Süddeutsche Zeitung

Museumschefin in Florenz:"Von vielen werde ich mich nicht verabschieden können"

  • Cecilie Hollberg, Direktorin der Galleria dell'Accademia in Florenz, wurde per Telefonanruf entlassen.
  • Die Accademia verliert an Autonomie. Hollberg befürchtet eine Zentralisierung der Museen durch Kulturminister Alberto Bonisoli.

Die Galleria dell'Accademia in Florenz ging aus der historisch ersten Künstlerakademie Europas hervor und ist eines der bedeutendsten Museen Italiens. Es beherbergt eine große Sammlung von Gemälden sowie das Original des "David" von Michelangelo. Im Jahr 2015 wurde die Accademia aus dem Verbund der italienischen Museen herausgelöst, erhielt ein eigenes Budget und eine neue Leitung: Cecilie Hollberg, bis dahin Leiterin des Städtischen Museums in Braunschweig. Am Freitag vergangener Woche wurde Cecilie Hollberg per Telefon mitgeteilt, sie sei ab dem 22. August nicht mehr Direktorin der Accademia.

SZ: Frau Hollberg, haben Sie diesen Hinauswurf erwartet?

Cecilie Hollberg: Ja und nein. Als man mich vor vier Jahren zur Direktorin der Accademia ernannte, erhielt ich einen Vierjahresvertrag - mit der Option einer Verlängerung um weitere vier Jahre. Seit Juni gab es Gerüchte, dass die große Reform der italienischen Museen, die Dario Franceschini, der Kulturminister in der Regierung Matteo Renzis in den Jahren 2014 und 2015 durchgesetzt hatte, zu großen Teilen zurückgenommen werden soll. Es wurde auch davon gesprochen, dass die Accademia, neben zwei anderen Institutionen, dem Park der Via Appia und dem Etruskermuseum in Rom, ihre Autonomie verlieren soll. Das Kulturministerium hatte mir aber noch Mitte Juni eine Verlängerung des Vertrags angeboten, aufgrund hervorragender Leistungen. Das geschah allerdings mit der Einschränkung, es könnten sich aus einer anstehenden Reform der Reform institutionelle Folgen ergeben.

SZ: In der vorigen Woche wurde im Amtsblatt der italienischen Regierung bekannt gegeben, die Accademia werde Ende August ihre Autonomie verlieren und den Uffizien zugeschlagen.

Das stimmt. Mein Arbeitsvertrag läuft allerdings erst zum 30. November aus. Was in der Zwischenzeit geschehen soll, weiß ich nicht.

An Ihrer Arbeit als Leiterin der Accademia gab es nie einen Zweifel.

Nein. Dario Franceschini hatte den neuen Direktoren den Auftrag gegeben, ihre jeweiligen Museen aus dem 19. ins 21. Jahrhundert zu befördern, und das habe ich getan, so gut ich konnte. In den gut drei Jahren, die ich im Amt bin, steigerten sich die Besucherzahlen der Accademia um 300 000 Menschen auf jetzt 1,7 Millionen. Ich habe dem Museum eine neue Struktur gegeben, einen Freundeskreis geschaffen, eine Homepage eingerichtet, die erste überhaupt. Ich habe dafür gesorgt, dass das Museum wieder die Brandschutznormen erfüllt: Das entsprechende Zertifikat war im Jahr 2004 abgelaufen.

War die Accademia in einem so schlechten Zustand?

Ja. In den vergangenen Jahren habe ich einen großen Teil meiner Arbeit in strukturelle Verbesserungen investiert. In diesen Wochen beginnt man endlich auch damit, die maroden Dachbalken auszutauschen. Die vierzig Jahre alte Klimaanlage, die immer nur in einigen Teilen der Gebäude funktionierte, wird ebenfalls ersetzt werden. Es gibt eine neue Beleuchtung und eine neue Besucherführung. Es ist uns gelungen, ein Urheberrecht für den "David" durchzusetzen. Die Bewirtschaftung der Servicebereiche, also etwa des Ticketverkaufs und des Museumsshops, wurde endlich ausgeschrieben, nach einem Vorlauf von 22 Jahren, womit wir die Einnahmen deutlich erhöhen werden. Und das war noch lange nicht alles.

"Ich werde meine Arbeit machen, bis zum letzten Tag."

Welche Vorteile könnten sich, von Ihnen aus betrachtet, aus einer Zusammenlegung der Accademia mit den Uffizien ergeben?

Ich kann keine Vorteile erkennen. Es gibt hier zwei Häuser, die eine je eigene Identität besitzen, wobei die Identität der Accademia eine relativ junge Errungenschaft ist. Beide Museen sind gegenwärtig sehr erfolgreich. Vielleicht träumt man davon, in Florenz einen Museumskoloss zu schaffen, der es an Größe mit dem Louvre aufnehmen kann. Was damit zu gewinnen wäre, weiß ich nicht. Vielleicht offenbaren sich die Hintergründe an dem Tag, an dem bekannt werden wird, wer die Leitung des gesamten, nun neu entstehenden Museumsclusters übernehmen wird.

Die Rücknahme der Autonomie für die Accademia sowie für die beiden anderen Museen ist nur ein Teil der Reform der Reform, die der gegenwärtige Kulturminister Alberto Bonisoli betreibt. In anderen Teilen geht es vor allem um die Abschaffung von regionalen Zwischeninstanzen im Museumswesen.

So ist es. Man hat den Eindruck, dass der gesamte italienische Museumsbetrieb nun mit Gewalt zentralisiert und vielleicht auch politisiert werden soll. Museen aber brauchen Beständigkeit und Freiheit, auch im Denken und Forschen.

Einige Ihrer Kollegen sehen in diesen Maßnahmen einen neuen Nationalismus wirken.

Ob das so ist, weiß ich nicht. Es werden allerdings in aller Eile Maßnahmen durchgeführt, die vermutlich damit zusammenhängen, dass diese Regierung befürchten muss, nicht mehr lange im Amt zu sein. Da will man vielleicht noch einmal alle Errungenschaften der Vorgänger zunichtemachen.

Was werden Sie jetzt tun, wie geht es weiter?

Ich werde meine Arbeit machen, bis zum letzten Tag. Und dann werde ich mir sagen, dass ich die erste und einzige nicht-italienische Frau war, die je ein staatliches italienisches Museum leitete.

Und wie reagieren Ihre Mitarbeiter? Der Freundeskreis?

Soweit ich das sagen kann, sind sie bestürzt. Es sind Urlaubszeiten, auch in Italien. Von vielen Mitarbeitern werde ich mich nicht einmal mehr verabschieden können. Der Freundeskreis wird sich auflösen, wenn die Uffizien und die Accademia vereint sein werden. Es ist ein Jammer, wenn so viele Ressourcen und Energien in Veränderungen gesteckt werden, die keinen anderen Sinn zu haben scheinen, als Veränderungen sein zu sollen.

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Quelle:
SZ vom 16.08.2019/asä
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