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Kunst:Eine verpixelte Welt

Ehrenrettung für die Punktemaler: Eine große Ausstellung in der Wiener Albertina feiert die viel belächelten Pointillisten und ihre Lust an der Anarchie.

Von Almuth Spiegler

Edgar Degas und seine Impressionisten-Freunde waren gar nicht amüsiert, als die nächste Generation Platz beanspruchte. Als gerade ihr früher Förderer, Camille Pissarro, sie 1886 bei der achten und letzten Impressionisten-Ausstellung in Paris nötigte, gemeinsam mit diesen "Pointillisten" auszustellen. Ja, das waren die mit den Punkten. Die Konfetti-Maler. Die "Chemiker, die Punkte anhäuften", wie Paul Gauguin sie einmal wenig freundlich beschrieb. Denn mit "richtigem" Malen hatte das "Geklimper kleiner Tupfer" (so der Schriftsteller Joris-Karl Huysman) nichts zu tun, da waren sich die Zeitgenossen nach heutiger Zitat-Lage sichtlich einig.

Warum? Die Provokation war größer, als man heute denkt, die "Neo-Impressionisten", wie sie sich selbst nannten, waren weniger "neo" also anti: Georges Seurat und seine Anhänger tauschten den kurzen Strich, die spontane, persönliche, emotionale Handschrift der Impressionisten gegen den neutralen Punkt. Sie malten nicht mehr in der Natur, nicht einmal nach der Natur, sondern befreit von allen Wiedergabeansprüchen der Realität im Atelier. Sie dachten, sie skizzierten, sie konzipierten ihre eigene artifizielle Wirklichkeit, sie fügten emsig Punkt für Punkt mit dem spitzen Pinsel aneinander, so emsig, dass der ganze mühselige Prozess frappant an Kunsthandwerk erinnerte, genauer gesagt ans Sticken. Noch genauer ans "Petit Points"-Sticken, eine alte Technik, die im Neo-Rokoko Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich wieder für Furore sorgte. Wenn heute die Supermodels stricken, haben die Damen damals eben Pünktchen-Bilder gestickt. Nicht umsonst zeigten die Pointillisten in ihren Bildern immer wieder die übers Tuch gesenkten Frauenköpfe.

So beginnt auch die Ausstellung in der Wiener Albertina, die angetreten ist zur Ehrenrettung des Pointillismus, diesem immer etwas abschätzig belächelten Stiefkind der klassischen Moderne. Sie startet scheinbar mit dem absoluten Gegensatz zu den zuckerlfarbenen Idyllen, die gleich auf rosa und fliederfarbenen Wänden folgen werden: mit einer nahezu tiefschwarzen frühen Kreidezeichnung von Georges-Pierre Seurat, der hier im dämmrigsten Zwielicht seine Mutter zeigt - beim Sticken, natürlich. 1882/83 war das. Seurat, damals Anfang 20, war schon ein grandioser Zeichner, akademisch ausgebildet, dem Umriss, der Form, dem Schatten dieser Welt verpflichtet. Doch selbst hier beginnen sie zu vibrieren, beginnen sie durchzuschimmern: Punkte, Hunderte Punkte. Es ist die grobe Oberfläche dieses speziellen handgeschöpften Papiers, das Seurat so liebte, sie drückt sich durch die fettige Kohlenkreide durch.

Es bleiben Fragen: Was wollen sie denn nun, diese stickende, harmoniesüchtigen Anarchisten?

Sticken, Kontemplation, Atelier - was war nur los mit dem jungen Mann? An diesem Punkt lässt die Ausstellung ihre Betrachter ein bisschen im Stich, sie lässt unsere biografischen, unsere persönlichen Neugierden elegant sterben, geht einfach kunsthistorisch korrekt weiter, erzählt die Genese, den Höhepunkt, die Auswirkungen des Pointillismus, was in tatsächlich ganz erstaunliche Richtungen und Dimensionen führt. Denn nach etwa 80 getupften, gekachelten, gestrichelten Bildern der ersten und zweiten pointillistischen Riege, geliehen vor allem aus dem Kröller-Müller-Museum in Otterlo, endet man nicht etwa in der erwartbaren Depression einer stilistischen Sackgasse, sondern in zwei Räumen voll mit den Stars der Moderne, mit Bildern von Vincent van Gogh, Henri Matisse, Paul Klee, Pablo Picasso. Sie alle, wird einem hier unter die Nase gerieben, sind selbstverständlich durch das Fegefeuer der tausend Punkte gegangen, haben es studiert, zitiert oder temperamentsbedingt fluchtartig verlassen. Doch hindurch mussten sie, das ist die These von Albertina-Kurator Heinz Widauer. Sonst wären van Gogh und die Fauves nicht zur komplementärfarbigen Wildheit gekommen, Mondrian nicht zur Abstraktion, Picasso nicht zur konzeptuellen Kunst. Denn der Pointillismus, weiß man jetzt, war die erste Bewegung der Neuzeit, in der nicht mehr die Abbildung und Nachahmung der Natur im Vordergrund stand, sondern es um die Malerei an sich ging. Ein Satz, den man bis heute von jedem zweiten Maler hört. Wodurch der früh, mit 31 Jahren verstorbene Mastermind Seurat auch bis heute hoch im Kurs steht in dieser Zunft.

Bei uns Laien tat er das bisher weniger, zu starr, zu dekorativ, zu wenig originell wirkten die Segelboote und Badeszenen. Jetzt heißt es also umdenken. Und skeptisch bleiben. Es mag Seurat und Paul Signac, seinem genialen Kommunikator, der die feinmaschigen Netze des Pointillismus bis nach Brüssel und darüber hinaus warf, tatsächlich nur um die Umsetzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse der Optik gegangen sein, um das Setzen der reinen, also direkt aus der Tube gedrückten Farben nebeneinander, damit sie sich erst im Auge des Betrachters mischen, nicht auf der Palette. Um das Entstehen von Licht und Strahlkraft durch Farbkontraste. Doch der extreme Effekt der Erstarrung, des Eingefrorenseins, der durch Punkteraster entsteht, ist viel zu stark, als dass er nicht auch inhaltlich, ja sogar ideologische Bedeutung haben könnte. Erfährt man noch, dass die Pointillisten stark links orientiert waren, zum Teil in anarchistische Anschläge in Paris verstrickt waren wie Maximilien Luce und der führende Pointillisten-Kunstkritiker Felix Feneon, dann kennt man sich nicht mehr aus. Was waren sie denn nun? Harmoniesüchtige Anarchisten? Stickende Anarchisten? Die aber Ruhe, Idylle, Pastellfarben wollen?

Utopie ist das Schlüsselwort hier, meint der Kurator, es geht um das Hinwegsehen in ein gesellschaftliches Arkadien. Das mag für die bäuerlichen Szenen stimmen, die Signac und Henri-Edmond Cross in den späten Jahren um die Jahrhundertwende malten. Aber die frühen Hauptwerke von Seurat und Signac, die "gestickten", erstarrten Szenen eines bürgerlichen Lebens? Beim Frühstück, beim Promenieren am Sonntagnachmittag, beim Baden? Vielleicht geht es um die Verewigung der Gegenwart, des Augenblicks, um die Kontemplation über ein Leben, eine Gesellschaft, die nach politischen Umstürzen, nach dem Fall der Monarchie, nach dem Fall Napoleons, nach dem Fall der Pariser Kommune gerade nicht weiß, wohin. Durch die Punkte, die Verpixelung beginnt sich das, was aus der Ferne so klar und fest und gewohnt erscheint, bei näherem Blick aufzulösen, transparent, durchscheinend zu werden, jede Kaffeetasse, jede Zündholzschachtel. Alles verharrt in Auflösung, in Schwebe. Unheimlich wirkt das, heute vielleicht wieder mehr als zuvor.

Seurat, Signac, van Gogh. Wege des Pointillismus, Albertina, Wien, bis 8. Januar, www.albertina.at

© SZ vom 26.09.2016
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