Süddeutsche Zeitung

Kunst:Einhaken

Der Maler Francis Bacon hat seine Körper-Inszenierungen fast immer mit Linien unterteilt. Was bedeuten die "Unsichtbaren Räume"? Das untersucht eine Ausstellung in Stuttgart.

Von Catrin Lorch

Wie er da nun wieder am Kreuz hängt. Ein bleicher, aufgelöster Schatten. Der Kopf nicht viel größer als die dicken Nägel, die zarten Arme so weit auseinandergezogen wie zwei Gummiseile. Auf der "Kreuzigung", die Francis Bacon im Jahr 1933 malte und die eines der ersten Bilder war, die er ausstellte, sieht es aus, als seien die dunklen Balken der letzte Halt dieses Körpers, das letzte, das ihn mit der Welt verbindet.

Mit diesem kleinen Gemälde des im Jahr 1909 in Dublin geborene Autodidakten setzt die Ausstellung "Francis Bacon. Unsichtbare Räume" in der Stuttgarter Staatsgalerie ein. Sie geht mit einer Auswahl von vierzig Bildern und selten gezeigten Zeichnungen einer ikonografischen Fragestellung nach.

Es sieht immer so aus, als wären Konstruktionszeichnungen auf den Bildern übrig geblieben

Es überrascht, dass bislang noch kein Museum den Fokus auf die "Räume" gelegt hat. Denn sie sind ja eigentlich unübersehbar im Werk Bacons, eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Doch scheint es, als habe die Sensation, dass da einer vollkommen bei der Figuration blieb, und vor allem beim Körper, das Publikum und auch die Kunstgeschichte geblendet: All die Nackten, die Päpste, die Frauen, Tiere und Liebhaber auf Bacons weiten Formaten und ausladenden Triptychen, mehr zugerichtet in aller Brutalität als gemalt. Einsam und kalt ausgeleuchtet erscheinen diese Gestalten vor lichtlosem Schwarz oder grellen Fonds, die jede Perspektive verschlucken.

Dabei gibt es neben den spärlichen Requisiten - einem Stuhl, einer Pflanze, einem Stück Teppich - eben fast immer auch diese aus Linien gebauten Räume. Sie erscheinen auf den Gemälden wie übrig gebliebene Konstruktionszeichnungen, umreißen ein Stück Raum oder teilen ihn ab und sind doch so schwer in den Blick zu nehmen, wie die schweren Stangen, an denen über einer Bühne die Scheinwerfer aufgehängt sind. Manche wirken so skizzenhaft, dass man sie noch gar nicht wahrnehmen will. Auf "Studie zu einem Porträt von P.L. Nr. 2" (1957) sind nur Gesicht und Oberkörper wirklich ausgemalt. Eine beinahe konventionelle Komposition, die Bacon durch hinzugefügte Zonen konterkariert; wie eingeritzt wirken die hellen Striche, die Fußleisten oder ein Tisch sein könnten. Mit zwei, drei Linien kann Francis Bacon einen Türrahmen und ein Eckchen Wand markieren. Dünn wie ein Lichtstrahl teilen sie ein Habitat ab; stark wie Gitterstangen formen sie eine Manege, einen Käfig, einen Sitzblock. Diese "Unsichtbaren Räume" stützen und tragen den Menschen in der weiten Leere dieser Gemälde.

Der Mann vor dem Spiegel, der auf allen Teilen des Triptychons "Drei Studien des männlichen Rückens" (1970) erscheint, ist nicht in die Betrachtung seiner selbst versunken, sondern er hält in der Hand das Rasiermesser, mit dem er gerade noch die Konturen seines Kinns entlang gefahren ist. Von der Intimität der Nasszelle ist aber nicht mehr geblieben als das enge Konstrukt aus Diagonalen, in die Sessel, Spiegel und Mann eingespannt sind. Die Beine sind verknotet, der Blick verkniffen, die Hände herabgesunken. Und weil das Fleisch, das Francis Bacon malt, so weich wie dicke Farbe ist, sperrt es sich nicht, wo Dolch oder Fleischerhaken eindringen. Es ist den Linien gegenüber gehorsam, die über den Körper herrschen wie Spieß, Peitsche oder Prügel .

Kaum eine Komposition des Künstlers kommt ohne sie aus. Und auf den sonst selten gezeigten Skizzen wird deutlich, dass Francis Bacon erst einmal den Raum abgrenzt, bevor er Figuren dort aussetzt. Die Kuratoren der Stuttgarter Ausstellung haben dem Material aus dem Atelier - Skizzen, Vorarbeiten, Archivmaterial - ein kleines Kabinett innerhalb des Rundgangs gewidmet. Das ist bemerkenswert, weil derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ob man Material, das Francis Bacon nicht autorisiert hat, überhaupt zeigen darf.

Darf man wie jetzt in Stuttgart Skizzen zeigen, die der Künstler nicht öffentlich zeigen wollte?

Bacon hat zu Lebzeiten vieles verworfen; doch die Verwalter seines Nachlasses haben kürzlich ein gewaltiges Werkverzeichnis autorisiert. Der Kunstmarkt freut sich über millionenschwere neue Werke, Kenner befürchten eine Verwässerung des Oeuvres. Ist es also erlaubt auszustellen, was der Künstler vor seinem Tod (1992) den Kuratoren verweigert hätte? Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie, sagt, sie habe den Nachlass nicht als belastet empfunden, "der Künstler hat das alles vielleicht nicht als gültiges Werk signiert, aber er hat es ja gemacht". Gerade Skizzen hülfen, Bacons Arbeitsweise und sein Denken nachzuvollziehen. "Das ist die Aufgabe der Kunstgeschichte - wir sind ja nicht die Panegyriker der Künstler."

Die "Unsichtbaren Räume" zeigen sich in deutlichen Umrissen, wenn Francis Bacon mit ephemerem Material arbeitet, wenn er Fotografien anstreicht oder Zeitungen auswertet. Eine Magazinseite feiert den Boxer Joe Carpentier, der gerade über Joe Beckett triumphiert - Bacon hat mit dem Pinsel den Sieger eingerahmt. Die dunkelblauen Striche markieren aber auch eine neue Ecke im Boxring, so dass Carpentier nun dem Verlierer seinen muskulösen Rücken zudreht. Die Vorstellungskraft von Francis Bacon begnügte sich offensichtlich nicht damit, seine Gemälde - wie Bühnen - mit Figuren zu bestücken. Die von ihm konstruierten Räume haken nach ganz eigenen Gesetzen in den Längen- und Breitengraden dieser Welt ein.

Francis Bacon. Unsichtbare Räume, Staatsgalerie Stuttgart, bis 8. Januar 2016. Der Katalog kostet 24,90 Euro.

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Quelle:
SZ vom 26.11.2016
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