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Kunst:Ins Fleisch

"Ich als Mensch": Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn befasst sich sehr körperlich mit dem Verhältnis der Geschlechter. Das Haus der Kunst in München zeigt ihr Werk in einer umfassenden Ausstellung.

Von Susan Vahabzadeh

Frauen sind in allen Bereichen der Kunst eine relativ neue Erfindung; noch vor hundertfünfzig Jahren gab es nur vereinzelte Porträtmalerinnen, und Romane von Schriftstellerinnen erschienen oft unter männlichem Pseudonym, was hieß, dass man meist auch gar nicht herauslesen konnte, dass sie von einer Frau geschrieben waren. Etwas davon hat sich bis in die Gegenwart gehalten: Es gibt bis heute den Argwohn, es gebe gar keine weibliche Perspektive auf die Welt. Das Geschlecht ist Teil der Identität, das würde also bedeuten, dass der weibliche Künstler einen Teil seiner selbst zurückbehält.

Die Hand- und Fußabdrücke, die die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn in manchen Kohlezeichnungen aus ihrem Frühwerk hinterlassen hat, wirken dazu ein bisschen wie ein ätzender Kommentar: Ich bin ja doch da, überall. Miriam Cahn ist von der zweiten Frauenbewegung geprägt, und das Frausein ist in ihrer Arbeit präsent - in nackten Brüsten und entblößten Geschlechtern, die keiner idealisierten Vorstellung folgen; in Bildern, die immer wieder von der Verteilung von Rollen und vor allem von der Verteilung von Macht erzählen. Es wäre wohl trotzdem ein Missverständnis, dies als einen zentralen Punkt in ihren Arbeiten zu sehen; die Ausstellung, die das Haus der Kunst in München Miriam Cahn widmet, heißt völlig zu Recht: "Miriam Cahn: Ich als Mensch".

Gegensätze, oder vielleicht besser: Pole sind ein Leitmotiv in dieser Ausstellung mit mehr als 150 Bildern und Objekten aus allen Schaffensperioden der Schweizer Künstlerin. Miriam Cahn, 1949 in Basel geboren, zeigt hier monumentale Kohlezeichnungen auf Pergament aus den frühen Achtzigerjahren bis hin zu ganz neuen, sehr farbigen Gemälden - sie war 2017 bei der Documenta 14 in Kassel dabei, und auch schon 35 Jahre zuvor bei der Documenta 7. Ihre Handschrift blieb über die Jahrzehnte immer sichtbar - und ihr Hang zur Querköpfigkeit. Eine ihrer ersten Arbeiten zierte eine Autobahnunterführung in Basel, und im Katalog kann man den Briefwechsel nachlesen, in dem sie ihr Werk gegen eine Verwaltung verteidigte, die ihre Probleme hatte mit dieser unbestellten Kunst am Bau.

Einige der Szenen dieser Ausstellung könnte man als "Me Too"-Bilder bezeichnen

Miriam Cahn sagt, sie habe Bilder von Atomexplosionen als Kind schön gefunden, bis man ihr sagte, was sie eigentlich sind. In ihren Atompilz-Gemälden, leuchtend gelb, blau und rosarot, die irgendwie aussehen wie psychedelische Quallen, finden Schönheit und Schrecken zusammen. Und diese Gegensätze des Menschseins prägen viele Arbeiten, die in dieser Schau zu sehen sind: Opfer und Täter, Küsse und Fausthiebe. "Liebenmüssen" und "Tötenmüssen" heißen zwei ihrer Gemälde.

Überwiegend sieht man in "Ich als Mensch" Malerei, es gibt vereinzelte andere Objekte, etwa bearbeitete Baumstämme, Aufnahmen von Plastilinskulpturen, denen die Künstlerin auf den Leib rückt, unter anderem natürlich mit einem Fausthieb, außerdem einen Raum mit frühen Super-8-Filmen, die sie teilweise beim Spazierengehen machte: Mit der Kamera vor dem Bauch dokumentierte sie, was sie sah - eine vorweggenommene Bodycam. Überhaupt scheint Miriam Cahn ein gutes Gespür für das zu haben, was noch kommt. Einige der Szenen zwischen Männern und Frauen, die sich gegenseitig verschlingen, könnte man durchaus als "Me Too"-Bilder bezeichnen.

Das Thema Flucht beispielsweise beschäftigt ihre Bilder schon seit vielen Jahren, wesentlich länger, als es ein Talkshow-Dauerbrenner ist. Miriam Cahns "Flüchtenmüssen" oder "An der Grenze" zeigt die Menschen, die die Kinder hinter sich her zerren, stilisiert, mit zeichenhaft reduzierten Gesichtern, als wolle man ihnen das Menschsein, die Individualität, streitig machen. Flucht beschäftigt Miriam Cahn, weil sie sie selbst als Teil ihres Lebens begreift, denn ihre Großeltern flohen vor den Nazis. Miriam Cahns Mutter, die in Paris geboren war, kam mit einem Kindertransport in die Schweiz, der Vater kam aus Deutschland mit seiner Mutter dorthin. "ich wäre nicht wenn meine/ grossmutter mutter meines vaters / nicht 1933 gesagt hätte: - entweder Hitler oder ich! -", schrieb sie in einem Text von 2015.

Auch die stilisierten Gesichter in ihren Bildern schauen zurück, wenn man sie ansieht. Miriam Cahn nimmt viel Einfluss auf die Präsentation ihrer Bilder - im Haus der Kunst wird versucht, Augenhöhe herzustellen zwischen Darstellung und Betrachter. Es gibt auch detaillierter ausgearbeitete Gesichter, da ist beispielsweise eine Frau mit einem blauen Schleier, die ein Mann im Würgegriff hat, während ein zweiter ihr unter den Rock greift. Und dann kommt es einem, an einer anderen Wand, fast so vor, als würde man ihr wiederbegegnen: in "le milieu du monde, schaut zurück" starrt einen eine Frau hinter dem blauen Schleier frech an, während sie dem Betrachter ihren entblößten Unterleib entgegenstreckt. Der Schleier, der ihren Kopf verhüllt, ist eigentlich dazu, ihre Sexualität zu negieren; in Cahns Gemälde bricht sie sich Bahn.

Sie greift die Reduktion der Frau auf ihren Körper auf - und spielt damit

Ein zentrales Thema der Frauenbewegung findet sich immer wieder in ihren Arbeiten - Körperlichkeit. Die Künstlerin greift die Idee von der Reduktion der Frau auf ihren Körper auf, das Lustobjekt, sie spielt damit; aber die animalische Macht und das fleischliche Begehren weist sie den Figuren auf den Bildern im Haus der Kunst nicht nach herkömmlichen Geschlechterrollen zu. Einen Fausthieb zeigt sie immer wieder, mal bekommt ihn eine Frau ab, mal teilt sie ihn aus, greift einen Mann an; mal sieht man gar nicht, was an der Faust, die auf ein Gesicht zurast, hinten dranhängt. Für den, der den Schlag empfängt, ist das ja auch gar nicht so wichtig. Ein Masturbations-Motiv hat Cahn in unterschiedlicher Besetzung gemalt, mit Männern und Frauen, die Machtverhältnisse in den Bildern ändern sich gelegentlich - das Animalische, die Fleischlichkeit, ist unter den Geschlechtern vielleicht doch ganz gleichmäßig verteilt.

Die Idee von der von ihrem Körper bestimmten Frau, die sich über Jahrhunderte hielt, ist ja bei näherer Betrachtung auch köstlich bizarr: Männer haben Frauen geheißen, ihre Reize zu verhüllen; sie haben die Frauen, die sie begehrten, dann aber animalisch und körperlich gefunden - nicht etwa sich selbst. Miriam Cahns Bilder von Männern und Frauen, die einander verschlingen, entsprechen weder der Abbildung, gegen die die Frauenbewegung sich wehrte, noch der, die sie sich wünschte. Am ehesten könnte man sagen: Es sind Szenen mit wechselnden Lustobjekten. Unter Menschen.

Miriam Cahn: Ich als Mensch. Haus der Kunst, München, bis 27. Oktober. Katalog 34,90 Euro.

© SZ vom 13.07.2019

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