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Kunst:Die Antike der Fortbewegung

Für eine Ausstellung in der Kunsthalle Emden haben sich hundert Künstler mit dem Auto auseinandergesetzt - und keinen Aspekt ausgelassen, um der Welt die Freude hinterm Lenkrad zu vermiesen.

Von Till Briegleb

Diese Ausstellung ist sicherlich nichts, um junge Menschen ins Museum zu locken. Schließlich ist das Auto der neue Rollator, wenn man sich mal die Statistiken von Neuwagenkäufern ansieht (Durchschnittsalter: 53 Jahre). Das Interesse am motorisierten Individualverkehr und am Statusobjekt Auto schwindet bei jüngeren Leuten nicht nur angesichts gesunden Denkens, fehlender Familien und dreister Konzernbetrüger, die grün reden und schwarz stinken. Wenn jetzt im Autobahnland Deutschland auch die A1 "pleite"-gehen kann, wie gerade getitelt wurde, dann scheint die Vierrad-Religion, die seit dem Wirtschaftswunder das Auto als Privatkirche durchs Land rollen ließ, sich endgültig auszudieseln.

Der Untertitel der Ausstellung der Kunsthalle Emden, "Das Auto in der Kunst", wirkt deshalb auch fast so nostalgisch wie die Erinnerung an das Spielen mit Sportwagenquartetts auf der Rückbank aus den Zeiten, als Papa den Familienstolz noch in einem Rutsch nach Italien lenkte: "Rasende Leidenschaften", das kann man heute ohne Ironie kaum noch benutzen. Und entsprechend prangt das Plakatmotiv dieser sehr umfangreichen Ausstellung, Tatjana Dolls feistroter Ferrari F 430 in Öl, wie der röhrende Hirsch der Technikbranche von den Werbeflächen.

Auch in der Autostadt Emden, wo Volkswagen alle seine Exporte verschifft, den Passat herstellt und früher den Käfer gebaut hat, wollen die Kuratorinnen Annette Vogel und Katharina Henkel den Statusverfall nicht beschönigen - selbst wenn der krisengeschüttelte Konzern etwas Geld zur Realisierung beisteuerte und wohl auch nicht nur aus Lokalkolorit weidlich präsent ist in der Ausstellung: mit Peter Keetmans neusachlichen Aufnahmen der Volkswagen-Produktion aus den Fünfzigern etwa, mit Thomas Bayrles Zerrbild eines roten Käfers, Don Eddys fotorealistisch gemalten Detailporträts der Legende aus den Siebzigern oder Warhols Verarbeitung der US-Werbung der Wolfsburger von 1985.

Altreifengebirge, Autounfälle, protziges Design - Autoliebhaber müssen in der Schau stark sein

Aber genau diese kunsthistorisch etablierten Bildsprachen, die das Auto noch als aufregendes und perfektes Objekt der Begierden in den Rang eines herrschaftlichen Porträts katapultierten, sorgen eben auch dafür, das Autofahren in dieser Ausstellung wirkt wie die Antike der Fortbewegung. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen - etwa Andreas Gurskys monumentaler Fotoarbeit "F1 Boxenstopp III" von 2007 oder Stephan Erfurts rührender Liebeserklärung an das Freiheitsmobil der Hippiegeneration, den VW Bulli, von 1987 - sind die hier versammelten 100 Autoarbeiten dann auch sarkastisch, zwiespältig oder kritisch bis aggressiv.

Die problemsensiblen Kapitel, durch die diese Ausstellung strukturiert ist, beginnen dann auch folgerichtig mit der Eingangsfrage "Auto am Wendepunkt: Faszination oder fossile Kultur?", um im Weiteren eigentlich keinen Aspekt in der Publikumsansprache auszulassen, der dem Fahrer die Freude hinterm Lenkrad vergällen kann. Altreifengebirge von Edward Burtynsky, Autounfälle von Arnold Odermatt, Spott über das Leben im Stau (Wolf Vostell), über männliches Mackergebaren (Sylvie Fleury), protziges Design (Yngve Holen) oder den Porsche-Kult (Hans Hemmert) reihen sich an Olaf Metzels zerknautschtes Mahnmal für den tödlich verunglückten Rennfahrer Jochen Rindt oder amüsante Konzeptkunst von Michael Sailstorfer oder Jonathan Monk über den Stumpfsinn des Lenkens oder die absurden Preisentwicklungen von Gebrauchtwagen.

Wer sich also gerade einen duftenden Neuwagen gekauft hat oder liebevoll sein altes Schmuckstück mit einem "H" auf dem Nummernschild pflegt, der muss in dieser Ausstellung ganz stark sein. Denn die versammelten Künstlerkommentare zu dieser rasenden Leidenschaft lassen sich eigentlich auf einen Nenner bringen: Autofahren ist heute so hip wie Rauchen. Oder, um die Eingangsfrage der Kuratorinnen zu beantworten: Nur Fossilien verbrennen noch Benzin.

Das Auto in der Kunst. Rasende Leidenschaft; Kunsthalle Emden. Bis 5. November 2017; Katalog: Wienand Verlag, Köln; 36 Euro.

© SZ vom 04.09.2017

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