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Kunst in Russland:Ist das Russlands Zukunft? Diese Willkür?

Kirill Serebrennikow russischer Regisseur Film

Kirill Serebrennikow bei der Vorstellung seines Films "Der die Zeichen liest" beim Filmfestival von Cannes 2016.

(Foto: Getty Images)

Der Regisseur Kirill Serebrennikow steht im Mittelpunkt eines der größten Theaterskandale der vergangenen Jahre. Jetzt spricht er zum ersten Mal darüber, was mit ihm und seinem Land geschieht.

Aus der Ferne ist Russland leicht zu verstehen: Unterdrückung, Putin-Propaganda, Wirtschaftskrise, bestimmt kriecht das ganze Land geschlagen dahin. Wer aber nach Russland fährt oder nach längerer Zeit wieder fährt, der hält in Moskau oder Sankt Petersburg den Atem an: Park-Anlagen wie in New York, Hipster mit geölten Bärten, Wlan in jeder Kneipe. Alles andere - die Wirtschaftskrise, die Putin-Propaganda, die Unterdrückung - ist auch da, aber daneben gibt es Spielräume, auch für Künstler, auch für Russlands Star-Regisseur Kirill Serebrennikow. Nun, es gab sie bis jetzt.

Das Treffen in Sankt Petersburg wurde über Wochen vorbereitet. Telefonieren wollte Serebrennikow eher nicht, man weiß nie, wer zuhört. Die Nachrichten über verschiedene soziale Medien waren spärlich, bis zuletzt war nicht klar, wo das Interview stattfindet. Zwei Stunden vor dem Treffen bittet Serebrennikow in eines der neuen, sehr coolen Hotels. Serebrennikow wurde in Rostow am Don geboren, hat in Berlin und Stuttgart gefeierte Inszenierungen gezeigt, aber in Russland steht er im Mittelpunkt eines der größten Theaterskandale der vergangenen Jahre.

Draußen ist es ein eher freundlicher Tag in einem Sommer, der bislang eine Beleidigung war. Serebrennikow schnieft und blinzelt, er ist gegen irgendwas allergisch, außerdem dreht er in Sankt Petersburg einen Film über die Rockbands in den letzten Jahren der Sowjetunion. Große Crew, wenig Zeit, das kostet Nerven, und ist doch seine Rettung: "Ohne Arbeit würde ich durchdrehen."

"Russlands Schicksal entscheidet sich jetzt"

Anfang Juli hat das Bolschoi-Theater in Moskau sein Ballett über den russischen Tänzer Rudolf Nurejew abgesetzt, wenige Tage vor der Premiere. Seitdem spekuliert die Kunstwelt in Russland und Deutschland über die Gründe: War Nurejew als Figur zu wild? Ein Künstler, der aus der Sowjetunion floh, bisexuell war und an Aids starb? War es Serebrennikows Inszenierung? Serebrennikow selbst schwieg. In Sankt Petersburg spricht er zum ersten Mal.

Man merkt, dass ihm der Schock noch in den Knochen sitzt, spürt aber auch eine konzentrierte Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er redet darüber, wer das Ballett eigentlich in Auftrag gegeben hat, was man am Bolschoi-Theater über Nurejews Bisexualität wusste und welche Rolle sie in seinem Stück spielt. Und welche Chancen es gibt, dass das Stück vielleicht doch noch gespielt wird.

Ab und zu entschuldigt er sich, dass er nicht offener sprechen könne, er wolle niemanden in Schwierigkeiten bringen. Mitarbeiter seines Moskauer Theaters seien im Gefängnis, und was er über die Vorwürfe gegen sein Haus erzählt, in denen eine nie aufgeführte, aber regelmäßig gezeigte - ja, genau so! - Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" eine wichtige Rolle spielt, ist schwindelerregend, oder wie Serebrennikow sagt: Kafka.

Ist das Russlands Zukunft? Diese Willkür? Die Herrschaft religiös-orthodoxer Eiferer? Vielleicht, sagt Serebrennikow: "Russlands Schicksal entscheidet sich jetzt, in diesem Moment." Und warum das so ist, begreift man nach diesem Gespräch sehr gut.

© SZ.de/khil

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