bedeckt München 21°
vgwortpixel

Kunst:Eingeschmolzen

Über Nacht: In Großbritannien verschwindet immer wieder bedeutende Kunst im öffentlichen Raum. Jetzt schlagen die Behörden Alarm.

Bis vor zehn Jahren stand Henry Moores Skulptur "Zurückgelehnte Gestalt" dort, wo der Künstler selbst seine Werke am liebsten sah: unter freiem Himmel, zugänglich für jeden. Dann verschwand sie im Dezember 2005 über Nacht vom Gelände der Henry Moore Foundation in Much Hadham. Die Polizei in der englischen Grafschaft Hertfordshire ging von einem Auftragsdiebstahl aus. Immerhin betrug der Schätzwert der Arbeit viereinhalb Millionen Euro. Doch die mehr als drei Jahre währenden Ermittlungen ergaben: Die Diebe hatten die zwei Tonnen Bronze an ihrem Standort zersägt, auf einem Tieflader abtransportiert und für den Materialwert von 2500 Euro an einen Schrotthändler verkauft. Von dort ging das Metall nach China, um in Geräten verbaut zu werden.

Die verschwundene Moore-Skulptur ist einer der spektakulärsten Fälle von Diebstahl öffentlicher Kunst in der jüngeren britischen Vergangenheit. Aber sie ist kein Einzelfall. 2012 stahlen zwei Männer vom Gelände der Moore Foundation eine Sonnenuhr-Plastik des Künstlers; ein Jahr darauf verschwand eine Moore-Figur aus dem Glenkiln Sculpture Park in Schottland. Eine von drei Figuren aus der Bronze-Installation "Die Zuschauer" von Lynn Chadwick wurde 2006 vom Campus der University of Roehampton entwendet. Sie alle haben wohl ein ähnliches Schicksal erlitten wie die "Zurückgelehnte Gestalt".

"Historic England" (HE), eine regierungsunabhängige Organisation, deren Auftrag der Schutz historischer Gebäude, Monumente und Kunstwerke ist, schlägt nun Alarm. Denn nicht nur durch Diebstahl, sondern auch durch Vernachlässigung, Vandalismus und rücksichtslose Bautätigkeit kommt in Großbritannien immer mehr Nachkriegskunst im öffentlichen Raum abhanden. Wie viel genau, weiß keiner, denn es existiert kein vollständiges britisches Register von Kunstwerken im öffentlichen Raum. Die gemeinnützige "Public Monuments and Sculpture Association" arbeitet zwar seit zwei Jahrzehnten an einer Datenbank, die alle öffentlichen Kunstwerke und Monumente auflisten soll. Ein Großteil des englischen Südostens, Yorkshires und Schottlands sind darin bis heute aber nicht erfasst - es fehlt an den nötigen Mitteln.

HE hat jetzt eine Liste von 40 vermissten Werken veröffentlicht. Darunter ist ein Brunnen des Bildhauers William Mitchell in Basildon, der den Spitznamen "Die Ananas" trug. Als der Platz, auf dem er stand, 2011 umgebaut wurde, entfernte der Bauträger das Werk. Niemand weiß, wo es sich jetzt befindet. Auch eine Skulpturengruppe des Künstlers Uli Nimptsch verschwand eines Tages vom Londoner Silverwood Estate. HE bittet die Öffentlichkeit um Hinweise, die zur Aufklärung beitragen könnten. "Leider verliert man Dinge, die man nicht versteht oder angemessen wertschätzt", so HE-Direktor Duncan Wilson. "Und weil sich niemand für diese Kunst eingesetzt hat, ist viel von ihr verloren gegangen." Seine Organisation bemüht sich um Denkmalschutz für einige öffentliche Nachkriegskunstwerke. Für manche ist es dazu zu spät.

© SZ vom 17.12.2015
Zur SZ-Startseite