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Kunst:Kunst in der Kälte

Besonders empfehlenswert ist der Blick von der Seite auf die 21 beleuchteten Stelen von Sabine Wimmers "Tangente".

(Foto: Felix Winter, VG Bildkunst 2018)

Sabine Wimmers Ausstellung "Twone" in der Halle des San-Depots in Aichach

Sabine Wimmer ist eine gründliche Denkerin. Sie knüpft an Vorgegebenem an, analysiert die Denkprozesse anderer Künstler. Nicht irgendwelcher Künstler natürlich, sondern die der ganz großen Meister, egal ob in Literatur oder bildender Kunst. Auf die leichte Schulter nimmt die Eichstätterin nichts. Seit Februar hat sie in der Halle des San-Depots auf Einladung des Aichacher Kunstvereins an ihrer Ausstellung gearbeitet. Eine Herausforderung, allein in gesundheitlicher Hinsicht. Die 500 Quadratmeter große Halle, die die Bundeswehr bis zum Ende des Kalten Krieges als Materiallager nutzte, fühlt sich auch an diesem warmen Maitag noch kalt und feucht an. Aber sie eignet sich gut für die lustvoll sperrige Rauminstallation, die Wimmer geschaffen hat.

Mitten in der Halle hat sie einen Monolithen gestellt. Ein schmaler heller Streifen zieht sich über ihn. Erst aus der Nähe eröffnet sich ein mit Bleistift gezeichneter kunstgeschichtlicher Exkurs: Gerade zwölf Millimeter hoch reihen sich 61 mit Bleistift gezeichnete Bildausschnitte aneinander, meist kleine Szenen mit Köpfen, schließlich geht es Wimmer immer ums Denken. Wer Lust hat, kann sein kunstgeschichtliches Wissen überprüfen und versuchen, möglichst viele Bilder zu identifizieren. Cranach ist darunter, aber auch El Greco, Rembrandt, Ingres, Monet, Picasso und viele weitere Meister, die Wimmer, Jahrgang 1972, sich während ihres Studiums an der Münchner Akademie durch Nachzeichnen aneignete. Die meisten tauchen auch in Marcel Prousts Romanzyklus "Die Suche nach der verlorenen Zeit" auf. Für dessen Lektüre habe sie sich ein Jahr gegönnt, sagt Wimmer. Der Zweck des Fries': "Ich wollte zeigen, auf welchen Schultern wir Gegenwartskünstler stehen."

Nach Proust nahm sie sich den nächsten Brocken vor: James Joyces "Finnegans Wake". Während sie mit Proust das weite Land der Erinnerungen erforschte, faszinierten sie hier die radikalen Sprachexperimente des irischen Autors, sein Versuch, mit Wortschöpfungen eine neue Sprache zu erfinden. Eine Möglichkeit, die nach Wimmers Ansicht auch die babylonische Sprachverwirrung bot. Sie reagiert auf das Joycesche Wechselspiel von Chaos und Ordnung mit Radiernadel, Stift und Farbe, nennt ihre Technik "Scindura", eine Zusammensetzung aus scindere (ritzen) und pictura (Malerei). Zwölf große Alu-Tafeln lehnen in den Nischen der Halle. Darauf jeweils zwölf geordnete horizontale Linien, denen chaotisch überkreuzende Linien begegnen. Dazu an den Pfeilern zwölf Ritzungen auf schwarzem Karton: fünf hochformatige Babel-Arbeiten, und - im Umkehrwort - sieben Lebab-Tafeln im Querformat. Die Zahlen 1, 2, 12 und 21 spielen eine große Rolle; darauf weist auch der einer Joyceschen Wortschöpfung entliehene Titel hin: Twone - gebildet aus one and two.

An der Nordseite der Halle hängt Wimmers Auseinandersetzung mit der Naturphilosophie des römischen Dichters Lukrez, eines frühen Aufklärers, der sich im 1. Jahrhundert vor Christus in "De rerum natura" bereits mit Atomen auseinandersetzt, die er sich massiv, unvergänglich, unsichtbar winzig vorstellt, wie Staub im Sonnenlicht. Das alles muss man nicht wissen, um sich von Wimmers "Clinamen" - so nennt Lukrez die geringfügigen Abweichungen der Atome im lotrechten Fall - beeindrucken zu lassen. Die strengen Linien mit minimalen Veränderungen sprechen für sich. Das gilt auch für Wimmers jüngste Arbeit "Tangente": 21 beleuchtete Stelen, auf denen 15 Millimeter dicke Akrylglasplatten zu schweben scheinen. Deren untere Seiten ritzte sie mit Strichen, in die oberen kerbte sie Zeilen und Schriftzeichen. Entstanden ist ein fiktives, blau schimmerndes Alphabet. Nicht mit 26, sondern 21 Buchstaben. Das Twone-Prinzip muss schließlich aufgehen.

Sabine Wimmer: Twone; Sa., So. und Feiertage, 14-18 Uhr, San-Depot Aichach, bis 10. Juni