Kunst Das Produkt Angst

Der britische Künstler Ed Atkins schafft mit dem Computer düstere Allegorien auf die Gegenwart. Nun widmet ihm das Frankfurter Museum für Moderne Kunst eine große Ausstellung.

Von Jörg Heiser

Der britische, in Berlin lebende Künstler Ed Atkins gilt als wichtiger Vertreter der Post-Internet-Art. Diese kreist nie nur ums Internet, sondern auch um alle möglichen anderen Aspekte der Digitalisierung. Sie bedient sich dabei durchaus klassischer, von Pop-Art bis Surrealismus herrührender Methoden. Doch schon seit einiger Zeit wirkt der Begriff wie ein Handicap, das die Rezeption unnötig auf den Aspekt der Online-Bilderwelten verengt.

Denn mit mindestens ebenso großer Berechtigung könnte man von einer Kunst des "Post-Corporate" sprechen, die sich anschmiegt an die Allgegenwart von Marken und Marktstrukturen, an die Verwandlung - mithilfe digitaler Mittel - aller nur denkbaren Lebenssphären in etwas zu Konsumierendes und Vermarktendes. Inklusive der Gefühle. Und welches Gefühl ist das bei Atkins? Es ist die Angst.

Den zentralen ersten Ausstellungsraum des Frankfurter Museums für Moderne Kunst hat Architekt Hans Hollein als Atrium konzipiert, das sich über mehrere Stockwerke erstreckt. Kein leichtes Terrain. Atkins, der 1982 in Oxford geboren wurde, hat ihn bei seiner ersten großen Einzelausstellung in Deutschland leer gelassen - bis auf ein Poster an der Wand. Es zeigt einen in Schwarz getauchten Hundekopf, darunter die Worte "NO FEAR".

Keine Angst vor was? Dazu kommt ein kurzes Zitat: "Gefahren auszuweichen ist auf Dauer nicht sicherer, als sich ihnen voll auszusetzen. Das Leben ist entweder ein kühnes Abenteuer oder gar nichts. Helen Keller". Helen Keller, wer war das noch mal? Der Besucher googelt und - ah ja, es ist die taubblinde amerikanische Schriftstellerin. Lebte von 1880 bis 1968, befreundet mit Mark Twain und Charlie Chaplin. Eine Sozialistin und Kämpferin für die Rechte von Frauen und Behinderten. Aber was hat es mit dem Hund auf sich, der wie ein gezähmter Wolf dreinschaut: treu oder bedrohlich?

Atkins' Alter Ego ist ein Avatar, den man fürs nächste Konsolenspiel fertig kaufen kann

Die Antwort gibt die Videoinstallation "Hisser" ("Zischer", 2015/17). Die Projektion lenkt den Blick auf ein Schlafzimmer wie aus dem Ikea-Katalog. Im Schein der Reispapierlampe hängt das gleiche Poster über dem Bett: Das Bild aus dem Atrium des Museums ist ein Fundstück aus den Weiten der Populärkultur, das man für 7,99 Euro bei Allposter.de bestellen kann. Alles löst sich in unbegrenzter Verfügbarkeit und Entwertung auf. Von der mutigen Schriftstellerin und dem cleveren Künstler bleibt nur ein Hundeposter. Und die Angst. Der Grusel vor der Leere.

Das Schlafzimmer ist übrigens vom Computer generiert - wie stets in Atkins' Videoarbeiten der letzten Jahre. Ebenso der Avatar, der gleich darin auftauchen soll. Das Szenario wird jedoch nicht wie bei Videospielen angefüllt mit Stimulanzien des Rätsels und der Belohnung, sondern entleert: Stimmungen wie aus Beckett-Dramen oder Sartre-Romanen. Absurdität und Ekel, Ennui und Angst, überzogen mit einer dünnen Haut bitteren Humors. Allerdings aufgeführt nicht auf hölzernen Bühnen oder erzählt in bleigesetzten Lettern, sondern unter den technischen Bedingungen von Motion-Capture-Technologie, mittels derer man vom Rechner zusammengeschusterten Figuren menschliche Mimik aufs Gesicht zaubert. Solche Räume und Avatare gibt es fertig zu kaufen fürs nächste zweitklassige Konsolenspiel. Auch hier also: Verfügbarkeit und Entwertung.

Atkins macht die Avatare von der Stange zu seinem Alter Ego. Die Figur, die multipliziert Computerspielwelten bevölkern soll, wird zum Protagonisten digitaler Einsamkeit. Ein schnittiger Typ mit trainiertem Body übrigens. Der Datenkamerad hat die Stimme und die Mimik von Atkins, aber nicht, um profunde Weisheiten kundzutun, sondern um zu träumen, sich zu entschuldigen, zu singen, unverständlich zu murmeln. Kurz sieht man ihn beim Masturbieren. Rauch steigt auf; ein Close-up verrät, dass der Rauch aus der Pfeife auf einem Genrebildchen stammt. Es zeigt einen Familienvater am Küchentisch sitzend und ebenjene Pfeife schmauchend, während Mutter am Herd steht.

Spätestens mit dieser obskuren Szene wird deutlich, dass Atkins nicht nur ein Selbstporträt unter den Bedingungen digitaler Entfremdung zeichnet, sondern zugleich so etwas wie Männerstudien betreibt. Dieser Beau vom digitalen Fließband ist schließlich ein Vertreter jener vermeintlich so vernachlässigten Spezies "weißer Heteromann", die sich auf verloren gegangene Privilegien der Unterdrückung einen runterholt. Wie verspottet vom "NO FEAR"-Poster an der Wand, gipfelt dieses Nachtrauern in einem Untergangsszenario, in dem das Schlafzimmer samt Bewohner von einem plötzlich sich auftuenden Erdloch verschluckt wird.

In einer zweiten, ganz neuen Videoinstallation, "Safe Conduct", treffen wir eine weitere Inkarnation des Atkin'schen Alter Ego. Wie ein Großkadaver hängen drei Riesenbildschirme unter einem Portalkran. Darauf zu sehen ist der einsame Gesell in der Flughafen-Interzone. Bevor er seine Sachen aufs Kontrollband legt, zieht er noch die Ohren, die Nase und die Gesichtshaut ab. Es spritzt aber kein Blut, er ist ja nur ein Cyborg mit ungesundem Teint, der den Bolero von Maurice Ravel mitsummt, der den Soundtrack dominiert.

Wieder sieht der Besucher auf seinem Handy nach - ist der Bolero etwa die Erkennungsmelodie von British Airways, deren Jet kurz auf dem anderen Bildschirm auftaucht? - und erfährt, dass Ravel in den letzten Lebensjahren an Alzheimer litt und vermutet wird, dass er deshalb das gleiche Motiv immerzu wiederholte. Und dass der Bolero seit Mai 2016 rechtefrei ist.

Am Flughafen legt er außer Laptop und Pistole auch Leber und Herz zum Röntgen in die Schüssel

Amnesie, Verlust der Autorenrechte - die Motive passen zur beklemmenden Unbeschwertheit, mit der der Avatar nicht nur Laptop und Pistole, sondern auch Herz und Leber in die Plastikschüsseln zum Durchleuchten legt. Dann rattern Teppichmesser in die Wanne, ein gebratenes Hähnchen, ein paar Liter Blut. Die Angst hat sich verselbständigt, schaukelt sich zwischen Terrorgefahr und Sicherheitsbedürfnissen auf, ist längst irre an sich geworden.

Es lässt sich nichts schönreden an dieser psychotischen Welt, in der unser Protagonist als einziger Passagier im Flugzeug Platz nimmt und dort in Posen verharrt, die man von den Schilderungen der Opfer von Folterhaft kennt. Gleichwohl müssen wir diese Andeutungen durch die leeren Augen des Avatars lesen: Sie sind nur Posen aus dritter Hand, von der Wirklichkeit verpflanzt in das von Angstlust und kognitiver Erregung geprägte Spielkonsolen-Universum. Wo sie ein mit allen digitalen Wassern gewaschener Künstler gefunden, und in die Stahlwanne der Semiotik geräumt hat.

Der passende Hashtag zu dieser Allegorie über die Albträume von Vielfliegern würde lauten: #firstworldproblems. Womit nicht Atkins als blasierter Artschool-Abgänger mit Luxusproblemen gebrandmarkt sei - das hieße, den Überbringer der Botschaft für die Botschaft schelten -, sondern wir Betrachter daran erinnert sind, dass wir vielleicht schon Banalitäten zur Furchtlosigkeit auf Facebook geteilt haben, bevor wir uns für unsere Anschlagsängste bedauerten. Um dann in der Flughafenlounge an einem Smoothie zu nippen.

Ed Atkins. Corpsing. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt. Bis 14. Mai.