte.

Das ist umso erstaunlicher, als Ida Kerkovius' Leben an Rückschlägen wahrlich nicht arm war. Sie verlor früh ihre Eltern und kurz darauf auch ihr Erbe durch staatliche Enteignung. Im Ersten Weltkrieg durfte sie in Deutschland nicht mehr lehren, weil sie mit der Annexion Lettlands durch Russland zwangsweise die Staatsangehörigkeit des deutschen Kriegsgegners erhielt. Im Dritten Reich wurde eines ihrer Bilder in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt, und sie hielt sich mit Webarbeiten über Wasser. Schließlich wurde im Krieg ihr Atelier ausgebombt.

Energisch und mit leuchtenden Farben verarbeitete sie den Zeitgeist der Moderne: Ida Kerkovius: "Gelber Kreis", um 1960.

(Foto: Frank Kleinbach/©Villa Merkel, Galerien der Stadt Esslingen am Neckar)

Betrachtet man die parallel dazu entstandenen Bilder, findet sich darin jedoch keine Reaktion auf Terror, Schrecken und Angst. Kerkovius malt weiter vielfarbige, intensiv leuchtende Fantasielandschaften, als könne sie sich damit vom Grauen exorzieren. Selbst das brennende Stuttgart, in dem ihr Atelier mit vielen Bildern unterging, verarbeitet sie 1944 in einer kraftvoll feurigen Komposition mit einer Frauengestalt vor einer Stadt mit leuchtenden Ornamenten. Keine sichtbare Trauer ist in dem glühenden Motiv zu erkennen, das den Titel "Romantisches Rot" trägt - obwohl sie diese Monate im Bombenkrieg als die "schwersten" ihres Lebens beschrieb.

Diese Fähigkeit der Transformation zeugt von einer starken Künstlerpersönlichkeit, die sich immer mit den Größten ihres Fachs vergleichen wollte. Einflüsse von ihrem Bauhaus-Lehrer und späteren Freund Paul Klee sind in manchen ihrer Bilderfindungen ebenso persönlich weiterentwickelt wie die nordische Wildheit Noldes oder die Sonnigkeit der Côte-d'Azur-Maler Matisse und Picasso. Sie malt nach dem Krieg Szenen, die wie eine Reformation von Oskar Schlemmers "Triadischem Ballett" aussehen. Sie entwirft bei Reisen auf ihre Trauminsel Ischia, nach Norwegen oder in die Bretagne schillernde Landschaften mit kleiner Verbeugung vor den Impressionisten wie den Expressionisten. Und mit jeder dieser Wendungen gibt sie deutlich zu verstehen, dass sie sich keiner Kunstrichtung zugehörig fühlt und Ismen ihr ziemlich schnurz sind.

Kerkovius' Heilung der Welt mit Farbe und Form ist nicht fein im Strich. Energisch verarbeitet sie den Zeitgeist der Moderne und später der Nachkriegsmoderne, mit dicken Pinseln, Pastellstiften oder Verwischungen. Nicht das ausgearbeitete Detail zählt in diesen leidenschaftlichen Porträts einer romantischen Welt. Kerkovius verführt den Betrachter zur Sinnlichkeit. Und so gibt es kaum ein Bild ohne die Lustfarbe Rot oder beschwingte Formen mit Nähe zum Tanz. Selbst die wenigen erdfarbigeren Bilder melancholischer Stimmung sind nicht angewest von Zerstörung oder Fäulnis. Ida Kerkovius malt immer lieb, im besten Sinne einer optimistischen Weltsicht. Und ab und an findet man sogar ein feines Lächeln in ihrem Öl.

Immer wieder dominiert die Farbe Rot: Ida Kerkovius, Selbstporträt II, 1935.

(Foto: Bernhard Strauss/Stiftung BC-pro arte, Biberach/Riss)

In der großen Männerfeier des Bauhaus-Jubiläums ist es dringlich, aber natürlich auch eine Gelegenheit, an die weibliche Seite dieses umwälzenden Lehrbetriebs zu erinnern, auch wenn man dafür in eine Kleinstadt in Thüringen reisen muss. Und dass unter den Meistern der Meister auch mal eine Meisterin sein konnte. Denn was wäre aus den berühmten Grundkursen von Johannes Itten und den Theateraufführungen von Oskar Schlemmer geworden, wenn sie nicht in ihren eigenen Lehrjahren auf eine so ausgezeichnete Kunsteinführung wie bei Ida Kerkovius in Stuttgart getroffen wären. Die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts wäre anders verlaufen.

Ida Kerkovius. Eine Künstlerin des Bauhauses. Im Kunsthaus Apolda Avantgarde, bis 31. März. Katalog 130 Seiten, 16 Euro.