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Kunst:"Es war zu schön, um wahr zu sein"

So vielfältig wie "Das Junge Rheinland" war, muss man sich nicht über den Streit wundern, sondern darüber, wie lange die Gruppe bestand: Gert Wollheims "Abschied von Düsseldorf" (1924).

(Foto: Kunstpalast - Horst Kolberg)

Eine Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast feiert die Gründung der Künstlergruppe "Das Junge Rheinland" vor 100 Jahren.

Das Rheinland ist kein Ort, sondern eine Haltung. Betrachtet man es so, dann wird aus dem regionalen Aufruf zum "Zusammenschluss der gesamten rheinischen Künstlerschaft", den der Autor Herbert Eulenberg, der Maler Arthur Kaufmann sowie der Schriftsteller und Karikaturist Adolf Uzarski im November 1918 verfassten, eine universelle Absichtserklärung: Gemeinsame Grundlage dieser Vereinigung, die sich als "Notwendigkeit" ansehe, "um den jungen rheinischen Künstlern den ihnen gebührenden Platz im deutschen Kunstschaffen zu erobern", sei "die Jugendlichkeit und Ehrlichkeit des Schaffens". Dabei ging es ausdrücklich nicht um das Alter der Künstler, sondern um "die Stärke und Frische des künstlerischen Strebens".

Dresdner und Thüringer waren auch dabei. Allein die geistige Nähe zählte, nicht die Geografie

"Das Junge Rheinland" - den Namen verdankte die Vereinigung dem später in Dachau ermordeten Bonner Kunsthistoriker Walter Cohen, einem Freund August Mackes - wurde offiziell am 24. Februar 1919 in Düsseldorf gegründet. Von den Künstlergruppen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg unterschied sie nicht nur die Einbeziehung von Kulturschaffenden, die keine bildenden Künstler waren, sondern auch ihre stilistische Heterogenität. Von Spätimpressionisten wie Fritz Westendorp und altmeisterlich arbeitenden Malern wie Ernst te Peerdt über Dadaisten wie Max Ernst bis zu der in ihrer Ästhetik an Käthe Kollwitz gemahnende Lotte Prechner reichte das Spektrum. Dass es hier nicht um geografische, sondern geistige Zugehörigkeit ging, ist schon daran ablesbar, dass einige der Exponenten wie der Thüringer Otto Dix und der Dresdner Gert Heinrich Wollheim keineswegs aus der Gegend um Düsseldorf stammten.

Wie inklusiv das "Junge Rheinland" war, lässt sich nun in einer Schau nachvollziehen, die der Düsseldorfer Kunstpalast anlässlich des 100. Gründungsjubiläums ausrichtet. "Das Junge Rheinland - Zu schön, um wahr zu sein" nähert sich der Gruppe exemplarisch anhand der Arbeiten von zwölf Künstlern. Die Suche nach einem neuen kreativen Impetus nach dem Krieg, die Absetzung der Kunst des "Jungen Rheinlands" von der Düsseldorfer Kunstakademie unter deren als reaktionär angesehenen Direktor Fritz Roeber, aber auch die Möglichkeit, als Gemeinschaft besser auf sich aufmerksam machen und verkaufsfördernd Ausstellungen veranstalten zu können, waren die Bindemittel.

Die Geschichte des "Jungen Rheinlands" ist geprägt von Zerwürfnissen, Eifersüchteleien und Abspaltungen. Der Maler Walter Ophey begründete das damit, dass die Gründer "sehr heftige Menschen" gewesen seien: "Schimpfen war Lebenselixier geworden." Arthur Kaufmanns Gruppenporträt "Zeitgenossen" von 1925, das den ersten Saal der Schau dominiert, ist ein Beispiel für diese Tendenz zum Zwist: In der Bildmitte hat Kaufmann "Mutter" Johanna Ey platziert - Galeristin und Gravitationszentrum der Düsseldorfer Kunstszene. Links von ihr sitzt Wollheim, dazwischen, stehend, Hilde Schewior. Die Tänzerin war eine Nachnominierung, ursprünglich sollte hier der Mitbegründer des "Jungen Rheinlands", Adolf Uzarski, stehen. Aber der weigerte sich, mit Wollheim im selben Kunstwerk abgebildet zu werden.

Uzarskis Abneigung gegen Wollheim, mit dem er 1922 noch die bahnbrechende "1. Internationale Kunstausstellung" im Kaufhaus Tietz kuratiert hatte, ging unter anderem auf eine Begebenheit in Eys Galerie zurück. Johanna Ey führte einige Besucher durch eine Werkschau Uzarskis, deutete danach aber an, wenn man richtig gute Kunst sehen wolle, solle man noch einen Blick ins Hinterzimmer werfen, wo Arbeiten Wollheims hingen, der neben Otto Dix einer von Eys Lieblingen war. Die Galeriebesucher waren Freunde Uzarskis, der bald von dem Vorgang erfuhr und sich erbost vom "Jungen Rheinland" lossagte.

Die Düsseldorfer Schau, die erste große Retrospektive des "Jungen Rheinlands" seit 1985, versucht gar nicht erst, umfassend zu sein. Seit Ulrich Krempels wegweisender Ausstellung vor 34 Jahren am selben Ort hat sich der Überblick erweitert - damals ging man von 300 Mitgliedern aus, nach heutigem Stand der Forschung waren es 401. Durch die Konzentration auf 12 Künstler bleibt die Ausstellung übersichtlich und gibt zugleich einen guten Eindruck von der Vielfalt. Als interessant erscheinen dabei neben Dix, Wollheim und Ernst auch weniger bekannte Figuren, von denen einige lohnende Wiederentdeckungen sind. Das Werk Walter von Wecus' zum Beispiel, dessen expressionistische Bühnenbilder für Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" direkt gegenüber einem kurzen Dokumentarfilm über die Arbeiten des Architekten Wilhelm Kreis gezeigt werden. Kreis gestaltete unter anderem das Gebäude, in dem sich heute der Kunstpalast befindet. Später ließ er sich willig vom Nationalsozialismus vereinnahmen.

Am anderen Ende des Spektrums der Gruppe findet sich Karl Schwesig. Aus Gelsenkirchen stammend, hielt er stets an seinen sozialistischen Überzeugungen fest. Beeindruckend ist der Zyklus über den "Brotfabrik-Prozess", in dem er 1936 die Folterungen von SPD-Mitgliedern durch die Gestapo in Duisburg dokumentierte. 1937 ausgebürgert, fand Schwesig, der 1955 starb, mit seiner an die Gräuel der Nazizeit erinnernden Kunst nach dem Krieg kein Gehör.

Angesichts dieser großen Bandbreite und Anzahl von Künstlern ist es weniger erstaunlich, dass es Streit gab, sondern eher überraschend, dass das "Junge Rheinland" so lange existierte. Es gab regelrechte Sollbruchstellen. Als Max Ernst, der nie nach Düsseldorf zog, aber zwischen 1919 und 1937 von Köln und später von Paris aus an Ausstellungen teilnahm, sein Gemälde "La Vierge corrigeant l'enfant Jésus devant trois témoins" 1926 in der "Kölner Sezession" zeigte, waren von der Darstellung der Muttergottes, die den Jesusknaben übers Knie legt, nicht wenige Mitglieder des "Jungen Rheinland" schockiert.

Karl Schwesig gehörte zu den Künstlern, die 1933 nach der Machtergreifung verhaftet wurden, weil sie "dem extremen Künstlerverband 'Jung Rheinland'" angehörten. Auch die Arbeiten von Dix, Wollheim und selbst Heinrich Nauen, der vor allem Blumenstillleben malte, wurden als gefährlich genug eingestuft, um 1937, nachdem das "Junge Rheinland" endgültig aufgelöst worden war, in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt zu werden. Die repräsentierte das Gegenteil des Geistes, aus dem heraus das "Junge Rheinland" selbst gegründet worden war, von dem Max Ernst später rückblickend sagte: "Der Kreis verfocht keine Doktrin, keine Disziplin, keine 'Pflicht', sondern hielt aus innerer Spontaneität zusammen. Allen Mitgliedern dieses Kreises war der Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen gemein, kurz: Es war zu schön, um wahr zu sein."

Das Junge Rheinland - Zu schön, um wahr zu sein, im Kunstpalast Düsseldorf bis 2. Juni. www.kunstpalast.de. Katalog 29,80 Euro.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise die Düsseldorfer Ausstellung 24 Jahre in die Vergangenheit gelegt. Diese fand jedoch 1985 statt - vor 34 Jahren.