Süddeutsche Zeitung

Kunst:Handgemacht

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Eine Ausstellung in der Berner Kunsthalle will zeigen, was authentische Kunst ist. Einem Klischee dabei aufzusitzen, ist leicht.

Von Georg Imdahl

Fast ein Jahrhundert hat sich die Kunsthalle Bern Zeit gelassen, bis sie jetzt mit Valerie Knoll die erste Kuratorin an ihre Spitze berufen hat. Ihr neues Amt musste die 1978 geborene Baslerin kurzfristig antreten, nachdem ihr glückloser Vorgänger im vorigen Herbst abrupt gekündigt hatte. Populistische Sparappelle hatten auch vor der traditionsreichen Institution nicht Halt gemacht, in der Lokalpolitik waren Stimmen laut geworden, der Kunsthalle die Zuschüsse zu entziehen - eine absurde Idee angesichts der Bedeutung des Hauses, aus dessen Annalen Harald Szeemanns Ausstellung "When Attitudes Become Form" von 1969 noch immer als Monument der Gegenwartskunst herausragt.

Aus dem Stand musste die vorherige Leiterin des Kunstvereins Lüneburg also ein Programm auf die Beine stellen. Ihr Berner Ausstellungsdebüt widmet die neue Direktorin einem diffusen Unbehagen am Kunstbetrieb. Sie beklagt "Posen der Distanzierung, anonyme Ästhetiken und unterkühlte Stimmungen"; Zeitgeisterscheinungen von inflationärer Kommunikation und zwanghafter Selbstoptimierung stoßen ihr ebenso auf wie die ständige Verfügbarkeit von Technologien, als deren Folgen sie Zeichen einer Entfremdung der künstlerischen Produktion wahrnimmt. All dies mündet in ein "schales Gefühl" der Ausstellungsmacherin, das daher rührt, wie viel in der Gegenwartskunst "einen seltsam unberührt lässt". Unter diesen Befunden kann sich zweifellos jeder etwas vorstellen, doch eine präzise Analyse des neoliberalen Kunstzeitgeists müsste differenzierter formuliert werden.

Ihm stellt Knoll Werke in einer Ausstellung entgegen, die sie - in ironischer Anlehnung an den amerikanischen Sänger und Stand-Up-Comedien Eddie Murphy - "Raw and Delirious" nennt. Rau und exzentrisch soll es zugehen, jedenfalls nicht glatt oder gestriegelt. Von trockenem Humor zeugt der Einstieg: Im Foyer der Kunsthalle hat die Niederländerin Marlie Mul einige Pappmaché-Keulen ausgestreut, sie liegen dort zwischen Kartons und Füllmaterial aus Styroporkugeln herum, als wären sie aus den Paketen gekullert, die gerade von der Post angeliefert worden sein könnten: ein Gruß aus der Steinzeit, der das Bild von linearem technischen Fortschritt relativieren soll.

Mit Arbeiten von elf Künstlerinnen und Künstlern feiert "Raw and Delirious", was die Psychoanalytikerin Julia Kristeva einmal "Abjektion" genannt hat: eine krude Sinnlichkeit, die auf die Säfte und Ausscheidungen des Körpers anspielt, das Eigene irgendwie faszinierend und zugleich abstoßend erscheinen lässt, die obszön und ekelig ist, aber eben auch vertraut. "Leckende Gefäße und verschüttete Flüssigkeiten verbildlichen Konventionen der sexualisierten Körperlichkeit", so liest sich die Beschreibung einer Installation der Britin Julie Verhoeven, die eben damit ganz ins Beuteschema der Ausstellung passt — deren Rauheit allerdings schaumgebremst ausfällt und der Installationskunst der letzten zwanzig Jahre abgeschaut ist.

Am Ende verdichtet sich der Eindruck, dass hier etwas unter Artenschutz gestellt werden soll

Ein anderes Beispiel verschütteter Flüssigkeiten und sexualisierter Körperlichkeit bietet die Malerei-Performance, die der New Yorker Künstler Leidy Churchman 2010 als Zwei-Kanal-Video in seinem Atelier aufgenommen hat. Da liegen junge Menschen leicht bekleidet oder splitternackt auf dem Fußboden, eingehüllt in Handtücher, auf die mit dicken Pinseln die Farbe triefend, schmatzend und spritzend aufgeklatscht wird. Die Materialschlacht lässt an die Exzesse der Wiener Aktionisten denken, fällt demgegenüber aber wiederum milde aus und betont malerisch. Churchmans gemäßigte Malerei-Orgie ruft den Abstrakten Expressionismus der Fünfzigerjahre in Erinnerung, der im heutigen Künstlerjargon bezeichnenderweise "AbEx" geheißen wird. Dagegen führen die großen Bild-Text-Collagen von Michaela Eichwald zum "Combine Painting" zurück, während Ellen Gronemeyers grimassierende Figuren mit Art brut flirten. "Chocolate/Shit Paintings" nannte der 1995 in jungen Jahren gestorbene Rheinländer Ull Hohn eine Werkreihe mit braunen Wandobjekten aus bemaltem Gips aus seiner New Yorker Zeit, die aussehen wie üppig bespachtelte und dann in Bronze gegossene Bilder. Geschickt spielte der ehemalige Düsseldorfer Meisterschüler Gerhard Richters gegeneinander aus, was einmal als Chiffre für Avantgarde und Reaktion galt: die flache Monochromie und die illusionistische Augentäuschung. Schon damals kein ganz taufrisches Thema mehr, aber interessant umgesetzt.

Die Maler greifen tief in den Farbtopf, die Bildhauer favorisieren Handarbeit - wie die Skandinavierin Ida Ekblad mit Metallskulpturen und Assemblagen, in denen sie Fundstücke von Abfalldeponien und Schrottplätzen kombiniert, oder der Schweizer Yannic Joray, der aus Ton, Heu, Holz und Erde die Sage von Pygmäen und Kranichen formt.

Am Ende verdichtet sich der Eindruck, die Ausstellung "Raw and Delirious" wolle das Handgemachte, Zupackende und Tatkräftige noch einmal unter Artenschutz stellen und zum Refugium authentischen Künstlertums erklären. Als ob Kunst heute dann zu sich selbst käme, wenn sie knöcheltief ins Material einsteigt. Das aber ist ein überholt geglaubtes Klischee. So leicht lässt sich einem gestylten Kunstbetrieb nicht beikommen.

Raw and Delirious, Kunsthalle Bern, bis 30. August. Info: www.kunsthalle-bern.ch

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Quelle:
SZ vom 28.07.2015
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