Kunst & Film Bei der Arbeit

Wie die Dokumentarfilmerin Nicola Graef den Leipziger Maler Neo Rauch vor ihre Kamera bekam und was ihm der Einfluss seines früh verstorbenen Vaters bedeutet.

Von Anke Sterneborg

Dem Mysterium des malerischen Arbeitsprozesses auf die Spur zu kommen, treibt Filmemacher schon lange um. Die wenigsten Künstler allerdings werden vor der Kamera zu extrovertierten Selbstdarstellern - wie Pablo Picasso, der in "Le mystère de Picasso" eine Art gläserne Leinwand für Henri-Georges Clouzot bemalte. Vom Leipziger Maler Neo Rauch könnte man sich Derartiges nie vorstellen. Er gilt als ausgesprochen zurückhaltend und leise, im Grunde so verschlossen und mysteriös wie die Gestalten, die seine Bilder bevölkern. "Keine Chance!" war dann auch die erste Ansage, mit der die Regisseurin Nicola Graef zu ihrer Idee eines filmischen Porträts konfrontiert wurde.

Graef aber ließ nicht locker, verführte Neo Rauch und seine Frau und Künstlergefährtin Rosa Loy mit ihrer Neugier, bis sie ins Inner Sanctum des Ateliers vorgelassen wurde. Im Verlauf von drei Jahren kam sie immer wieder, beobachtete zurückhaltend und leise. Man kann sich das in etwa so vorstellen wie im Naturfilm, wo scheue Tiere langsam an die Präsenz der Kamera gewöhnt werden.

"Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" gewährt nun einen kostbaren Einblick ins Habitat des Künstlers, ohne die Aura der Kunst zu schwächen. Als Zuschauer ist man ganz nah dran, wenn Neo Rauch in seinem weitläufigen Atelierraum in der Leipziger Spinnerei die Farben anmischt und mit trockenem Pinsel aufstreicht, wenn Flächen langsam zu Motiven und Bildwelten wachsen. Diskret erspürt Graef den richtigen Moment, um eine Frage zu stellen. Ob er die Wesen aus seinen Bildern denn mit nach Hause nehme, ob sie ihm in seine Träume folgten? Ja, die würden schon mal an seinen Bettpfosten rütteln, wenn ihre Bestimmung im Bild noch nicht erfüllt sei, sagt Rauch in seiner sorgsam gefügten Sprache, die ein bisschen so anmutet, als höre man beim Sprechen dem Formen der Gedanken zu, als würde er aus Worten Satzskulpturen meißeln.

Der Maler Neo Rauch in seinem Leipziger Atelier.

(Foto: Verleih, VG Bildkunst, Bonn 2017)

Statt die üblichen Verdächtigen aus der Kunstexpertenszene zu befragen, lässt Graef leidenschaftliche Sammler aus aller Welt über ihre erworbenen Schätze schwärmen - und Rauchs Leipziger Lithografen über das Glück reden, ihre Werkstatt eine Weile mit diesen Werken zu teilen. Sie ergründet den künstlerischen Austausch zwischen Rauch und seiner Frau, der Malerin Rosa Loy, die nebenan arbeitet. Und sie hat Kuratoren und Galeristen beim Aufbau und der Eröffnung von Ausstellungen in aller Welt besucht, auch in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben, wo derzeit noch eine ganz besondere Begegnung zu erkunden ist.

Das Städtchen in der Nähe von Magdeburg zeigt die Schau "Hanno Rauch und Neo Rauch, Vater und Sohn". Neo Rauch hat seine Eltern wenige Wochen nach der Geburt durch ein Zugunglück verloren, ist bei seinen Großeltern aufgewachsen. Auch sein Vater Hanno studierte Malerei an der Kunstakademie, bis der Tod diesen Plänen ein jähes Ende setzte. Die posthume Ausstellung der Werke, die Hanno Rauch hinterlassen hat, sind für seinen Sohn eine künstlerische und menschliche Auseinandersetzung, ein tief berührender Dialog.

"Wer weiß, was aus mir geworden wäre", sinniert Rauch im Film einmal nachdenklich beim Betrachten der expressiven Kohlezeichnungen seines Vaters. Und meint: Wenn schon mein Vater ein bedeutender Künstler geworden wäre, der das Versprechen dieser frühen Studien hätte einlösen können. Ein Gefühl, das in Neo Rauchs großformatiger Papierarbeit "Stellwerk II" reflektiert zu sein scheint - wie ein Kind liegt da ein erwachsener Mann in den Armen eines anderen erwachsenen Mannes. Vom kommenden Freitag bis zum Sonntag präsentiert der Filmproduzent Joachim von Vietinghoff gemeinsam mit der Grafikstiftung und vielen Gästen in Aschersleben die kleine Filmreihe "Kino trifft Kunst - Kunst trifft Kino", die den Dialog über die Zeiten hinweg noch ein bisschen weitertreibt.

Neo Rauch - Gefährten und Begleiter, D 2016. Buch und Regie: Nicola Graef. Kamera: Felix Greif, Alexander Rott. Weltkino, 101 Minuten.