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Kunst in Berlin:Dein Gesicht war schöner als dein Charakter

Der Abend der Abschiedsshow, im Hintergrund die Volksbühne.

(Foto: Stephanie Kloos)

Das erste Sexkino Ostberlins musste schließen. Zum Abschied zeigten Künstler die Gruppenshow "Erotica".

Das "Erotica" in der Rosa-Luxemburg-Straße, eröffnet 1990, war nach der Wende das erste Sexkino in Ostberlin. Viele Ostberliner guckten hier ihren ersten Porno westlicher Machart. An der Fassade: der rote Leuchtkasten in Herzform, den man immer sah, wenn man nach einer Vorstellung aus der Volksbühne kam. Das Scheunenviertel war mal verrucht, in der Mulackstraße gab es die "Mulackritze", in der sich Marlene Dietrich beschwipste, während in der "Hurenstube" dahinter die Freier sich auspeitschen ließen. Heute erinnert nur noch wenig daran. Hinter der Volksbühne schießt die neue Suhrkamp-Residenz aus dem Boden, in der Rosa-Luxemburg-Straße gibt es noch einen Dessous-Laden, und in der Torstraße das Fachgeschäft für Fetisch-Utensilien "Schwarzer Reiter". Letzte Erinnerungen an den Ruch des Viertels, wenn man so will. Und es gab das "Erotica".

Der Betreiber dieses Ladens brachte es auf wenigen Quadratmetern fertig, ein in erster Linie auf männliche Heterosexualität ausgerichtetes Rundum-Paket aus Pornokino, Einzelkabinen, Sexshop, Strip-Separee und Stundenhotel anzubieten. Letzteres nannte sich "Seitensprungzimmer" und kostete 20 Euro für eineinhalb Stunden. Im Separee konnte man sich eine Strip-Performerin zum Discount-Preis von 15 Euro buchen. Und im Kino saßen, wie in jedem Pornokino, nicht allein Hetero-Männer. Ein schrecklich altmodischer Ort, dem man keine Träne nachweinen müsste, einerseits. Andererseits aber auch ein hochinteressanter Ort. Denn das "Erotica" hatte sämtliche Umwälzungen der Digitalisierung längst überstanden, es war nicht pleite. Es schließt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem es sogar möglich erscheint, dass solche Orte für anonymen Sex und anonyme Triebabfuhr demnächst wieder mehr Zulauf bekommen.

Vielen, die seit der Digitalisierung ihre privatesten Lüste googeln und anklicken, sickert jedenfalls erst jetzt ins Bewusstsein, dass das Internet eben doch kein traumhaft anonymer, sondern im Gegenteil ein komplett überwachter Raum ist. Der Betreiber des "Erotica" will weitermachen, er sucht nach neuen Räumen. Sein Mietvertrag wurde nicht verlängert. Demnächst wird an dieser Stelle also ein weiteres Hipster-Café oder Body-Studio für verkabeltes Elektrostimulations-Training mutmaßlich die vielfache Miete zahlen. Das Scheunenviertel - und mit ihm Berlin-Mitte - wird so noch ein bisschen geleckter.

Von der Kunst konnte man nicht viel sehen, die Räume waren zu voll

Eines ändert sich in Berlin aber seit den Neunzigerjahren anscheinend nie, und das ist: Wenn sich irgendwo eine Lücke auftut, und sei es nur für eine Nacht, dann kommen die Künstler. "Erotica", genau wie der Laden, hieß die Gruppenshow, die hier am Samstag gezeigt wurde, kuratiert von Stephanie Kloss und Sarah Lüttchen. Unter anderem: eine "Pornocchio"-Skulptur mit Penis-Nase (Alexander Dürr), ein Sex-Gedicht mit Zeilen wie "Dein Gesicht war schöner als dein Charakter" (Julie Legouez) oder Kissenbezüge mit gestrickten Porno-Motiven (Tine Furler). Man könnte sagen: überraschungsfrei, oder: eine Schau, die - wie ein Sexshop - darauf aus war, die Erwartungen zu befriedigen. Subtiler waren da die kleinen weißen Rubbel-Tattoos, die Marc Brandenburg auf Heizungen und anderen Flächen im Raum verteilt hatte. Sie wirkten wie Spermaflecken, die unter UV-Licht sichtbar werden.

Eigentlich konnte man von der Kunst nicht viel sehen, denn es war in der Tat bumsvoll. Die meiste Zeit stand man, schubberte sich mit seinen Daunen-Anoraks gegenseitig an und schwitzte darunter. Und wenn es dann doch mal weiterging, fand man sich hinten im gedimmten Strip-Separee wieder, wo gerade die Performance, von der alle munkelten, dass es sie geben würde, schon wieder vorbei war. Wie viele Stripperinnen mussten hier, als das "Erotica" noch ein Sexshop war, ihren betrunkenen Kunden erklären, dass in den 15 Euro für eine Vorführung nicht noch ein bisschen Anfassen mit drin ist?

Im Durchgang zu diesem Separee hing das subtilste Exponat, das Exponat, das die größte Transferleistung erforderte. "Artforum expired" von Ulrich Lamsfuß. Eine Abo-Anzeige für die renommierte Kunst-Zeitschrift Artforum, gerahmt. Dazu muss man wissen, dass die New Yorker Zeitschrift kürzlich von ihrem eigenen "Me Too"-Skandal durchgeschüttelt wurde, als publik wurde, dass der Chef-Anzeigenverkäufer jahrelang junge Kolleginnen in der Redaktion belästigt hatte und dabei offenbar von den Herausgebern gedeckt wurde. Diese Arbeit an diesem Ort zu zeigen, das war eine gute kuratorische Volte, eine Anregung zur Selbstbespiegelung. Denn die Kunstszene hat ja, nicht zuletzt in Berlin, den Ruf, dass es hier beim Rundlauf zwischen Eröffnungen, Galerie-Dinners und Atelier-Partys schneller als woanders zur Sache geht. War es im "Erotica" auch deswegen so voll?