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Kunst:Die Autonomen

Der viel beachtete Rücktritt der Stedelijk-Direktorin Beatrix Ruf in Amsterdam ist mehr als ein Skandal. Er belegt, wie unvereinbar Markt und Museum sind.

Der Rücktritt von Beatrix Ruf, der Direktorin des Stedelijk Museums in Amsterdam, in den vergangenen Tagen beschäftigt derzeit die Kunstszene wie kaum ein Skandal der letzten Jahre. Die niederländische Zeitung NRC Handelsblad hatte über Wochen fast täglich die Arbeit der Direktorin thematisiert. Das reichte von Berichten über den fragwürdigen Umgang mit einer privaten Mondrian-Leihgabe - die sich als Fälschung herausstellte - bis zu der Frage, ob "mehr als 20 Nebentätigkeiten" angemessen seien. Vor allem zielte die Berichterstattung auf die Verflechtungen der deutschen Kuratorin, die vorher an der Kunsthalle Zürich arbeitete, mit Privatsammlern, dem Verlagshaus Ringier, mit der Schweizer Museumsgründerin Maja Hoffmann und mit den immer gleichen Künstlern.

Allein mit ihrer Schweizer Beraterfirma verdiente die Direktorin 430 000 Euro

Fragwürdig schien auch die Übernahme von 600 Werken aus der Sammlung des Kölners Thomas Borgmann für das Museum. Schon weil sie mit einem gleichzeitigen Ankauf von zusätzlich sechs Werken verbunden war, die das Museum 1,5 Millionen Euro kosten werden. Zum Rücktritt führte dann wohl der Vorwurf, dass Beatrix Ruf eine Firma in der Schweiz besaß, die auch Leihgeber des Stedelijk Museums beriet, und mit der sie allein im Jahr 2015 mehr als 430 000 Euro Gewinn machte. Während das Stedelijk Museum in einer Erklärung darauf hinweist, dass im Haus zwei externe Fachleute mit der Aufarbeitung beschäftigt seien, klingt das Statement, mit dem sich Beatrix Ruf verabschiedet, überraschend selbstbewusst. Sie habe "außerordentliche Sammlungen nach Amsterdam geholt und die Relevanz des Hauses im Verhältnis zur Gesellschaft und der Community entscheidend vertieft". Sie trete allein deswegen zurück, um einen Ansehensverlust des Hauses in der Öffentlichkeit zu vermeiden.

Und tatsächlich scheint es, als habe Beatrix Ruf nicht in einem Schattenbereich agiert. Das Museum veröffentlicht seine Jahresberichte im Internet, sowohl die Nebentätigkeiten als auch die Umstände von Ankäufen, Schenkungen und Leihgaben sind wohl mit dem Vorstand und den politisch Verantwortlichen abgeklärt worden. Und bis zum Beweis des Gegenteils muss man annehmen, dass Ruf sich juristisch korrekt und regelgerecht verhalten hat. Ein Insider geht so weit zu sagen, die Niederländer hätten offensichtlich noch nicht viel Erfahrung in der Beurteilung einer Kulturmanagerin, die sich auf internationalem Niveau "zwischen den Bereichen Public und Private bewegt".

Wurde das Stedelijk Museum in Amsterdam zeitgemäß geführt? Die Direktorin Beatrix Ruf ist nach Skandalen zurück getreten.

(Foto: John Lewis Marshall /Stedelijk Museum)

Wie also soll man den Skandal beurteilen? Vor allem macht er sichtbar, dass die Museen ihren Anspruch auf Autonomie im Alltag aufgegeben haben, der doch eigentlich die Unterstützung der Öffentlichkeit rechtfertigt. Dass eine Museumsdirektorin nebenbei 430 000 Euro im Jahr verdient, erscheint aus der Perspektive des Marktes nicht eben skandalös. Zumindest wenn man der Argumentation eines deutschen Kollegen von Ruf folgt, der vorrechnet, dass man dafür "gerade mal zwei Gemälde von Günther Förg vermitteln muss". Die niederländische NRC Handelsblad hatte angenommen, dass man insgesamt 200 Tage arbeiten müsse, legt man einen Tagessatz von 2000 Euro zugrunde.

Es ist offensichtlich, dass der Wechselkurs zwischen den Sphären nicht stimmt: Was in Zeiten eines boomenden Kunstmarkts Peanuts sind, ist für unter Sparzwängen leidende Kommunen viel Geld. Die Frage, wem denn die Loyalität eines Museumsdirektors gilt, der sein meist nur fünfstelliges Gehalt mit Nebentätigkeiten verzehnfacht, ist aber für die Bürger entscheidend. In diesem Spannungsfeld gilt der lokalen Tageszeitung als Verfehlung, was ein Kunstmagazin als Professionalität feiert. Beatrix Ruf landet als eine der wenigen Frauen stets auf den vorderen Rängen der Power-100-Liste des Artreview-Magazins, honoriert werden aktive Netzwerker, die zupacken, statt ihr Haus gegen jede Einflussnahmen abzugrenzen.

"Wir haben außerordentliche Sammlungen nach Amsterdam geholt und die Relevanz des Hauses entscheidend vertieft." Beatrix Ruf.

(Foto: Robin de Puy/dpa)

Im Vergleich zu Theatern oder Orchestern, die noch weitgehend mit öffentlichen Geldern finanziert werden, gilt ein Museum als zeitgemäß, wenn es nach amerikanischem Modell geführt wird, also einen Großteil seiner Etats selbst erwirtschaftet. Die Aufsichtsräte der vielerorts in die wirtschaftliche Selbständigkeit entlassenen Museen sind mit Figuren besetzt, die als kunstverständige Förderer apostrophiert werden, die man aber auch einfach Galeristen oder Privatsammler nennen könnte. Das gilt nicht nur für das Stedelijk, sondern für alle großen amerikanischen Museen. Die schätzen es, wenn private und öffentliche Aktivitäten sich verschränken, vor allem wenn Millionenwerte ans Museum kommen. Die zur Aufsicht bestellten Politiker wiederum freuen sich vor allem über repräsentative Bauvorhaben und Blockbuster-Ausstellungen.

Während noch vor wenigen Jahrzehnten für Kunsthistoriker die Regel galt, dass, wer einmal in einer Galerie beschäftigt war, nie wieder die Seite wechseln und auf eine Anstellung in einem Museum hoffen dürfe, ist das Feld jetzt anders abgesteckt. Oder, um im Bild zu bleiben: Es sind überhaupt keine Markierungen mehr erkennbar. Im Spiel um Leihgaben, Schenkungen, Spenden sind vor allem Zwitterwesen im Vorteil, die eine intime Zusammenarbeit mit Privatsammlern, Jurys, Kommissionen, Messen und Galerien pflegen. Sogar NRC Handelsblad weist darauf hin, dass die Politik von Kuratoren und Direktoren "genau solche Praktiken einfordert".

Die Kunst ist aufgeschreckt. Während die AfD in Kassel populistisch die Documenta wegen Untreue anzeigt und auch seriöse Feuilletons unter dem Titel "Schafft die Kuratoren ab" pauschal gegen einen "undemokratischen, autoritären und korrupten" Kunstbetrieb polemisieren (Die Zeit), herrscht Katerstimmung. Wer will schon hören, dass sich die meisten Kuratoren und Direktoren ernsthaft mit Kämmerern und Landesrechnungshöfen auseinandersetzen? Die größte Gefahr droht dem Museum, konkret dem Stedelijk, das einmal als eine der wagemutigsten Institutionen überhaupt galt. Es ist nach dem Skandal dazu verurteilt, sich zurückzunehmen und ein unauffälliges Programm zu fahren.