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Kunst:Der Meister der Untersicht

Der Maler Johann Andreas Wolff wird in der Graphischen Sammlung in München als Virtuose der barocken Zeichnung wiederentdeckt.

Von Gottfried Knapp

Der Glanz, den die bildenden Künste im 18. Jahrhundert in Süddeutschland entfalten konnten, hat die bescheidenen Anfänge immer in den Schatten der Geschichte verdrängt. Auch die Forschung hat sich stets damit zufriedengegeben, den unbestreitbaren Rang von Künstlern wie den Brüdern Asam und Zimmermann, von Baumeistern wie Balthasar Neumann und Johann Michael Fischer oder Bildhauern wie Johann Baptist Straub und Ignaz Günther zu bestätigen. Wie viel Bedeutendes dabei unentdeckt blieb, führt die von der Staatlichen Graphischen Sammlung zusammengestellte Ausstellung "Johann Andreas Wolff. Zeichenkunst in München um 1700" nun eindrucksvoll vor. Der von Achim Riether zum Thema erarbeitete mächtige Katalog aber wirft klärendes Licht in einen bislang sträflich vernachlässigten Abschnitt der Münchner Kunstgeschichte.

Dass Johann Andreas Wolff (1652 - 1716) noch nie in einer Einzelausstellung gewürdigt worden ist, muss einen wundern, wenn man sich klarmacht, welche zentrale Rolle dieser Münchner Künstler in der Entwicklung der spätbarocken Ausdrucksformen gespielt hat. Er war Hofmaler nicht nur bei Kurfürst Max Emanuel, sondern auch beim Fürstbischof von Freising, und hat von seiner gehobenen Position aus Kirchen und Klöster in Süddeutschland und Österreich mit Entwürfen und Altargemälden beliefert, die als Vorbilder bewundert und darum gerne kopiert worden sind. Auch die Zahl der begabten Schüler ist stattlich. Johann Georg Bergmüller, der spätere Großmeister der Deckenmalerei, hat zwar früh einen eigenen Stil gefunden, aber immer wieder auf die Kompositionsmuster seines Lehrers zurückgegriffen.

Da das malerische Werk von Wolff fast ausschließlich in kirchlichem Besitz und weit verstreut ist, lässt sich dessen Bedeutung in einer Ausstellung kaum darstellen. Doch dank der Aktivitäten des Münchner Sammlers Felix Halm, der um 1800, also in einer Zeit, in der Barockes verachtet war, alles zusammentrug, was er an älteren zeichnerischen Arbeiten aus Bayern in die Hand bekommen konnte, verfügt die Graphische Sammlung über 50 Zeichnungen von Wolff, an denen sich seine Leistungen als virtuoser Zeichner, als gestochen präzis seine Vorstellungen vermittelnder Entwerfer großer Altarbilder und als Pionier der mit extremen Untersichten arbeitenden Deckenmalerei schön nacherleben lassen.

Die um 1680 gezeichneten Entwürfe für die heute verlorenen Deckenmalereien in den Alexandersälen der Münchner Residenz mit ihren steil von unten gesehenen Treppenstufen und den perspektivisch kühn darauf postierten Figuren (unser Bild) zeigen eine Meisterschaft im Umgang mit dem neuen Stilmittel, die auch von späteren Spezialisten des Blicks in den Himmel nicht übertroffen worden ist.

Ungefähr zehn Jahre nach dem Alexander-Zyklus hat Wolff in der Residenz die beim Brand zerstörten älteren Deckenmalereien der Gästeapartments durch Eigenes ersetzen dürfen. In seiner schwungvollen Entwurfszeichnung für das Gemälde "Venus und Amor auf dem Schwanenwagen" übersteigert Wolff den Konflikt zwischen Amor, der wütend seinen Pfeil sucht, und Venus, die den Pfeil hinter ihrem Schenkel versteckt, zum Aufruhr der Elemente: Selbst die beiden Schwäne benehmen sich so wild, als müssten sie den lüsternen Jupiter vor Leda imitieren.

Wolff selber war ein zurückhaltender Mensch. In seinem Selbstporträt ohne Perücke gibt er sich als aufgeklärter bescheidener Bürger. Die schönste Würdigung hat er wohl nach seinem Tod erfahren, als sein für Berg am Laim gemaltes, oft kopiertes Altarbild "Triumph des hl. Michael" um 1760 von Ignaz Günther in dem meisterlichen Altarentwurf für den Neubau der Kirche liebevoll nachgezeichnet wurde.

Johann Andreas Wolff. Zeichenkunst in München um 1700, Pinakothek der Moderne, bis 17. Juli. Katalog (Deutscher Kunstverlag) 39,90 Euro.

© SZ vom 06.05.2016
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