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Kunst des Augenblicks:Gegen den Lauf der Zeit

Zum achtzigsten Geburtstag der großen Fotografin Barbara Klemm ist ein Auswahlband mit Aufnahmen aus den Jahren zwischen 1969 und 2019 erschienen.

Von Thomas Steinfeld

Über den Fotojournalismus heißt es oft, seine höchste Aufgabe bestehe darin, den "prägnanten" oder "entscheidenden" Augenblick festzuhalten. Legt man diesen Maßstab an, dürfen die meisten der Bilder, die Barbara Klemm, die in den Jahren von 1970 bis 2005 die Fotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, gar nicht als Fotojournalismus gelten. Denn sie zeigen nicht den Moment, in dem das Bedeutsame geschieht und die Geschichte gleichsam ihre Flügel aufspannt. Stattdessen halten sie einen Augenblick vor oder nach dem symbolischen Akt fest, in dem die Geschichte ihre Protagonisten noch nicht ergriffen oder schon verlassen hat und die vermeintlichen Helden wieder (oder noch) in ihrem privaten Surrealismus gefangen sind. Dann flattern sie davon wie Wolf Biermann nach seinem Kölner Konzert im November 1976. Oder sie sinken bedenklich in ihren Sessel wie Willy Brandt, während ihm Leonid Breschnew beim Staatsbesuch 1973 die Komplizenschaft anzutragen scheint.

In drei Themenbereiche ist der Fotoband gegliedert, mit dem der Münchner Verlag Schirmer/Mosel eine Retrospektive zum beinahe schon unübersehbar großen Werk Barbara Klemms anbietet: in "Deutschland", die "Welt" und die "Kunst". Das systematische Verfehlen des vermeintlich Repräsentativen verbindet die drei Bildergruppen, ein Verfehlen, in dem das Einzigartige aus dem Allgemeinen heraustritt. Diese Kunst des absichtlich knapp verfehlten Augenblicks ist eng an die Zeitung als den Ort ihres ersten Erscheinens gebunden. Denn die Zeitung verlangt nach Fasslichkeit. Sie will den Händedruck zwischen den Politikern zeigen, sie verlangt nach einer Fotografie, in dem die Berliner Mauer zum ersten Mal überwunden wird, im Glauben, dass, wer das Bild erfasse, auch einen Begriff vom Ereignis selber habe.

Eine Haute Couture-Modenschau von Versace mit Madonna in Paris, 1993.

(Foto: Barbara Klemm: Zeiten und Bilder, Schirmer/Mosel)

Barbara Klemm folgt diesem Verlangen, aber sie tut es gebrochen, mit einer Wendung, die man beinahe für einen Akt der Auflehnung halten könnte. Sie gewährt dem Zufälligen und Individuellen einen Auftritt im Symbolischen, sie behält einen persönlichen, man möchte beinahe sagen: privaten Blick. Auf diese Weise zeigt sie, dass, wer die vermeintlich entscheidende Szene kennt, noch lange nicht alles weiß. Insofern war sie die ideale Fotografin einer Zeitung, die einst am Samstag eine Tiefdruckbeilage veröffentlichte und von sich behauptete, nur kluge Leser zu haben.

Das Prinzip des knapp verfehlten Augenblicks verbindet sich bei Barbara Klemm mit einer Neigung zum Malerischen, die ihrerseits eine Folge des Ausweichens vor dem symbolischen Akt ist. Denn die Fotografie stellt still, indem sie einen Augenblick aus der fließenden Zeit herauslöst. Die Malerei hingegen arrangiert und verdichtet. Sie schafft ein Tableau, in dem sich die einzelnen Figuren und Gegenstände aufeinander beziehen und zusammen das Gemälde bilden, was nur gegen den Lauf der Zeit zu erreichen ist. Was dabei entsteht, ist nicht nur auf den berühmten Fotografien zu sehen, die Barbara Klemm von Heinrich Bölls Auftritt bei einer Demonstration gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Mutlangen im September 1983 oder von der Öffnung des Brandenburger Tors im Dezember 1989 machte. Ein Tableau ist auch die Fotografie, auf der die Sängerin Madonna, erkennbar fasziniert, beim Besuch einer Modenschau in Paris zu sehen ist. Die Assistentin zu ihrer Linken, der geistig eher abwesend wirkende Fotograf Steven Meisel zu ihrer Rechten, ja sogar der finster dreinblickende Herr, der hinter der Mauer hervorschaut, sie alle sind eigenartige Gestalten, die Barbara Klemm in einer Weise auftreten lässt, die nicht nur von fern an Gustave Courbets "Atelier des Künstlers" erinnert.

Jenseits allen Glamours: die Kinder hinter der Fensterscheibe.

(Foto: Barbara Klemm: Zeiten und Bilder, Schirmer/Mosel)

Eine Fotografie, erklärte vor fast hundert Jahren der Publizist Siegfried Kracauer, halte nicht nur ihren Gegenstand fest. Sie dringe vielmehr in ihn ein, sodass der Gegenstand ein anderer werde, wenn er einmal im Bild festgehalten wurde.

Es gibt viele Fotografien Barbara Klemms, die historische Ereignisse oder Szenen von bleibender Bedeutung dokumentieren und die so eindrücklich sind, dass man beinahe meinen möchte, das Bild habe sich an die Stelle des tatsächlichen Ereignisses gesetzt - beinahe, weil sich dann doch, in jeder Fotografie, der Zufall mit seinem Eigensinn eingefunden hat und dafür sorgt, dass Bild und Geschichte nicht zu verwechseln sind.

Diese Brechungen zwischen dem stillgestellten Augenblick und dem Tableau, dem Symbolischen und dem Zufälligen, dem Repräsentativen und dem Privaten bilden schließlich den Grund dafür, dass Barbara Klemms Fotografien so schnell und mit so bleibender Geltung aus der Zeitung heraus- und ins Museum hineinfanden. Dort werden sie noch hängen, wenn man den künftigen Betrachtern längst wird erklären müssen, wer Madonna war. An diesem Freitag feiert Barbara Klemm ihren achtzigsten Geburtstag. Wir gratulieren.

Barbara Klemm: Zeiten Bilder. 212 Photographien aus den Jahren 1969 bis 2019. Mit einem Vorwort von Norbert Lammert und einem Nachwort von Barbara Catoir. Schirmer/Mosel Verlag, München 2019. 288 Seiten, 49,80 Euro.

© SZ vom 27.12.2019
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