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Kunst:Dialog zwischen Kunst und Natur

Das Franz Marc-Museum in Kochel wird 2018 zehn Jahre alt. Die Jubiläums-Schau beginnt im Juli und widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Kunst und Lesen. Die erste Ausstellung des Jahres zeigt Arbeiten von Paul Klee

Von Sabine Reithmaier

Zehn Jahre wird das Kochler Franz Marc-Museum 2018 alt. In diesem Zeitraum wanderten mehr als 700 000 Besucher vom Kochelsee hinauf in den Neubau, um in 32 Ausstellungen mehr über Franz Marc und die Kunst im 20. Jahrhundert zu erfahren. Cathrin Klingsöhr-Leroy, Direktorin des Hauses, hatte auf der Jahrespressekonferenz in München also Grund zur Freude. Und die Ausstellungsprojekte, die sie vorstellte, sind des Jubiläums auch mehr als würdig.

Freilich reichen die Anfänge des Kochler Hauses weiter als zehn Jahre zurück. 1986 wurde das damals noch biografisch ausgerichtete Museum in der ehemaligen Industriellenvilla eröffnet. Letztere beherbergt, seitdem 2008 der Neubau eröffnet wurde, nur mehr die Verwaltung und das Café. Inzwischen wird auch der Park, der das Museum umgibt, verstärkt als Ausstellungsfläche genutzt. Direkt gegenüber dem Eingang unterstreicht Per Kirkebys Skulptur "Torso-Ast" den Dialog zwischen Kunst und Natur, der den Blauen Reitern so wichtig war; 2019 soll eine monumentale Plastik Tony Craggs folgen.

Die "eigentliche Jubiläumsschau" (Klingsöhr-Leroy) beginnt im Juni und klingt erst einmal sehr literarisch: "Lektüre. Bilder vom Lesen - vom Lesen der Bilder." Marcel Proust beschrieb in "Sur la lecture" das Lesen als "fruchtbares Wunder einer Kommunikation im Herzen der Einsamkeit". Der Autor war es auch, der Klingsöhr-Leroy zu dieser Schau anregte. "Seine Beschreibung der Versunkenheit, des Stillstands der Zeit haben mich inspiriert." Aber es werden nicht nur versunken Lesende an den Wänden hängen - neben Werken von Renoir und Picasso auch Expressionisten und Gegenwartskunst. Denn beleuchtet wird noch ein zweiter Aspekt: das Lesen von Bildern. Cy Twombly, Henry Michaux oder Jean Dubuffet setzten sich in ihren Werken mit Schrift oder Schriftzeichen auseinander; Paul Klee verglich Schrift und Schreiben sogar mit dem Prozess der Bilderschaffung. "Bei ihm zieht sich dieser Aspekt durch das ganze Werk", erläuterte Klingsöhr-Leroy.

Sie hat sich in den vergangenen Monaten viel mit Klee beschäftigt, denn die erste Kochler Ausstellung ist diesem Künstler gewidmet. Trotz der reichen eigenen Bestände sind in diesem Fall zwei Partner hilfreich: Die Schweizer Sammlung Braglia, deren Leihgaben schon 2017 in "Blaues Land und Großstadtlärm" beeindruckten, und die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne (PdM), die fast zeitgleich ebenfalls eine Klee-Ausstellung plant. In Kochel konzentriert man sich, passend zur Umgebung, auf Landschaften des Künstlers, Landschaften, die sich nie auf konkrete Orte beziehen, aber großartige Titel haben: "Landschaft in A-Dur" etwa oder "Landschaft für Verliebte".

Die PdM dagegen widmet sich der Zeit, in der Klee am Bauhaus, erst in Weimar, später in Dessau lehrte (1920 bis 1931) und stellt sein abstraktes und konstruktivistisches Schaffen ins Zentrum. "Uns geht es darum herauszuarbeiten, wie sich Klee in seinem Werk mit den neuesten Entwicklungen am Bauhaus auseinandergesetzt hat", sagte Oliver Kase, in den Staatsgemäldesammlungen zuständig für die Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klee beschäftigte sich, ausgehend von den Architektur-Utopien am Bauhaus, intensiv mit der Darstellung des Raums, konstruierte mit geometrischen Figuren rationale Räume, die dann plötzlich in irrationale Bereiche umschlagen. Aufgeteilt in zehn Kapiteln werden in "Konstruktion des Geheimnisses" (1. 3. bis 10. 6.) 150 Werke gezeigt, aus eigenen Beständen, der Großteil aber aus Japan und den USA.

Interessant dürfte das gemeinsame Symposium "Eine kleine Reise ins Land der besseren Erkenntnis" (19./20. April) werden. Zwei Tage lang spüren Klee-Experten, Philosophen, Literaturwissenschaftler und Kunsthändler der Frage nach, warum Klee international so erfolgreich ist. Und noch einen weiteren neuen Partner konnte Klingsöhr-Leroy vorstellen, das Center for Advanced Studies (CAS) der Universität München. Dort werden, passend zum 100. Geburtstag der bayerischen Räterepublik und vom Franz Marc-Museum kuratiert, "Bilder zur Zeit der Revolution" ausgestellt. Klee wohnte 1919 Tür an Tür mit Ernst Toller im verlotterten Schwabinger Werneckschlößl. Toller wurde vom Maler Hans Reichel dort versteckt; Klee merkte davon nichts, er malte wie besessen und stand der Räterepublik eher abwartend gegenüber, auch wenn er sich im April 1919 dann doch im Kunstbeirat engagierte.

Und Hausherr Franz Marc? Er ist erst im Herbst an der Reihe mit Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen. Die Ausstellung begleitet die Arbeit am neuen Sammlungskatalog, dessen Erscheinen für 2019 geplant ist.

© SZ vom 15.01.2018
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