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Berufung ans Berliner Haus der Kulturen der Welt:Weltkunst-Experte

Kurator Bonaventure Ndikung

Wird 2023 Intendant des Berliner Hauses der Kulturen der Welt: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung.

(Foto: Alexander Steffens/PR)

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin bekommt einen neuen Intendanten: den aus Kamerun stammenden Bonaventure Soh Bejeng Ndikung. Ein Porträt.

Von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch

Beim Thema Raubkunst ist man in diesem Frühjahr ein Stück vorangekommen mit der Ankündigung, zumindest einige der Benin-Bronzen aus deutschen Museen zu restituieren. Dass nun ausgerechnet ein der zeitgenössischen Kunst verpflichteter Ort wie das Savvy Contemporary in Berlin noch eins draufsetzt, war nicht unbedingt zu erwarten. Doch gemeinsam mit verschiedenen Künstlern will dessen Leiter Bonaventure Soh Bejeng Ndikung mit der Ausstellung "For The Phoenix To Find Its Form In Us" die Debatte bereichern oder, wie er es nennt, "verkomplizieren". Rückgaben allein genügen nicht. Man müsse die Sache viel größer denken.

Es gibt in Deutschland wohl wenige Ausstellungsmacher, die sich mit den vielschichtigen Problemen der Restitutionspolitik so auskennen, wie Bejeng Ndikung, den 1977 in Yaoundé geborenen Sohn eines Anthropologen. Der umtriebige Kameruner ist als Kurator gefragt, seit er die Documenta 14 mit verantwortete. Danach leitete er die Foto-Biennale in Bamako und Ausstellungen in Algier und Dakar und den finnischen Pavillon auf der Biennale von Venedig. Hielt unterdessen den von ihm gegründeten Ausstellungsraum Savvy Contemporary in Berlin am Laufen, gab ein gleichnamiges Magazin heraus und veröffentlichte im März sein Buch "The Delusions of Care". Ende diesen Monats wird er in den Niederlanden auch noch die jüngste Ausgabe der traditionsreichen Sonsbeek-Biennale eröffnen, gleichzeitig mit der Ausstellung zur Dekolonisation bei Savvy Contemporary, für die er sich mit Partnern in mehreren afrikanischen Ländern, Palästina, Kolumbien und den Philippinen zusammengeschlossen hat.

Das Indigo-Blau auf dem Batikhemd des Tischnachbarn kann er präzise dekodieren

Wenn man ihn in Berlin trifft, beispielsweise in einem türkischen Frühstücksrestaurant in Neukölln, wird das Gespräch häufig unterbrochen. Er ist bekannt im Viertel, durch die Scheibe grüßen Künstler und die türkischen Eltern von Mitschülern seiner Tochter, mit denen er sich kurz über Schulangelegenheiten austauscht. Ihnen begegnet er mit der gleichen wachen Aufmerksamkeit, mit der er sich im Gespräch auf sein Gegenüber konzentriert. Dass Bejeng Ndikung gerne erzählt, ist angenehm, schon weil er, wenn es um ihn selbst gehen soll, lieber abschweift. Und sich beispielsweise mit dem auffallenden Batikmuster auf dem Hemd eines Tischnachbarn beschäftigt, dessen Eleganz mit der seines eigenen Leinenanzugs konkurriert. Er kann dann das Indigo-Blau präzise dekodieren, das ihn an die Ndop-Stoffe seiner Heimat erinnert, die bei traditionellen Zeremonien getragen werden. Seine Mutter hat ihm, der als Neunzehnjähriger seine Heimat verließ, irgendwann das ihm zugedachte Gewand zugeschickt. "Ich habe es bis heute noch nie getragen."

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung war nach Kiel gegangen, um dort sein Studium der Biochemie fortzusetzen. Kunst war ihm da schon vertraut, er hatte sich in Yaoundé mit einem Künstler angefreundet, der ihm die Arbeit mit Pinsel und Pigment und ein gutes Stück Kunstgeschichte, Kapitel Duchamp, vermittelte. Auch nach Umzügen nach Berlin und Düsseldorf blieb er im Kontakt mit Künstlern, konzentrierte sich aber weiterhin auf seine Promotion in medizinischer Biotechnologie.

Ein Schlüsselmoment seines Lebens war dann die elfte Documenta im Jahr 2002, die von dem in Nigeria geborenen Okwui Enwezor geleitet wurde. "Es kam in den Nachrichten, als Ankündigung", erinnert sich Bejeng Ndikung. "Ich saß wie gebannt vor dem Fernseher. Es war das erste Mal, dass ich einen Schwarzen so in den Nachrichten in Deutschland sah, in den Prime-Time-News." Den Besuch der Documenta beschreibt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung auch knapp zwanzig Jahre später noch als "Kick". Doch als er daraufhin mit einer Liste von Künstlern und Konzepten bei Kuratoren vorsprach, sagte man ihm mit der Begründung ab: "Wir arbeiten mit zeitgenössischen Künstlern, nicht mit Afrikanern." Die damals geltende, von Beat Wyss geprägte Gleichung Weltkunst ist gleich Westkunst konnte er nicht akzeptieren.

Tagsüber arbeitete er in einem Labor für Herzschrittmacher, abends machte er Kunst

Als er nach seiner Promotion nach Berlin zurückkehrte, war es für ihn keine Frage: Neben seiner akademischen Karriere brauchte er auch Zeit für die Kunst. 2009 gründete er Savvy Contemporary. Tagsüber stand er im Labor einer Firma für Herzschrittmacher und Defibrillatoren, nach Dienstschluss begann für ihn der zweite Arbeitstag in der Kunst. Zu jeder Ausstellung erschien eine Publikation, er nahm sich Zeit für Interviews, für die Vermittlung und Kataloge. Das Pensum, zu dem noch der Umzug von Savvy Contemporary in ein historisches Kraftwerk gehört, hielt Bejeng Ndikung so lange durch, bis er sich einerseits die Achtung der Berliner Institutionen erarbeitet hatte. Und von Adam Szymczyk für die Documenta engagiert wurde.

Es wird spannend sein zu verfolgen, wie er das HKW weiterentwickeln wird, wenn er es 2023 übernimmt. Bernd Scherer, der es seit 2006 leitet, hat es zu einer der bedeutendsten und ambitioniertesten Institutionen für die großen Weltfragen gemacht: das Anthropozän, digitale "Sprachen", die "Technosphäre". "Ideas in the making" nennt Scherer sein Programm. Kunst spielt dort eher eine unterstützende Rolle. Wird Bejeng Ndikung dieses Programm fortführen - oder das HKW zu einer Kunsthalle machen?

Im vergangenen Jahr hat das Land Berlin Bejeng Ndikung mit einem Verdienstorden ausgezeichnet. So kann man die Berufung zum Leiter des Hauses der Kulturen der Welt durchaus auch als Heimspiel verstehen. Andererseits ist sie eine der so raren Gelegenheiten, bei denen sich die deutschen Kulturbehörden trauen, eine bedeutende Institution einem nicht aus Deutschland stammenden Bewerber anzuvertrauen. Die in dieser Hinsicht beschämend provinzielle Szene der Bundesrepublik kann mit dem streitbaren, souveränen und unendlich weltläufigen Bejeng Ndikung schon deswegen nur gewinnen.

© SZ/C.D.
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