Kunst Knabenmoral

Eine Ausstellung in Berlin feiert die schmalbrüstigen, verletzlichen jungen Männer in der deutschen Bildhauerei rund um den Ersten Weltkrieg - und gibt der Gegenwart zu denken.

Von Peter Richter

Jetzt sind wir schon so weit, dass die Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin hasserfüllte Post bekommt, wenn sie eine Ausstellung über "Zarte Männer in der Skulptur der Moderne" ankündigt. Ob sie keine "normalen Männer" zeigen könne, habe man unter anderem von ihr wissen wollen. Und die einzig adäquate Gegenfrage wäre natürlich, wie so etwas gerade in Deutschland eigentlich aussehen sollte. So viele Bildhauer, die sich mit den Themen Bauchansatz, Rundrücken und billiges Schuhwerk befasst haben, gibt es schließlich gar nicht. Und noch weniger Bildhauerinnen.

Was es hingegen gibt und was diese sehr sehenswerte Ausstellung zeigt, das ist eine Menge Skulpturen aus den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg, die feingliedrige, überlängte Figuren vorstellen, eher die Körper von Heranwachsenden als die von Männern, und oft in einem melancholischen, verletzlichen Habitus. Ephebisch oder gar sylphidisch hätte man diese Jünglinge an den humanistischen Gymnasien jener Zeit genannt, deren Primaner damals nicht nur von den Generälen an der Front gern verheizt wurden, sondern zuvor schon von den Schriftstellern in der expressionistischen Vatermörderliteratur, in der sie über Jahre immer wieder gegen ihre kaltherzigen Ahnen rebellieren müssen und anschließend das All umarmend aus den Fenstern springen.

Soldatische Härte? Rund um den Ersten Weltkrieg war das Ranke und Schlanke sehr beliebt

Die frühesten Beispiele, die sie im Kolbe-Museum zeigen, stammen schon aus den 1880er-Jahren, das späteste von 1940; fast alle sind von Männern, nur einige sind von der Bildhauerin Renée Sintenis, und fast alle sind aus Deutschland - mit der Ausnahme der sich selbst umarmenden Knaben des Belgiers George Minne, die man auch als narzisstischen Reigen von dem Minnebrunnen des Karl Ernst Osthaus aus Hagen kennt: Der Markt für schmale Männerfiguren war offensichtlich groß im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Erstaunlich ist, wie lange selbst im Nationalsozialismus so etwas noch möglich war, wenn auch unter Anfeindungen.

Das ehemalige Wohnhaus und das Atelier des aus Sachsen stammenden Bildhauers George Kolbe im Berliner Westend war immer schon ein hinreißender Ort, um einen Sonntagnachmittag lang moderat moderne Skulpturen zu betrachten oder einfach unter den durchsonnten Kiefern im Garten Kaffee zu trinken. Die thematischen Sonderausstellungen der letzten Zeit haben das Haus aber auch zu einer der inhaltlich relevantesten Adressen in Berlin gemacht, weil hier klassisch kunsthistorische Befunde den Diskursinteressen der Gegenwart entgegenkamen.

Im Frühjahr waren das die ersten Generationen von Frauen, die in Berlin Bildhauerei betrieben und sich dabei verblüffend oft mit Tierdarstellungen befasst haben. Danach hatte es eigentlich um starke Männer gehen sollen, um Muskelberge im bildnerischen Einsatz für Militarismus und Rassenkram. Dafür gab es aber zunächst keine Fördermittel. So gerieten die Gegenstücke in den Blick, zum Glück. Dass von den Nazis hofierte Bildhauer wie Arno Breker und Josef Thorak antikische Heldenfiguren noch einmal gehörig mit Steroiden aufgepumpt hatten, führte zu NS-Herkulessen, die heute eher als ideologische Dokumente wichtig sind denn als Kunst.

Das ist bei den zarten Männern, wie das Museum diesen Typus getauft hat, eindeutig anders. Einige der bedeutendsten bildhauerischen Leistungen der Moderne in Deutschland, etwa von Wilhelm Lehmbruck oder Georg Kolbe selbst, sind Feiern des Leptosomen beziehungsweise des "Asthenischen", wie der Psychiater Ernst Kretschmer den langgliedrigen, schmalbrüstigen, kleinköpfigen Konstitutionstyp damals genannt hatte. Und dass er damit Eigenschaften wie geistige Empfindlichkeit und Sprunghaftigkeit verband, das wird schon eine Rolle gespielt haben für die Popularität des Typus zu einer Zeit, in der die Nervosität für gebildete Stände mindestens so ein Statussymbol war wie heute die Laktoseintoleranz.

Das weiß man nicht zuletzt aus der Literatur, und der Katalog widmet einen ganzen Aufsatz den "hommes fragiles", die von Rainer Maria Rilke bis Mann, Thomas wie Heinrich, mit tiefer Empfindsamkeit über die Seiten getrieben werden. Wer rund um den Ersten Weltkrieg durchgängig die soldatische Härte erwartet, die Klaus Theweleit in seinem Buch von den "Männerphantasien" beschrieben hat, ist hier womöglich selber so einer erlegen, denn neben den verpanzerten Freicorps-Typen gab es selten in der Geschichte eine solche Welle von enthusiastischen oder elegischen Schwärmern, jedenfalls in den Künsten.

Auch dass die Deutschen überhaupt schon kurz nach der Reichsgründung anfingen, dieses bemerkenswerte Faible für das Ranke und Schlanke zu entwickeln, ist eigentlich nur so lange erstaunlich, bis dieses Erstaunen sich gewissermaßen selbst in den Blick nimmt. Denn die Bierbauchigkeit der Fabrikantenvillen und Bismarcktürme war nur die eine Seite des Wilhelminismus; fast alles, was kulturell heute noch von Belang ist, von Nietzsche über FKK bis zum Vegetarismus, entsprang eher dem Hadern damit.

Die Lust am Feingliedrigen in der deutschen Kunst trifft auf homophobes Ressentiment

Es sieht so aus, als ob vieles von dem, was hier phänomenologisch für Aufregung sorgt, vor allem ein Problem der Rezeption sei. Das war zu der Zeit, als die Dinge entstanden, aber auch schon so. Die Kunsthistorikerin Marianne Koos hatte in ihrer Dissertation über die "lyrischen Männerporträts" aus dem frühen 16. Jahrhundert darauf aufmerksam gemacht, wie wenig die vielen verträumt dreinschauenden jungen Männer von Giorgione, Tizian und ihrem Umkreis zu dem Bild passen wollten, das Jacob Burckhardt von der Renaissance gemalt hatte, vom ruhmsüchtigen und "allseitigen Gewaltmenschen" mit "zwingender persönlicher Macht" und "höchst intensiver Willenskraft". Denn der Baseler Gelehrte hatte dabei Feldherren-Standbilder von Donatello vor Augen - und mit ziemlicher Sicherheit die Industriebarone seiner eigenen Zeit im Hinterkopf. Giorgiones und Tizians lyrische Jünglinge müssen ihm da vorgekommen sein wie Buddenbrooks nichtsnutzige Nachfahren. Aber noch zu Lebzeiten Burckhardts halten hinter den Neorenaissancefassaden der Gründerzeit nun die zarten Männer der Berliner Ausstellung Einzug.

Sie setzt nämlich exakt da ein, wo Bronzegießereien im späten 19. Jahrhundert in großen Auflagen ausgerechnet jene antike Skulpturentypen wieder aufleben lassen, die eher das Zarte und Intime betonten als das Ausgreifende und Mächtige, die also besser in ein bürgerliches Wohnzimmer passten als ins Treppenhaus eines Schlosses.

Während das Kaiserreich sich im Außenbereich mit wuchtbrummigen Karyatiden ausstaffierte - den Figuren, die immerhin auf ihren Köpfen ganze Balkone tragen müssen -, herrschte in den Innenräumen eine bemerkenswerte Lust am Feingliedrigen. Für den Hausgebrauch wurden nur eben jene antiken Typen abgekupfert, die für die häuslicheren Bedürfnisse auch besser geeignet waren. Es begegnen einem Ganymede oder auf Kugeln balancierende Knaben, die an die alten Personifikationen der "Occasio" erinnern, also der Gelegenheit, was ja kein unpassendes Sujet ist für die Kommode eines Kaufmanns. Die erfolgreichste Kleinplastik des Deutschen Reiches, ein Longseller unter Kaiser, Republik und Nazis, war Jeremias Christensens "Knabe vom Berge"; die Figur soll offensichtlich Erinnerungen an Michelangelos Florentiner "David" bedienen, verhält sich dazu aber sozusagen selbst wie ein David zu einem Goliath; auch das erotische Potenzial hat hier Bonsai-Format, was nicht nur an dem züchtigen Lendenschurz liegt.

Das allerdings sollte sich in dem Maße ändern, in dem im anbrechenden "Jahrhundert des Kindes", von dem die schwedische Pädagogin Ellen Key 1904 schrieb, Jugend und Kindheit nicht nur metaphorisch eine immer innigere Wertschätzung erfuhren. So wie sich an die leicht bis gar nicht bekleideten Frauenfiguren, die jahrhundertelang alle möglichen Abstrakta zu personifizieren hatten, immer auch eher irdische Bedürfnisse geknüpft haben mögen, wurden die ranken Knabenkörper der frühmodernen deutschen Bildhauerei sicher nicht nur ihrer allegorischen Dimensionen wegen bewundert und gesammelt.

Kann sein, dass hier einige der bösen Briefe an das Kolbe-Museum ihren Anhaltspunkt finden. Angesichts der Diskussionen, die es zuletzt über die nackten Mädchen auf den Bildern der Brücke-Maler und Balthus' gab, wäre es eher überraschend, wenn es über die nackten Jungen in Bronze keine geben würde. Eine Ausstellung über "Zarte Männer in der Skulptur der Moderne" geht, wie gesagt, von einem Befund in den Tiefen der Kunstgeschichte aus, wird aber vor allem durch die Reaktionen aus der Gegenwart brisant; die sind in diesem Fall ein ebenso aufschlussreicher Indikator für das kulturelle Klima heute.

"Spornosexuell" - heute wollen Gangsterrapper wie Fußballer dünn, zart und definiert sein

Zu diesem Themenkomplex gehört allerdings auch, dass das homophobe Ressentiment, das sich in den Anfeindungen ausdrücken mag, zugleich immer auf eine Beleidigung von Heterosexuellen hinausläuft, jedenfalls derer, die sich um Schlankheit und jugendliche Erscheinung bemühen und in Einfühlsamkeit üben. Die Unterstellung, dass "zarte Männer" automatisch auf eine homosexuelle Thematik hinauslaufe, geht an mehr als nur der simplen Tatsache vorbei, dass auf einem durchschnittlichen Christopher Street Day heute pro Quadratmeter oft mehr Muskelmasse zusammenkommt als einst in dem Schwarzenegger-Film "Pumping Iron". Es verkennt auch, dass das Ideal schmalhüftiger Jünglingshaftigkeit heute selbst unter präpotenten Wasserpfeifenpaschas und Gangsterrap-Luden in hohem Ansehen steht. Einer der jungen Männer, denen eben in Essen der Prozess gemacht wurde, weil sie im Ruhrgebiet reihenweise Schülerinnen vergewaltigt hatten, gab zu Protokoll, wie wichtig es ihnen war, dass alle in der Gang sehr dünn waren.

Der Begriff "spornosexuell" löste vor ein paar Jahren in Männermagazinen den konsumistischen Metrosexuellen ab: Nicht mehr wie David Beckham galt es auszusehen, sondern so schmal und definiert wie Ronaldo. Dass der auf viele gleichzeitig so befremdlich wirkt wie die vielen Tränen heute auf den Fußballplätzen, die hemmungslos nach außen gekehrten Sensibilitäten, also der rücksichtslose Einsatz psychischer Zartheiten, wie sie sich teilweise auch in der Rabiatheit spiegeln, in die die neue Sensitivität heute an den Universitäten mitunter umschlägt: Das ist vielleicht mehr als eine Frage der Ästhetik oder der Generationen, sondern auch eine der Moral.

Man würde dieser wunderbaren Ausstellung am Ende nämlich auch dadurch Unrecht tun, dass man aus ihrem Sujet irgendetwas kulturell oder gesellschaftlich Normatives ableiten wollte, wie das die anonymen Beschwerdebriefschreiber aber offenbar unterstellen. Wenn es wirklich darum ginge, würde sich als Nächstes vielleicht eher eine Ausstellung über Gefasstheit und das In-sich-Ruhen anbieten, zum Beispiel anhand der Frauenakte von Aristide Maillol.

Zarte Männer in der Skulptur der Moderne. Georg Kolbe Museum, Berlin-Westend, bis 3. Februar. Katalog 12 Euro. Info: www.georg-kolbe-museum.de