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Kunst:Die Kerze der Industrialisierung

In einem venezianischen Palazzo erhält die Kunst von Jannis Kounellis neue Aktualität für die konsumkritische Gegenwart.

Von Kia Vahland

Einst trugen die meisten Herren Hüte, sobald sie auf die Straße gingen. In der Serialität - jeder hatte einen Hut - erschien die Kopfbedeckung nicht gerade als individueller Ausdruck. Selbst die besseren Exemplare wirkten in der Masse, als bildeten die Träger im Straßenbild optisch eine Gruppe. Jannis Kounellis' Ausweg aus dieser Einförmigkeit war nun nicht, sich auf die Gesichter der Männer zu konzentrieren, wie dies Porträtmaler tun. Stattdessen sammelte er gebrauchte Hüte und die dazugehörigen Mäntel und Schuhe gleich mit.

Jannis Kounellis ironisierte die Kunstgeschichte mit einem Bildvorhang vor weißer Fläche, daneben montierte er eine Öllampe.

(Foto: Agostino Osio; Alto Piano; Fondazione Prada)

Auf edlem Steinboden ausgelegt, füllen die Kleidungsstücke nun die Halle im Piano Nobile der Fondazione Prada in Venedig. Obwohl sich die klassischen Schnitte und gedeckten Farben wiederholen, treten vor allem die Eigenheiten hervor. Der eine Herr hat seine linke Schuhspitze angestoßen, der andere seinen Borsalino verbeult, der dritte hatte offenbar für seinen schmalen Mantel zu viel Bauch. Kounellis, der Materialkünstler, brachte Lebensspuren zum Leben.

Holz, Erde, Wolle und Kohle: Arte Povera wollte alte und neue Welt versöhnen

Das war ein Prinzip seiner Kunst, und deshalb ist es ein Wagnis, dass Kounellis' langjähriger Weggefährte Germano Celant in Venedig eingeht. Der gebürtige Grieche Kounellis ist am 16. Februar 2017 in seiner Wahlheimat Rom gestorben, kurz vor seinem 81. Geburtstag. Celant hat nun am Canal Grande die erste groß angelegte posthume Retrospektive kuratiert, und es bleibt ihm nichts anderes übriges, als mit alten Installationsfotos und Zitaten des Meisters zu operieren, welche die Arbeiten begleiten. Denn niemand weiß, wie Kounellis in dem Palazzo aus dem frühen 18. Jahrhundert seine Mäntel und Hüte, Wollbündel, Kohlestücke, Tücher platziert hätte.

Jannis Kounellis sammelte gebrauchte Mäntel, Hüte, Schuhe. Der Kurator Germano Celant hat die Herrenkleidung neu arrangiert.

(Foto: Agostino Osio; Alto Piano; Fondazione Prada)

Seine Kunst der Einfachheit lebte aus dem Moment heraus; Vergänglichkeit war eines seiner großen Themen. Was nun Restauratoren und Kuratoren vor die Frage stellt, ob die in einem Wandbild integrierte Kerze wirklich flackern soll, ob man die Kocher in den Installationen tatsächlich anschmeißen muss, und wie frisch der Kaffee sein darf, der nun häufchenweise in Hängevorrichtungen im Teppichhaus duftet.

Brandschutzbestimmungen machen einiges unmöglich, was für Kounellis noch selbstverständlich war. Das Zischen der Gaskartuschen fehlt, auch die alte Öllampe neben einem Bildvorhang vor weißer Fläche brennt nicht mehr, und doch: Es hat seinen eigenen Witz, wie diese 1973 entstandene Kritik am klassischen Gemälde neben einem geschwungenen Türrahmen des Palazzo prangt und im Hintergrund die typischen stoffgefüllten Bleiwickel des Künstlers eine andere alte Tür verstopfen. Wer hätte gedacht, dass Arte Povera sich so gut mit dem verspäteten Barock eines venezianischen Baus versteht, viel besser jedenfalls als mit der Kälte des White Cube gewöhnlicher Museen.

Jannis Kounellis 1973 bei einer Ausstellung seiner Bilder in Neapel.

(Foto: Claudio Abate)

Die Ausstellung, die inmitten historischer Pracht das alte Schlichtheitsideal feiert, hat nichts Nostalgisches. Im Gegenteil, erst jetzt ist die Ressourcenverschwendung zum großen Thema geworden. Die Arte Povera, allen voran Kounellis, ahnte dagegen schon in den Sechzigern, dass die Feier des Konsums, wie sie auch Teile der Pop Art betrieben, Grenzen haben wird.

Im noch lange sehr ländlichen Italien wohnte dieser Rückbesinnung auf Holz, Erde, Wolle, Feuer und Kohle damals eine Hommage an die Großmütter inne. Arte Povera war der Versuch, industrielle und traditionelle Lebenswelt zu versöhnen und dabei doch etwas Neues zu entwickeln, das für die Zukunft taugen könnte. Noch nicht absehbar war zu der Zeit, wie das Digitale das physisch Erfahrbare im Alltag zurückdrängen würde. Von heute aus gesehen strahlen Kounellis' Werke eine Kontemplation aus, die aus weiter Ferne kommt.

Jannis Kounellis. Fondazione Prada, Venedig. Bis 24. November. Der Katalog kostet 95 Euro.

© SZ vom 03.07.2019
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