Kunst Kommen Sie raus, können Sie reinschauen

Ideologiefalle Immersion: Das Stalinismus-Spektakel "DAU" wurde in Paris zu einem Debakel. Das ist kein Einzelfall - die zeitgenössische Kunst begibt sich mit der interaktiven Mitmachkunst auf einen Irrweg.

Von Peter Richter

Jetzt ist das groß als nie da gewesenes "immersives Erlebnis" angekündigte Film- und Großkunstprojekt "DAU" in Paris schon wieder zu Ende gegangen, aber das Echo ist immer noch nicht besser geworden als zum verkorksten Auftakt vor drei Wochen. Es reicht immer noch von "Enttäuschung", über "Flop" bis zu "stalinist cosplay", also Kostümflirt mit dem Totalitarismus (so sah es die Kunstzeitschrift Frieze): 700 Stunden Filmmaterial über ein sowjetisches Institut, in denen die Darsteller wie Versuchstiere in einem Experiment Suff, sexuelle Bedrängung und Gewalt jahrelang real durchleben sollten, sind problematisch genug. Dass der Betrachter aber nur unter Abpressung intimster Bekenntnisse Zutritt erhielt und an der denunziatorischen Lageratmosphäre auch noch mitwirken sollte, machte es wirklich unangenehm. Bis das alles in London zur nächsten Aufführung kommt, wäre es vielleicht einmal an der Zeit, kurz darüber nachzudenken, ob das eigentliche Problem nicht schon in dem Versprechen "immersives Erlebnis" wurzelt. Von nie da gewesen kann da nämlich keine Rede sein. Leider. Mitmachkunst, die den Betrachter durch ihre Spielanordnungen zur Komplizenschaft nötigen will, um ihn als kritisches Gegenüber auszuschalten, ist geradezu epidemisch geworden.

Der Jargon der Interaktivität erweist sich oft als simpler Unterwerfungsbefehl

Das Debakel von DAU ist also ein guter Anlass, eine Mode in den Künsten zu hinterfragen, die um so fragwürdiger erscheint, je mehr sie es darauf angelegt, eben nicht hinterfragt zu werden. Zu den Mitteln dafür zählen typischerweise Aufforderungen wie "offen sein für" und "einlassen auf", also lieb klingender Stuhlkreis-Jargon, der sich in der Praxis fast immer als Euphemismus für den Wunsch nach kritikloser Bejahung erweist, letztlich also: als Unterwerfungsbefehl.

Die erstaunliche Renaissance der Beschwörungsformel "Immersion" ist bezeichnend dafür. Immersion, die völlige Versenkung in eine fremde, oft künstliche Umgebung, ist etwas, das oft zum Erlernen von Fremdsprachen empfohlen wird, das Eltern computerspielsüchtiger Kinder aber mindestens genauso oft Sorgen bereitet und ansonsten Ursprungsmythos des Kinos ist, der bildende Künstler offenbar häufig in einen beträchtlichen Neidkomplex stürzt. Denn der Unterschied zwischen Kinofilm und Kunstvideo zeigt sich immer noch am zuverlässigsten bei einem Blick ins Publikum: Versuchen alle in der Mitte zu sitzen, ist es Kino; drängen sich hingegen alle am Rand, nah dem Ausgang, handelt es sich in der Regel um einen Kontext der bildenden Kunst.

Diese Verhaltensweisen sind so zuverlässig und omnipräsent, weil es lang eingelernte Rezeptionstechniken sind; die Leute dürften wissen, was sie tun. Kinozuschauer wollen meistens eintauchen in den Rahmen der Leinwand, ins Bild und in die Handlung. Der typische Kunstbetrachter verharrt lieber in kritischer Halbdistanz. Im Zweifel will er sich auch einfach die Möglichkeit offenhalten, vor dem Ende wieder rauszugehen. Denn vielleicht, wer weiß, spukt im Hinterkopf immer noch Lessings Versprechen aus dem "Laokoon" herum, wonach Werke der bildenden Kunst sich nicht zuletzt dadurch von solchen der Literatur unterscheiden, dass sie sich nicht sukzessiv, sondern simultan wahrnehmen lassen, was ihr Erlebnis nicht weniger komplex machen muss, nur deutlich zeitsparender.

Viele Künstler befördern diesen Impuls nicht unbeträchtlich durch eine programmatische Langwierigkeit, die oft genug für den Kunstcharakter ihrer Filme einzustehen hat. Andere wiederum bekämpfen wütend die Fluchtreflexe ihres Publikums, indem sie gar nicht erst versuchen, es mit ästhetischen Mitteln zur Selbstversenkung in ihre Arbeit zu verlocken, sondern es durch administrative Gewaltanwendung hineinzuzwingen.

Das Projekt "DAU" hat nun gleich in beiden Disziplinen neue Maßstäbe gesetzt. Aber es hat diese Disziplinen natürlich nicht erfunden. Versuche, ein vermeintlich erlösungsbedürftiges Publikum zu "aktivieren", so, als wäre eine kontemplative Haltung zu den Dingen weniger heilsfördernd, so, als wären das Betrachten und das Denken irgendwie weniger aktivistische Aktivitäten als das Eintauchen, Fühlen und Empfinden, solche Versuche gibt es leider schon viel zu lange. Die Frage ist nur immer die, was bei diesen Erlebnisparcours am Ende der Gewinn sein soll.

Als die Berliner Festspiele, die sich ebenfalls eifrig um die Präsentation von "DAU" bemüht hatten, vor ein paar Jahren ihr Programm unter das Motto der "Immersion" stellten, da klang das noch vielversprechend so, als solle auf den Feldern der Künste etwas zur Ansicht gebracht und analysiert werden, das unter dem Stichwort der Digitalisierung gerade dabei ist, die echte Welt förmlich aufzufressen.

In einer Berliner Ausstellung zu immersiver Kunst seit den Sechzigerjahren im vergangenen Jahr war dann von diesem Impuls leider nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen: eine beinahe schon infantile Begeisterung für die vielen bunten Spielzimmer, in denen es blinkte, roch, Tee gab und die Besucher vom Personal mit der Mitteilung "This is so contemporary" angegangen werden, was ein seinerseits etwas in die Jahre gekommener Scherz des Künstlers Tino Sehgal ist. Als "Welten ohne Außen" wurde das gefeiert, so, als sei dergleichen irgendetwas Erstrebenswertes. (Eine Welt ohne Außen ist immerhin auch das, was die Volksrepublik Nordkorea versucht, ihren Einwohnern zu sein, an deren Kulturübungen übrigens vieles bei der Mitmachkunst des Westens erinnert.)

Was dabei überrascht, ist nicht nur der begeisterte Anti-Intellektualismus, der so etwas prinzipiell in eine Reihe stellt mit der Art von immersiven Erlebniswelten, die jetzt in den USA zu Vergnügungszentren für die Befüller von Bildplattformen wie Instagram und Snapchat geworden sind; Orte sind das, die etwa "Museum of Ice Cream" heißen oder "Happy Place". Wirklich überraschend und auch ein wenig bedenklich ist, dass einem dieser Gestus als die eigentlich emanzipative Leistung verkauft wird.

Warum und in wessen Interesse soll der Betrachter kein kritisches Gegenüber mehr sein?

Dass der Betrachter als Subjekt reflektierend einem Objekt gegenübersteht, galt über Jahrhunderte eigentlich als Grundlage jeder Kunstbetrachtung. Das gilt übrigens besonders immer auch bei der Art von Werken, die heute als Vorläufer immersiver Installationen herhalten müssen, bei illusionistischer Barockmalerei etwa: Der intellektuelle Reiz bestand da schließlich im fortwährenden Kippeln auf der ästhetischen Grenze zwischen Täuschung und Enttäuschung, das etwa die Kommentatoren von Velázquez zu erkenntnistheoretischen Blüten trieb. Seit einiger Zeit aber wird mit Wut an der Abschaffung dieser Differenz gearbeitet, wird dieser Dualismus als alteuropäischer Plunder gebrandmarkt, der ähnlich wie das Projekt der Aufklärung seine Zeit gehabt habe, nun dringend überwunden werden müsse. Nur warum eigentlich? Und in wessen Interesse?

Die letzten Male, als Räsonnement und Kritik dermaßen vehement zugunsten von Erlebnis, Gefühl, Affirmation und jubelndem Aufgehen in der Masse verabschiedet wurden, herrschten in Deutschland noch die Kulturregimes von Diktaturen. Der Romantizismus schwelgerischen Aufgehens und Einswerdens mit den Dingen hat nun einmal seine Konjunkturen. Dass er jetzt häufig auch mit postkolonialistischem Anstrich wieder hervorgekramt wird, ist allerdings nur eine leidlich komische Pointe

"DAU" konfrontierte seine Besucher mit einem eindrucksvollen Aufgebot an Popen, Imamen und mongolischen Schamanen, denen man vor laufender Kamera sein Innerstes offenbaren sollte: Ein exotistischer Spiritualitäten-Zoo war das, in dem im Prinzip alle vorkamen, außer dem katholischen Priester, der in der Kirche um die Ecke auf traditionelle Weise die Beichte abnimmt. Aber auch das war nichts Revolutionäres. Es dockte nur an den Trend an, Kunst als Therapie auszugeben und den Betrachter zum heilungsbedürftigen Patienten herunterzupathologisieren. Die Folge sind immer mehr Galerieräume, die an New-Age-Seminare oder Ayurveda-Retreats erinnern, von denen es allerdings außerhalb der Galerien eigentlich wirklich schon genügend gibt auf der Welt. Die Fetischisierung nicht westlicher Heils- und Heilungstechniken, die sich da manifestiert, hat nur leider den Nachteil, dass wie zu den Zeiten des Ethno-Booms in den Siebzigern das globale Andere zu einem ahistorischen, homogenen Block zurechtromantisiert wird - zu einem synkretistischen Kultur-Spa für überreizte Westler. Aus dem Fernen Osten kommen gerade aber nicht nur viele tröstliche Dinge, die mit Yin und Yang zu tun haben oder mit Qi und Gong, sondern auch ein paar eher beunruhigende - nämlich solche, die auf Einsen und Nullen gründen, also dem Erbe kühlster, westlichster Rationalität, und die die Frage nach dem Mitmachen und dem Nichtmitmachen, nach dem Draußenbleiben oder dem Sichfügen noch einmal mit ganz anderer Schärfe stellen.

Vielleicht wäre es in diesem Licht angemessener, wenn die Künste ein kritisch distanziertes Bewusstsein eher trainierten, als es einem aberziehen zu wollen. Vielleicht ist Immersion also exakt die falsche Richtung. Und vielleicht - oder sogar ziemlich sicher - ist es nur eine neue Spielart von selbstverschuldeter Unmündigkeit, dafür auch noch Eintrittsgeld zu bezahlen, statt als Akteur, der man ja sein soll, wenigstens welches zu verlangen.