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Künstlerin Emily Carr:Glück im Wald

MAGNE­TIC NORTH. MYTHOS KANADA IN DER MALE­REI 1910-1940
5. Februar — 16. Mai 2021

Kühle Farben verwandeln die Totemfiguren auf "Blunden Harbour" (1930) in futuristische Gestalten.

(Foto: Emily Carr National Gallery of Canada, Ottawa/NGC)

Die Künstlerin Emily Carr gilt in Kanada als schrullige Nationalheilige. Eine Ausstellung in Frankfurt zeigt, warum.

Von Catrin Lorch

Es gibt nicht viele Aufnahmen von Emily Carr. Die Künstlerin - Tochter britischer Eltern - gehört noch in eine Epoche, in der man der Kameralinse reserviert gegenübertrat, vor allem in Kanada, wo Carr im Jahr 1871 in Victoria geboren wurde. Wurde sie fotografiert, versteckte sich die fröhliche, unkonventionelle Emily Carr hinter einem reservierten Blick oder einer Promenadenmischung, die sie der Kamera entgegenhielt.

Gut möglich, dass so ein Doppelporträt von Hund und Frauchen eines Tages auf einer Dollarnote abgebildet wird - prominente Kanadier wie die Schriftstellerin Margaret Atwood wünschen sich das schon lange. Was in ihrem Heimatland niemanden verwundern würde, Emily Carr gehört dort zu den beliebtesten Künstlern und Autoren überhaupt. Gefeiert wird sie als durchaus schrullige Nationalheilige, die im Alter mit Dutzenden Hunden durch den Stadtpark zog, während ihre Texte zur Pflichtlektüre an den Schulen gehörten. In Deutschland blieb Emily Carr lange unbekannt, ihre Bücher werden erst jetzt auf Deutsch verlegt, ihre Gemälde wurden erstmals im Jahr 2012 auf der Kasseler Documenta ausgestellt.

Ihre indigenen Freunde nannten sie "Klee Wyck", die Lachende

Die umfangreiche Ausstellung "Magnetic North" könnte die Malerin jetzt auch hierzulande endlich bekannter machen. Die Frankfurter Schirn wollte damit im vergangenen Herbst während der Buchmesse, bei der Kanada Gastland war, erstmals die einflussreiche Avantgarde von Landschafts- und Naturmalern vorstellen, die um die Wende zum 20. Jahrhundert ein eigenes, strahlendes Kapitel der Pleinairmalerei begründeten.

Die Ausstellung, die pandemiebedingt gerade wieder geschlossen ist, wäre eine hervorragende Gelegenheit, die Qualität von Carrs Gemälden im Zusammenspiel mit Zeitgenossen wie Lawren Harris und Tom Thomson zu erleben - als künstlerisch verwandte, jedoch vollkommen eigenständige, futuristische, kühle Figuration. Carrs konzentrierte Kompositionen können Wälder in grün leuchtende Kathedralen verwandeln - und die alten, hölzernen Totempfähle, die am Rand einer Anlegestelle Fremde mit wilden Gesichtern begrüßen, so aus ihrer Umgebung isolieren, dass sie dastehen wie Außerirdische: Glatt, hoch aufragend, im kalten, blauen Licht eines kristallklaren Himmels könnten sie auch eine Gruppe von Astronauten sein oder Geisterwesen.

Canadian artist Emily Carr

Wenn sie fotografiert wurde, dann am liebsten mit Hund: die Künstlerin Emily Carr.

(Foto: Picture Alliance / Empics)

Die Emily Carr, die da an der Staffelei steht, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Als jüngste von fünf Töchtern britischer Einwanderer, die es mit der Gründung eines Kaufhauses in British Columbia zu etwas Reichtum gebracht hatten, wuchs sie in einem großen Haus in Vancouver auf. Schon früh war ihre außergewöhnliche künstlerische Begabung unübersehbar. Nach dem Tod der Eltern durfte sie in San Francisco Aquarellmalerei studieren und ihre Ausbildung in London an der Westminster School of Art abrunden. Doch fühlt sie sich dort als kanadische Provinzlerin verlacht, litt an der Großstadt und suchte lieber Anschluss in der Künstlerkolonie St Ives in Cornwall. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete sie in Vancouver an einer Mädchenschule.

Während des Weltkriegs züchtet sie Schäferhunde und töpfert

Das Jahr 1907 wird zu einem Wendepunkt. Erstmals begegnet Emily Carr auf einer Reise an der Westküste hinauf bis nach Alaska der Kultur der Indigenen. Vor allem deren Totempfähle faszinieren sie sofort und erinnern sie an die mythische, überzeitliche Aura von Stonehenge. Doch sie weiß, dass diese Kultur, die Traditionen und Bräuche mit den Stämmen untergehen, während die Totempfähle verrotten, zerstört oder in Museen geschafft werden. Die Malerin eignet sich durch das Studium französischer Moderne eine visuelle Sprache an, die den archaischen Formen gerecht wird, und bietet im Jahr 1912 der Regierung an, gut 200 akkurat gestaltete Gemälde von Totempfählen als Dokumentation zu übernehmen. Ihr Angebot wird abgelehnt - "zu brillant und lebendig", urteilt Charles Frederick Newcombe, ein Kenner der indigenen Kunst an der Nordwestküste.

Auch andere Pläne scheitern. Als Carr ein Haus kauft, um mit den Mieteinnahmen ihre künstlerische Arbeit zu finanzieren, bricht der Erste Weltkrieg aus. Sie schlägt sich irgendwie durch, züchtet Schäferhunde, töpfert Souvenirs im indianischen Stil und knüpft folkloristische Teppiche, die sie alle mit "Klee Wyck" (die Lachende) signiert, einem Namen, den ihr indigene Freunde verliehen haben. Den Gedanken, von der Kunst zu leben, gibt sie auf.

Doch Eric Brown, der Direktor der National Gallery in Ottawa, entdeckt ihre Bilder zufällig Ende der Zwanzigerjahre. In der Ausstellung "Canadian West Coast Art: Native and Modern" inszeniert er Emily Carr als beherrschende Position, ausgestellt werden nicht nur ihre Leinwände, sondern auch Keramik und Textilien. Über Brown kommt sie zudem in Kontakt mit der "Group of Seven", einer Gruppe von Malern, die in der Natur den künstlerischen Rohstoff des Landes entdeckt haben. Lawren Harris, der Kopf der Gruppe, teilt Carrs Hingabe an die Natur, seine Kompositionen, die vereinfachten Formen und die Schönheit der Farben inspirieren die inzwischen über Fünfzigjährige, wie auch die Freundschaft zu Mark Tobey, der sie mit Kubismus und Abstraktion bekannt macht.

Emily Carr. Guyasdoms D'Sonoqua

Gottheiten in grün leuchtenden Kathedrahlen: Emily Carrs "Guyasdoms D'Sonoqua" (um 1930).

(Foto: Art Gallery of Ontario)

Die folgenden 15 Jahre werden produktiv. Schnell entwickelt Emily Carr ihren Stil weiter, bringt ihre Liebe zur indigenen Kunst mit ihrer Hingabe an die Landschaftsmalerei zusammen und überträgt die intensiven, fast religiösen Gefühle für die Totempfähle auf ihre Landschaftsbilder. Auf Bildern wie "Forest" (um 1930 - 39) oder "Old Tree at Dusk" (um 1932) wirken die Baumriesen nun genauso aufgeladen und magisch wie einst die Schnitzereien.

Nachdem Emily Carr sich 1933 einen Wohnwagen zugelegt hat, den sie "The Elephant" tauft, verlegt sie ihr Atelier gemeinsam mit ihren Hunden, Papageien und Katzen in die Natur. "Ich bin hinter etwas in den Wäldern her", schreibt sie, "sogar Zeichnungen sind für mich Dosenfutter. Ich mag es frisch." Weil sie nach wie vor nicht viel Geld hat, malt sie mit Ölfarbe auf große Bögen billigen Papiers und verwendet Benzin als Verdünner. Die Effekte sind überwältigend, allerdings sind diese schönsten ihrer Werke heute ein Albtraum für Restauratoren.

An Erfolg und Museumssammlungen ist aber noch nicht zu denken, im Gegenteil. Nach einem ersten Herzanfall muss Emily Carr ihren "Elephant" im Jahr 1937 verkaufen, bald kann sie überhaupt nicht mehr malen. Doch als sie im Jahr 1942 ihr letztes Bild signiert, ist sie als Autorin schon bekannt: Die unter dem Pseudonym Klee Wyck verfassten autobiografischen Vignetten von ihren Begegnungen mit Indigenen haben sie schlagartig berühmt gemacht und bringen ihr wichtige Auszeichnungen ein. Als sie im März 1945 stirbt, ist sie eine viel gefeierte und geachtete Kanadierin, eine Klassikerin.

© SZ/dbs
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Emily Carr: "Klee Wyck - Die, die lacht"
:Beste Absichten

Die Malerin und Schriftstellerin Emily Carrs versucht in ihren erstmals komplett ins Deutsche übersetzten frühen Texten, die Kultur der kanadischen Ureinwohner literarisch zu bewahren.

Von Nicolas Freund

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