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Kunst & Literatur II:Versuch eines Laien

In der Ausstellung im Museum K20 in Düsseldorf handelt Knausgard Munchs Spätwerk zu oberflächlich ab.

Von Catrin Lorch

Bilder, die so berühmt sind wie Edvard Munchs "Der Schrei" kann man an einer Hand abzählen. Da wäre Leonardos "Mona Lisa". Vermeer, Rembrandt? Wenn man ehrlich ist, reicht eine Hand mit zwei Fingern. Munch gehört zu den Künstlern, die jeder kennt und deren Werke, wenn sie ausgestellt werden, Massen anziehen. Allerdings sind sie so kostbar, dass Museen sie ungern ausleihen. Wer heute mit Munchs Werk arbeitet, als Kurator, Wissenschaftler oder Museumsdirektor, darf sich ausgezeichnet fühlen. Die Munch-Ausstellung mit 140 Werken in Düsseldorf ist so ein Projekt. Doch haben die Fachleute die Expertise aus der Hand gegeben, wie der Titel verrät: "Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård", Kurator ist der norwegischen Star-Autor.

Als sie die Ausstellung vor zwei Jahren in Oslo im Munch-Museum gesehen habe, sei sie "sehr berührt gewesen" erklärt Susanne Gaensheimer, die Direktorin des K20. Und die Schau ist auch unbedingt sehenswert. Zum einen, weil sie hervorragende Bilder nach Deutschland gebracht hat, viele sind zum ersten Mal hier zu sehen. Zum anderen aber, weil es zu befürchten ist, dass sie Vorbild wird für die Koppelung von Kunst und Prominenz. Denn weil man Karl Ove Knausgård, der seine Arbeit am Œuvre Munchs auch in seinem jüngsten Buch "So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche" spiegelt, wirklich freie Hand ließ und er allein über Auswahl und Hängung entschied, zeigt die Schau die Beschränktheit einer so subjektiven Auswahl.

Was literarisch schlüssig klingt, bleibt dem Werk die Interpretation schuldig

Das Risiko, einen Laien einzuladen, das Spätwerk des im Jahr 1863 in Løten geborenen Norwegers zu sichten, war hoch. Denn diese Zeitspanne wird im Vergleich mit der Zeit vor der Jahrhundertwende, als Munch ikonische Bilder wie "Der Schrei", "Das kranke Kind" oder "Die Eifersucht" malte, von der Kunstgeschichte nicht hoch geschätzt. Es setzt ein, als Munch nach Entziehungskuren und dem Aufenthalt in der Psychiatrie im Jahr 1909 nach Norwegen zurückkehrte. Damals wandte er sich auch von einer Avantgarde ab, die an der Auflösung der Figuration arbeitete, am Kubismus und der Abstraktion. Munch richtete sich dagegen in der Provinz ein, sein Ruhm ermöglichte es ihm, bei der Figuration zu bleiben und sich mit der Außenwelt zu befassen, mit Landschaften und Porträts. Als der unverheiratete, kinderlose Künstler starb, war der norwegische Staat sein Erbe, der für den gewaltigen Nachlass das im Jahr 1966 eröffnete Munch-Museum baute.

Aus diesen Depots auszuwählen ist der Traum eines jeden Kurators: Es gibt Unbekanntes zu entdecken, viele Arbeiten sind nicht einmal betitelt. Dass Karl Ove Knausgård, eingeladen, mit der Sammlung zu arbeiten, große Skrupel hatte, legt er in seinem Buch offen, das nicht nur eine Annäherung an die Kunst ist, sondern auch an den Maler selbst und die eigene Rolle des Kurators. Weil Knausgård nicht das Auge und nicht die Erfahrung hat, wirklich auszuwählen, das Unübersichtliche des Werks zu ordnen, hat er Schneisen hineingeschlagen. Seine Ausstellung gliedert sich in vier Säle, die motivisch sortiert sind. Unter den Überschriften "Licht und Landschaft", "Der Wald", "Chaos und Kraft" und "Die Anderen" entspricht jedem Raum ein Katalogtext. Doch beschäftigt sich Knausgård nur oberflächlich mit Motiven wie dem Großformat "Frühling im Ulmenwald", in dessen Zentrum aus blauen, grünen und braunen Pinselschwüngen ein verkrümmt-verwachsener, laubloser Baumstamm aufragt, so ausdrucksvoll geformt wie ein Tierschädel. Schon Knausgårds Beschreibung des Gemäldes ist voller Fehler. Und die Antwort auf die Frage "Was will dieses Bild von uns?" klingt literarisch vielleicht schlüssig, bleibt dem Werk aber die Interpretation schuldig: "Es will nichts von uns", heißt es, "wenn es kommuniziert, dann so, wie Bäume kommunizieren."

Hat der Autor es deswegen mit einem guten Dutzend weiteren Gemälden von Stämmen, Bäumen und Wäldern kombiniert? Darunter sind auch ultrabreite Leinwände, die einfach eine Reihe von Stämmen zeigen, sie wirken wie Studien oder Grundierungen. Die Hängung ist genauso überrumpelnd wie die Argumentation. Eine so unheimliche Leinwand wie der "Frühling im Ulmenwald" gewinnt zudem nicht, wenn man sie in der Interpretation schlicht unter "Wald" rubriziert - "Der Schrei" wird ja auch nicht unter "Mensch auf Brücken" abgelegt.

Knausgårds erklärt subjektive, erzählerische Herangehensweise führt auch zu grandiosen Momenten. Wie im letzten Saal, wo mehr als ein Dutzend Porträts auf strahlend gelben Wänden hängen. Die überlebensgroßen Figuren wirken wie eine gewaltige Parade. Doch vor dieser Stehparty fragt man sich schon, warum so viele der Herren in der gleichen Pose dastehen und ob da nicht auch eine gewisse Routine herrschte im Atelier des Genies, das selbst zum älteren Herrn geworden war. Die Gesamtwirkung geht sichtbar auf Kosten des Einzelbildes; hätte man ein Viertel der Leinwände weggelassen, wäre der Aufmarsch atemberaubend gewesen. Und die gelben Wände, die schwächere Bilder anheben, saugen das Leuchten aus einem Meisterwerk wie "Hermann Schlittgen" (1904).

Dass das Museum die Entscheidungen Knausgårds dennoch respektierte, ist der Grund, warum die Schau nun mehr als sehenswert ist. Anette Kruszynski und Susanne Gaensheimer haben nicht eingegriffen, sondern dem Experiment einen Rahmen gegeben. Dass es sich um eine sehr persönliche Annäherung handelt, unterstreicht der Titel. Und dass die vielen einzigartigen und eigenartigen Werke kontextualisiert und verstanden werden, ermöglicht der ausführliche Text von Anette Kruszynski am Ende der Katalogs.

Ist die Ausstellung nun mehr als eine Gelegenheit, rare, sehr schöne Bilder von Edvard Munch zu sehen? Ihr Gelingen wird von der Szene aufmerksam beobachtet: Museen, die heute wie Großunternehmen betrieben werden, stehen in Konkurrenz zu allen anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie, und die Einbindung von Prominenz erzeugt Aufmerksamkeit. Nachdem Beyonce und Jay-Z ein Video im Louvre gedreht hatten, verzeichnete man dort signifikant mehr junge Besucher. Und im vergangenen Jahr durfte der Regisseur Wes Anderson in Wien im Kunsthistorischen Museum in die Präsentation eingreifen. Die Schau in Düsseldorf ist aber deswegen beispielhaft, weil sie explizit ist, ihr Entstehen offenlegt und den Charme, aber auch die Beschränktheit dieses sehr aufrichtigen und ernsthaft betriebenen Versuchs zeigt.

Edvard Munch, gesehen von Karl Ove Knausgård. K20, Düsseldorf. Bis 1. März 2020. Der Katalog kostet 28 Euro.

© SZ vom 12.10.2019
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