Kunst Hautnah

Eine Ausstellung in Brooklyn rückt der mexikanischen Malerin Frida Kahlo auf den Leib, deren Werk und Figur seit über einem halben Jahrhundert immer wieder aufs Neue entdeckt und interpretiert wird.

Von Sonja Zekri

Ausgerechnet das Korsett muss ihr eine gewisse Freiheit gegeben, ihren zerbrochenen Körper gestützt und einsatzfähig gemacht haben. Es war ein medizinisches Korsett, kein modisches. Aber vielleicht war es auch anders und Frida Kahlo hat die Korsetts, die sie trug, nachdem sie erst an Kinderlähmung erkrankt und dann, mit 18 Jahren, bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden war, benutzt, wie sie alles benutzte, was ihren Körper berührte: als Accessoire, als Ausdruck einer politischen Botschaft und ihres Anspruchs als Frau an der Welt. Sie bemalte die panzerartigen Hüllen mit Hammer und Sichel, mit Vögeln, Korallen und einem Fötus. Da wurde der Gips zur Leinwand, und sie posierte sogar auf Fotos damit.

Und doch, wenn man im Brooklyn Museum die Luftlöcher in Bauchhöhe sieht und die tentakelartigen Modelle aus Stahl und Leder betrachtet, dann verliert sich das Dekorative, das Ästhetische. Dann rückt man Frida Kahlo auf eine so unmittelbare Weise auf den Leib, dass man sich fragt, ob sie das wirklich gutgeheißen hätte, ob sie, die ihre Schmerzen und ihre Verletzungen so häufig in den Mittelpunkt ihrer Kunst gestellt hatte, aber eben: ihrer Kunst, ob sie wirklich gewollt hätte, dass der Betrachter den Abdruck ihrer echten Narben, ihrer echten Versehrungen so hautnah sieht, ja, fast muss man sagen: erlebt.

Eine Vitrine daneben präsentiert die Beinprothese aus rotem Leder mit einem Drachen darauf, die sie trug, nachdem ihr rechter Fuß amputiert worden war. Und man denkt an Reliquien, an Lourdes oder Tschenstochau oder ähnliche Wallfahrtsorte mit Wänden voller künstlicher Beine und Arme, die Geheilte dankbar zurückließen. Dann findet man Frida Kahlos Lippenstifte, die Augenbrauenfarbe für die berühmte "Monobraue", und spätestens bei den Flakons (Chanel N. 5, Shalimar von Guerlain) meint man, sie förmlich zu riechen.

Die Ausstellung treibt die Fridamania auf die Spitze

Die meisten dieser Objekte waren ein halbes Jahrhundert verborgen. Erst 2004, 50 Jahre nach ihrem Tod 1954, wurden sie in Kahlos Badezimmer im Blauen Haus in Coyoacán bei Mexico-Stadt entdeckt. Diego Rivera, den sie zweimal geheiratet hatte und der wenige Jahre nach ihr gestorben war, hatte ihre persönlichsten Requisiten weggeschlossen: Schmuck, Korsetts, Kosmetika, Kleidung, Fotos, Briefe. Beide, Kahlo und Rivera, hatten ihre Werke aus dem Blauen Haus, "La Casa Azul", dem mexikanischen Volk vermacht. Die mexikanische Zentralbank verwaltet sie treuhänderisch und gab nach der Entdeckung die nicht unumstrittene Erlaubnis, den zerbrechlichen Schatz reisen zu lassen, erst nach London ins Victoria & Albert Museum, und nun - klug erweitert - nach New York.

"Frida Kahlo: Appearances Can Be Deceiving" im Brooklyn Museum ist die größte Frida-Kahlo-Ausstellung in den Vereinigten Staaten seit zehn Jahren und der Knüller dieses Frühjahrs. Das wäre sie wahrscheinlich auch mit einem Bruchteil der Exponate geworden. Nach Jahrzehnten, in denen der Frida-Look Modeschöpfer wie Jean Paul Gaultier und Popstars wie Beyoncé inspirierte, nach Barbie-Puppen, Kühlschrankmagneten und Tequila-Werbung ist Frida Kahlo so sehr Berühmtheit und globale Marke, dass man die Künstlerin erst einmal suchen muss. Eine Ausstellung, in der nur etwa ein Dutzend Gemälde von ihr zu sehen sind, ist dafür erstaunlicherweise gar kein schlechter Ort.

"Appearcances Can Be Deceiving" treibt die Fridamania oder Fridolatrie oder wie man die oft ziemlich kunstferne Verzückung nennen möchte, einerseits auf die Spitze. In einem Crescendo läuft die Schau auf den Textil- und Farbrausch im letzten Saal zu, wo sie in Reihe um Reihe eindrucksvollster Frida-Outfits explodiert, mit Kastenblusen aus Oaxaca, Röcken aus Tehuana, bestickt, geblümt, aus Samt, mit Spitzen oder Chinoiserien. Die Fotografien ihres Freundes und Liebhabers Nickolas Muray steigern den überwältigenden Eindruck ins knisternd Technicolorhafte.

Selbst an der Staffelei erlaubte sie sich keine Arbeitskleidung, keine Blöße. Sie wollte ihre Wunden nicht zeigen

Andererseits aber zeigt die Schau, was der Glamour der Popkultur und die feministische Vereinnahmung gern außer Acht lassen. Den Widerspruch etwa zwischen ihrer Stilisierung als einfache Frau aus der mexikanischen Provinz und der Tatsache, dass ihr die Kosmetik-Magnatin Helena Rubinstein Puderproben schickte. Oder die Frage, wie ihr Kampf für den Kommunismus zu ihrem, nun ja, bourgeoisen Vorrat an goldenen Ketten und Ringen passte.

Zu den schönsten Ergänzungen in New York gehört eine Vitrine mit mesoamerikanischen Keramikfiguren aus dem Brooklyn-Museum selbst, eine 1800 Jahre alte Urne in Form des zapotekischen Blitzgottes Cocijo mit loderndem Kopfschmuck und der fast abstrakten Colima-Figur eines sitzenden Mannes aus der Zeit von 300 Jahren vor bis 300 nach Christus. Sie erinnern an die antiken Skulpturen, mit denen Kahlo die Casa Azul schmückte und auf vielen Bildern aufgriff. Frida Kahlo war zwar das Kind einer mexikanischen Mutter und eines deutschen Vaters, aber die Casa Azul war ein mexikanischer Mikrokosmos, die "Mexikanidad", die Betonung alles Mexikanischen ein zentrales Element ihres Auftretens und ihrer Kunst. Ihre Oazaca- und Tehuana-Gewänder hatten sie in New York zweifellos zur Exotin gemacht, aber so wie sie sie kombinierte - mit Revlon-Nagellack, Chanel und Zigarette -, mussten sie in Mexiko wie ein Zitat gewirkt haben.

Der Frida-Appeal war die Folge eines politischen Eklektizismus, vor allem aber grausamer Einschränkungen. Auf einem Bild von 1926, das ihr Vater, ein Fotograf, kurz nach ihrem Unfall aufgenommen hatte, sieht man eine junge Frau in dunklem Kleid mit Büchern in der Hand auf einem Stuhl, das zerschmetterte Bein elegant verborgen. Später mochte sie auf ihren Bildern blutende Herzen, amputierte Gliedmaßen, einen aufklaffenden Körper malen. Bei ihren öffentlichen Auftritten jedoch erlebte die Welt eine intakte, ja, perfekte Erscheinung. Und was eignete sich besser zu Kaschierung des kranken Beines, der Narben und Prothesen als die langen Röcke, Tuniken und Schals der traditionellen mexikanischen Mode? Auf einigen der Huipils, Rebozos, Resplandors und blütenartigen Kragen finden sich Farbspuren: Selbst an der Staffelei erlaubte sie sich keine Arbeitskleidung, keine Blöße. Nein, sie wollte ihre Wunden nicht zeigen.

In einem kleinen Film flaniert sie mit Leo Trotzki, seiner Frau und Rivera durch den Garten, eine schwankende, zerbrechliche Gestalt. Bewegungen nahmen ihrem Auftritt das Imposante. Wohl auch deshalb wirkt sie auf ihren Gemälden statisch, wie auf frühen Heiligenbildern oder bei Ikonen, wo der Schmerz transzendiert wird, ein heiliger Schmerz, kein menschlicher.

Spätere Künstlerinnen mochten ihre Körperlichkeit offen ausstellen. Die Schau in Brooklyn aber ist eine Indiskretion. Hier wurde etwas an die Öffentlichkeit gezerrt, was nie für die Öffentlichkeit bestimmt war, als müsse Frida Kahlo, die als Gesamtkunstwerk für so viele anschlussfähig war, den Frauen auch das noch liefern.

Vielleicht ist es ihr Fluch, dass sie von jeder Generation aufs Neue entdeckt und benutzt werden kann. Für die genderfluiden Zeiten eignet sich gerade sehr schön das "Selbstporträt mit kurz geschnittenen Haaren" von 1940. Es zeigt Frida Kahlo, die Männer wie Frauen liebte, im Anzug mit Ohrringen und gepflegtem Damenbart.

Frida Kahlo: Appearances Can Be Deceiving. Brooklyn Museum, New York. Bis 12. Mai. Der Katalog kostet 50 Dollar. Info: www.brooklynmuseum.org.