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Kunst:Die Residenz wird rosa

Katharina Gaenssler und Brigitte Schwacke bespielen mit ihrer Ausstellung "Stereo" die Räume der Akademie der Schönen Künste

Der Mitgliedersaal der Akademie ist seit Jahren streng verschlossen. Doch zurzeit steht die Tür offen, erlaubt den Blick auf ein wildes Sammelsurium an Möbelstücken, die nicht zueinander passen wollen. Was den seltsam arrangierten Stilmix kraftvoll zusammenhält und ihm die Anmutung einer Installation gibt, ist eine rosa-grüne Wandbespannung, mit der Katharina Gaenssler auf das Durcheinander reagiert. "Hat was von einem Dirndlstoff", sagt die Künstlerin, die gerade mit Brigitte Schwacke die Räume der Akademie der Schönen Künste bespielt. Und diese gelungene gemeinsame Ausstellung lässt sich mühelos auch als Ansage zu Wandel und Veränderung interpretieren. Was der Akademie ja nicht schaden würde.

Die beiden Künstlerinnen sind seit 2017 ordentliche Mitglieder derselben und stellen sich mit "Stereo" dort vor. Zwei Frauen mit einer ebenso unverwechselbaren wie unterschiedlichen Arbeitsweise. Aber trotz aller Unterschiede fanden sie Gemeinsamkeiten - das Interesse am Umgang mit Raum und Zeit zählt dazu. Gezielt haben sie neue Arbeiten für die Räumlichkeiten entwickelt und nicht nur längst Bekanntes einfach aufgehängt oder abgestellt.

Schon das Foyer präsentiert sich aufgeräumter, puristischer. Der erste Blick fällt - schließlich hat man eben eine Treppe erklommen - auf Gaensslers "Bauhaus Staircase", eine Tapisserie. Dann entdeckt man Schwackes neue Werkgruppe "Wahlverwandtschaften", einzelne Blätter mit verkürzten Biografien von Menschen, die für den Lebensweg der Künstlerin wichtig waren. Die gesammelten Daten hat sie erst in den computereigenen Binärcode aus Einsen und Nullen übersetzt und diesen dann mit Tusche wieder auf Papier übertragen. Analog sind die unregelmäßigen Zeichenfolgen nicht dechiffrierbar, erinnern an Schriften vergangener Kulturen.

Kraftvoll und optimistisch wirkt Katharina Gaensslers Wandbespannung im Mitgliedersaal der Akademie. Hier sitzt sie mit Schwacke (rechts) auf einem Ledersofa, das der Legende nach schon Hitler und Mussolini als Sitzfläche diente.

(Foto: privat)

Der Wechsel zwischen Digitalisierung und Archaik, zwischen Lesbarkeit und Unlesbarkeit kennzeichnet auch Gaensslers Teppich, eine digital gewebte Bildmontage, letztlich Essenz aus ihrer Fotoinstallation "Bauhaus Staircase", die sie 2015 für das Museum of Modern Art in New York konzipierte. Gaenssler, 1974 in München geboren, reagiert mit der Fotokamera auf Räume. Mit Tausenden Detailaufnahmen tastet sie die Wände ab. Was sie fotografisch zerlegt hat, baut sie am Rechner wieder zusammen, entwickelt aus überlappenden Einzelbildern eine Montage; ein Ausschnitt landet dann auf einer freien Wand, normalerweise als ein aufgesplittertes, geklebtes Bild, hier aber wird der Teppich zum Kaleidoskop einer Räumlichkeit.

"Ich wollte das Thema Bauhaus in verschiedenen Materialien durchdeklinieren", sagt Gaenssler. Aus den Einzelbildern - "mein Archiv und mein Fundus" - entstehen Buchobjekte oder wie im Fall von "Bauhaus Staircase" ein mehr als zehn Meter langes Leporello, das, vertikal geordnet, alle 10 177 Fotos versammelt, die sie für die Installation angelegt hat. Und weil Gaenssler am Ende einer Ausstellung die temporären Collagen eigenhändig wieder abreißt, entstand daraus noch ein zweites Buch. Die 24 Abrisse stellte sie 28 Künstlern als Material zur Verfügung und bat sie ein Tapetenmuster zu entwickeln. Tim Bennett schuf ein Alphabet, August Besten erfand die Baumaus - es ist vergnüglich, sich durch das Musterbuch zu blättern. Oder an den exemplarisch aufgeschlagenen Seiten des Künstlerbuchs "HD (Turm)" entlangzuwandern. 36 Mal dasselbe Buch, jedes Mal mit einer anderen Seite, mit collagierten Fotografien aus den Atelierräumen der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven.

Schwerelos schweben Brigitte Schwackes fragile Objekte im Raum.

(Foto: Tom Fährmann)

Die Bücher liegen auf Tischen im ovalen Saal. Auf Augenhöhe bildet Schwackes Arbeit "DIN A4" eine umlaufende Horizontlinie. Lücken durchbrechen den regelmäßigen Rhythmus. Schwacke, 1957 in Marl geboren, hat die meisten der 62 aus legiertem Draht gehäkelten Felder nicht selbst geschaffen, sondern andere darum gebeten. Manche sind locker, luftig und so gleichmäßig, als hätte eine Maschine sie gemacht, andere wölben sich krumm und verzerrt in den Raum hinein. Lauter kleine Lebenserzählungen. Anders als Wolle lässt sich der Draht nicht mehr auftrennen, Fehler nicht rückgängig machen. Zwei "Fäden" signalisieren den Beginn und das vielleicht nur vorläufige Ende der Fragmente. Je nach Distanz verändern sich die Arbeiten. Das gilt auch für Schwackes Objekte der "Hirayama Family", die wie dreidimensionale Zeichnungen aus Draht wirken. Benannt nach den seit Millionen Jahren in fast unveränderter Konstellation durchs All gleitenden Asteroiden schweben sie im Raum, öffnen ihn weit.

Da verblasst sogar die Erinnerung an das Ledersofa im Mitgliedersaal der Akademie, auf dem angeblich schon Hitler und Mussolini saßen. Jetzt haben es Schwacke und Gaenssler besetzt. Und es wäre erstaunlich, wenn ihnen keine Veränderung gelingen würde.

Stereo. Katharina Gaenssler, Brigitte Schwacke, bis 25. Okt., Bayer. Akademie der Schönen Künste