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Kunst:Der Maler der Hexen

Hans Baldung Griens Renaissancekunst spricht an, schockiert und verführt - und zwar bis heute. Warum das so ist und was das mit dem Frauenbild des Malers zu tun hat, zeigt eine Ausstellung in Karlsruhe.

Von Kia Vahland

Manchmal fragt sich ja schon, ob das Patriarchat sich eigentlich rentiert. Dieser Aufwand, um die lächerliche Behauptung männlicher Überlegenheit zu beweisen, all die misogynen Schriften von Heinrich Kramers 1487 publiziertem "Hexenhammer" über Arthur Schopenhauer bis zu manchem Trump-Tweet, wofür? Was hätte man mit all der Zeit, all dem Gedankenaufwand nicht Sinnvolles anstellen können, hätte schon, sagen wir, vor 500 Jahren niemand mehr sich die Mühe gemacht, Frauen kleinzuhalten.

Vielleicht ging es dabei nicht nur um Ausbeutung, sondern auch um Angst. Vor dem, was freie Menschen tun, wenn sie ihrer Fantasie Lauf lassen. Was Frauen tun könnten, wenn sie auf sich gestellt sind.

Hans Baldung Grien hatte dazu ein paar Ideen, die zu dem Wildesten gehören, was die Renaissance hervorgebracht hat. Der Maler und Grafiker verurteilt seine weiblichen Geschöpfe nicht, verteidigt sie aber auch nicht. Er zeigt nur, wie weibliches Leben in seiner Vorstellung aussehen könnte, ließe man die Hexen gewähren: exzessiv, lustvoll, unkontrollierbar.

Die Damen verabreden sich zu Würstchen, Zaubertrank und einer Deko aus Totenschädeln, alle sind schön und nackt, sie betrachten und berühren sich selbst und einander. Eine macht Kopfstand, eine lässt sich erotisch auf einen feurigen Drachen ein, der tut, was ihr gefällt. Selbst wenn sich die Frauen nur zur Schönheitspflege vor dem Konkavspiegel zusammenfinden, wird der Puderpinsel zweckentfremdet. Baldung Grien zeigt junge Frauen, alte Frauen, die Stimmung ist ausgelassen, für den Teufel und seinen Schadzauber interessieren sie sich höchstens am Rande. Wenn diese Hexen sich mit magischer Salbe eincremen, dann um besser fliegen zu können. Ihre detailreich ausgemalten oder fein gestrichelten Sünden heißen nicht Mord und Totschlag, sondern Wollust und Völlerei. Eine Männerfantasie ist das vielleicht, aber immerhin keine, die sofort nach dem Scheiterhaufen ruft.

Warnen soll die Kunst vor den Folgen der Unmoral - und kommt dabei oft auf die besten Ideen

Das bürgerliche Zeitalter mit seiner Affektkontrolle ist im 16. Jahrhundert noch fern, und der Kunst kommt die Aufgabe zu, vor dem Chaos der Zügellosigkeit zu warnen. Wobei sie dabei oft die besten Ideen hat - weswegen spätmittelalterliche Höllendarstellungen attraktiver wirken als die meisten Himmelsbilder; im Reich der Finsternis ist einfach mehr los.

Und auch bei Baldung Grien ist immer etwas los. Er ist der Actionkünstler der deutschen Renaissance, wo sein Freund und Lehrer Albrecht Dürer auf der Bildtafel wohltemperiert nach Harmonie strebt, reizt den "Grünhanßen", den grünen Hans (das war seine Lieblingsfarbe), das Extreme, der Sog der Leidenschaften. Wie konsequent und unkonventionell er diese Linie verfolgt, ist nun in einer umfangreichen und gut sortierten Ausstellung in Karlsruhe zu sehen.

Sie beginnt mit einem um 1502 entstandenen Selbstbildnis auf Papier, ein eitler Knabe mit Zottelhut schaut einen geradeheraus an. Schon hier prahlt der wohl in Schwäbisch Gmünd geborene Teenager mit seiner Kunstfertigkeit. Wie er dem blaugrün grundierten Papier mit weißem Pinsel falsche Fellbüschel entlockt, wie Nase und Hals zart schimmern: Der Zeichner versteht sich auf Lebensnähe.

Abschied von der Harmonie: Hans Baldung Grien radikalisiert Albrecht Dürers Motive

Sein Ehrgeiz und Selbstbewusstsein bringen ihn in Dürers Nürnberger Werkstatt, und er muss den Meister verehrt haben, denn er lässt sich nach dessen Tod eine goldblonde Locke senden (auch sie, wenn sie denn noch die echte ist, wird in der Schau ausgestellt). Doch der grüne Hans kopiert Dürers Stil nicht, er bedient sich bloß seiner visuellen Ideen und radikalisiert sie. Eva treibt es nun alleine zum Apfel, Adam ist nicht dabei. Ein Stallknecht kann ein Pferd kaum zähmen, Blut pocht in den Adern des Hengstes, er möchte losgaloppieren. Und zu sterben für eine gute Sache, das ist für Baldung Griens Heiligen Sebastian wirklich eine Qual.

Baldungs Drastik findet sich in profanen und sakralen Sujets gleichermaßen. Für die Freiburger Kartause bemalt er Glas, und sein "Ecce Homo" erhält Krampfadern. Porträts sind nicht schmeichelhafter: Es gibt einen Kleriker mit zu eng stehenden Augen, einen Altgläubigen mit riesiger Nase und grummelnder Miene.

Besonders gemein wird es in allegorischen Bildern. Der Tod ist kaum mehr als ein klappriges Skelett, aber eine Frau an den Haaren reißen und ins Gesicht beißen, das kann er. Ein anderes Mädchen lässt sich des Geldes wegen auf einen hässlichen Alten ein, und der Maler verschweigt nicht, wie sie das ekelt. Auch in der Haut des Riesen Antäus möchte man nicht stecken, Herkules hebt ihn ruckartig hoch, zerquetscht ihm mit der einen Hand den Oberleib, mit der anderen das Geschlecht.

Von der Illusion, in der Kunst gehe es um das Schöne und Gute, hält dieser Maler wenig. Im engen Austausch mit Humanisten aus der Oberrhein-Region sucht er eher das Wahre oder das, was er dafür hält. Wie sehr er dabei Naturbeobachter war, zeigt ein Skizzenbuch, das sich mit originalem Silberstift erhalten hat und nun in einer Vitrine liegt. Die Ausstellungsmacher projizieren die Zeichnungen von Tieren, Pflanzen, Menschen dazu unaufdringlich auf eine Wand. Überhaupt ist der Einsatz moderner Medien in der Schau gelungen. Während der Louvre gerade die Besucher der Leonardo-Ausstellung in eine wenig informierte Virtual Reality-Installation zur Mona Lisa zwängt, lässt sich in der Kunsthalle Karlsruhe auf einem dezent angebrachten Bildschirm wie beiläufig der große Freiburger Hochaltar erkunden, ohne den das Œuvre des Künstlers kaum zu verstehen ist. Ausgeliehen wurde dieses Hauptwerk freilich nicht.

Dafür haben die Kuratoren rund 170 andere Leihgaben zusammengetragen, neben dem beachtlichen eigenen Bestand. 60 Jahre ist die letzte groß angelegte Baldung-Ausstellung her, seither hat die Welt sich verändert und die Bildsprache der Gegenwart auch. Vielleicht kommen Hans Baldung Griens unsentimentale Bilderfindungen, sein Hang zur symbolischen Überspitzung heutigen Sehgewohnheiten besonders nahe. Die Wirkung seines Werks hat viel damit zu tun, dass er sich des Betrachters immer bewusst ist, ihn gerne direkt anspricht, schockiert, verführt. Das macht seine Kunst so unheimlich wie reizvoll.

Hans Baldung Grien. Heilig / Unheilig. Bis 8. März, Kunsthalle Karlsruhe, Katalog: 39,90 Euro.

© SZ vom 06.12.2019

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