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Kunst:Die mit der Schere

Hannah Höch wurde als Dada-Mama konserviert, doch sie hat viel mehr entwickelt, wie eine Ausstellung in Mannheim zeigt.

Von Gottfried Knapp

Hannah Höch (1889 bis 1978) ist Dada. Sie hat den anarchischen Impuls, der vor 100 Jahren unter dem Stammelwort "Dada" die Welt erfasst hat, wie kaum ein anderer Künstler in bildnerische Formen übersetzt. Ja während der Nazizeit ist es ihr in ihrem Versteck vor den Toren Berlins sogar gelungen, ihren kritisch reflektierenden Stil weiterzuentwickeln und mit verrätselten Bildwerken in aller Stille gegen die Reglementierung des öffentlichen Lebens zu opponieren.

Nach dem Krieg hat sie dann mit den in den Dada-Jahren entwickelten Bildmitteln noch einmal ein Werk von großer Eigenständigkeit und Aktualität geschaffen. Doch der Kunstbetrieb hat sich immer nur für ihr dadaistisches Frühwerk interessiert. Sie wurde als Großmeisterin der Collage, als gallig bittere Satirikerin der Weimarer Republik geschätzt und als weiblicher Kobold in einer männlich dominierten Avantgarde-Bewegung gefeiert. Aber wie viele unterschiedliche Kunst- und Stilformen sie im Lauf der Zeit aus den handwerklichen Tätigkeiten des Zerschneidens und Wiederzusammensetzens entwickelt hat, ist bisher kaum dargestellt worden.

Nackte Politiker prallen auf Kriegsgräuel, Feministinnen und alberne Werbesprüche

Die Ausstellung "Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst" in der Mannheimer Kunsthalle setzt "Das Werk nach 1945" erstmals gleichgewichtig neben die oft ausgestellten frühen Arbeiten und korrigiert die frühere Fehleinschätzung so eindrucksvoll, dass man auf der Suche nach einer Künstlerin, die im 20. Jahrhundert außerhalb des von Männern vorgegebenen Kanons ein ähnlich eigenständiges Werk geschaffen hat, irgendwann bei der unvergleichlichen Maria Lassnig landet.

Anhand von drei fotomechanisch vergrößerten Collagen aus der Zeit um 1920, die selber nicht ausgestellt sind, erklären die Kuratoren der Ausstellung eingangs die von Höch entwickelte Technik der satirischen Entlarvung: Indem sie populäre Bildmotive aus Zeitungen und Illustrierten pointierend zuschnitt und schroff mit Gegensätzlichem konfrontierte, riss sie so mächtige Fallhöhen auf, dass die herbeizitierten Motive dem Schmunzeln oder dem Gelächter preisgegeben wurden.

In der berühmten Collage "Dada-Rundschau" von 1919 etwa steckt sie dem im Schwimmbad fotografierten nackten Reichspräsidenten Ebert und einem zweiten Politiker Papierrosen in die Badehosen. Die so gezierten Herren prallen in einem Wirbel aus Bildschnipseln auf die herumrollenden Eierköpfe internationaler Politiker und Unterhaltungsgrößen, auf Fotos von Kriegsgräueln, auf lächerlich strammstehende kopflose Korpsstudenten und feministisch sich gerierende Frauen. Ja Höch heizt das angerichtete Aktualitäten-Chaos durch ausgeschnittene Schlagzeilen, alberne Werbesprüche und das auf Wolken herbeisegelnde Wort "Dada" noch einmal kräftig an.

Mit solchen karikaturistischen Zerrbildern kämpfte Hannah Höch an der Spitze der damaligen europäischen Avantgarde mit. Sie war einer der Stars der Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 in Berlin. Doch als es immer schwieriger wurde, mit witzig-bösen Zusammenklitterungen von Dingen, die nicht zusammenpassen, Aufsehen zu erregen oder gar etwas in der Gesellschaft zu bewirken, hat Hannah Höch ihre Erfahrung im Auswerten vorhandenen Bildmaterials neuen Formen zugutekommen lassen. Sie hat die vom Collage-Prinzip abgeleiteten Kompositionen vom thematischen Zwang, vom Erzählen-und-Entlarven-Müssen befreit. Auf diese Weise kamen die Klebebilder der gegenstandsfreien oder abstrakten Malerei sehr nahe.

In ihren frühen Schnittbildern hatte Höch die herbeizitierten Motive inhaltlich noch sehr wörtlich genommen und ihrer Thematik entsprechend gegeneinander gesetzt. Schon bald aber löst sie sich von der Tagesaktualität und greift nach großflächigen farbigen Plakatmotiven, die man mit der Schere frei gestaltend bearbeiten, also durch Eingriffe von ihrer ursprünglichen Dinglichkeit befreien konnte.

Die Silhouette des ausgeschnittenen farbigen Papierteils wird, wenn das Stück auf einen neutral hellen Grund gesetzt wird, zur grafischen Linie. Die Schere lässt sich also fast wie ein Zeichenstift benutzen. Beim Zerstückeln der Abbildung geht der ursprüngliche Sinn natürlich verloren, doch durch das Zusammenfügen der entdinglichten Partikel auf dem Bildgrund kann ein neuer Sinn entstehen.

Das gezielte In- und Übereinander nicht mehr entzifferbarer Teile kann ganz neue gegenständliche Assoziationen auslösen, es kann aber auch einen inhaltlich nicht deutbaren abstrakten Wirbel erzeugen, der mehr Dynamik entwickelt als jedes gegenständlich deutbare Motiv aufbringen könnte. So finden sich in Höchs zwischen den 20er- und 60er-Jahren geschaffenen Werk viele Collagen, die aus Partikeln bekannter Bilder zusammengeklebt sind, aber im kraftvollen Gegeneinander der Teile als frei abstrakte Farb- und Formkompositionen zu erleben sind. Und umgekehrt hat Höch immer wieder farbige Schnipsel, die nichts mehr von ihrer bildlichen Ursprungsbedeutung verraten, so kombiniert, dass sie im Zusammenspiel wieder gegenständliche Erinnerungen wecken. Da können also Pflanzen aufschießen, Vulkane ausbrechen, Landschaften sich öffnen. Anatomisches, Kosmisches und Untermeerisches kann sich ins Blickfeld schieben. Am eindrucksvollsten sind aber wohl Bilder, die zwischen diesen Extremen in der Schwebe bleiben, also jene, die an einigen Punkten Gegenständliches zu suggerieren scheinen, aber insgesamt eine surreale Vieldeutigkeit bewahren. In diesen subtilen Collagen kommt Höch dem, was Max Ernst etwa zur gleichen Zeit mit neuen Techniken wie der Frottage oder der Grattage erprobt hat, ziemlich nahe.

Für Hannah Höch war die im Medium der Collage eroberte Ausdrucksvielfalt der Maßstab, an dem sie sich auch als Malerin und Zeichnerin maß. In ihren Gemälden wechseln sich also dynamisch abstrakte, poetisch fantastische, monochrom geometrische und düster existenzielle Motive ab, ohne dass irgendwann das Gefühl der Routine aufkommt.

Wie unterschiedlich Menschen auf Bilder reagieren, die, wie die Arbeiten von Höch, zum Rätseln und Interpretieren einladen, führt die Kunsthalle Mannheim mit zehn elektroakustischen Klangcollagen vor, die von Studenten der Musikhochschule Trossingen zu einzelnen Bildern verfasst worden sind. Sie können in der Ausstellung über Kopfhörerer direkt vor den Bildern abgehört werden. Dem einen Klangmagier sind harmonisch säuselnde Geräusche und Naturlaute zu genau jenem Bild eingefallen, das den anderen zu fast quälenden elektronischen Lärmattacken inspiriert hat. Wenn es in der Ausstellung also nötig gewesen wäre, die Vielfalt dessen, was Hannah Höch den Besuchern mitzuteilen hat, nachzuweisen, hätten es allein schon diese extrem unterschiedlichen Reaktionen junger Musiker höchst eindrucksvoll bewiesen.

Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst, in der Kunsthalle Mannheim. Bis 14. August. Katalog (Edition Braus Berlin) im Museum 24,50 Euro.

© SZ vom 10.06.2016

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