Kunst:Bloß keine Visionen

Alexandra Bircken - Ausstellungsansicht 
"Alexandra Bircken: A-Z" im
Museum Brandhorst, 2021

Alexandra Bircken, A-Z. Hinten rechts an der Wand: "Black Skin".

(Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Die Objektkünstlerin Alexandra Bircken seziert den Alltag. Doch nicht alle ihre Werke aus Vor-Pandemie-Zeiten sind gut gealtert. Eine Ausstellung in München lässt eine entscheidende Frage offen.

Von Kia Vahland

Es atmet. Noch. Doch die Züge werden immer schwächer, das zeltartige Gebilde sackt langsam, aber sicher in sich zusammen, bevor es sich dann doch wieder raumhoch aufbläht. Alexandra Bircken hat diese überdimensionale Installation namens "Lunge" vor der Pandemie geschaffen. Doch ist sie damit so nah dran an der Erstickungsgefahr durch Covid-19 und der Angst davor, dass der Anblick fast schon körperlich schmerzt.

Man geht mit anderen Augen, einem anderen Körpergefühl durch eine solche Ausstellung einer Gegenwartskünstlerin, als das noch vor zwei Jahren der Fall gewesen wäre. Was in diesem Fall interessant ist, weil sich Alexandra Birckens jetzt im Münchner Museum Brandhorst präsentierte Kunst der Körpererfahrung verschrieben hat. Meistens sind es Stoffe, Stricke, Fäden oder Latexstreifen, die organisch anmuten. Aufgeschnittene und aufgespannte Nylonstrümpfe hängen an der Wand wie bei Jägern die Felle, und sie lösen auch genau diese unangenehme Assoziation einer möglichen Häutung aus.

Bircken präsentiert ihre eigene Plazenta plus Nabelschnur als wissenschaftliches Exponat

Bircken interessiert sich für Haut als das, was den Körper zusammenhält, ihn schützt, aber auch angreifbar macht. Wobei ihr Zugang nicht tiefenpsychologisch ist wie bei der französisch-amerikanischen Seelenkünstlerin Louise Bourgeois und auch nicht sinnlich überbordend wie bei dem Brasilianer Ernesto Neto. Ein Nylonstrumpf ist bei Bircken erst einmal ein Strumpf und keine Einladung, einen Menschen an- oder erfassen zu wollen. Die Künstlerin hat früher Mode entworfen, ihr Blick richtet sich immer noch zuvorderst auf das Material und seine Eigenschaften.

Kunst: Alexandra Birckens Abbild einer Vagina: "Trophy", 2016.

Alexandra Birckens Abbild einer Vagina: "Trophy", 2016.

(Foto: Foto: Roman März, Berlin./© Alexandra Bircken, Courtesy BQ, Berlin und Herald St, London.)

Manchmal geht Bircken dabei auch ganz unsymbolisch in die Vollen und bestückt ihre Skulpturen mit - zumeist blondem - Menschenhaar, das sie mit Skiern oder anderen Alltagsgegenständen kombiniert. Oder sie stellt ihre eigene Plazenta plus Nabelschnur aus, mit dem Titel "L'Origin du monde", Ursprung der Welt, benannt nach Gustave Courbets Skandalbild einer weiblichen Scham von 1866. Dem setzt sie mit dem Körperprodukt eine weibliche Eigenkreation entgegen, so wie schon seit der Frühen Neuzeit die mütterliche Schaffenskraft des Gebärens verglichen und abgewogen wurde gegen die Schöpfung künstlicher Figuren im Atelier.

Von weiblicher Selbstermächtigung ist wenig zu spüren, es regieren noch alte Geschlechterklischees

Als hoffnungsfrohe weibliche Selbstbehauptung aber kommt Birckens Kunst nicht daher. Die Körper in dieser Bildwelt sind zugerichtet. Die Plazenta etwa ist ein medizinisches Präparat, wie man sie auch in alten Universitätssammlungen findet, verdinglicht für die Wissenschaft und die Nachwelt. Wie sich eine Geburt anfühlt, erzählt der eingelegte Klumpen nicht. Nicht einmal die in Neusilber gegossenen Abformungen der Künstlerinnen-Vagina haben etwas Beschwingtes, die eine erinnert gar an einen Keuschheitsgürtel. Allerdings ist es um die männlich gedachten Potenzsymbole in der Schau auch nicht besser gestellt. Schaltknüppel von Autos hängen wie erschlaffte Trophäen an der Wand, Gewehre wurden zerteilt und unbrauchbar gemacht. Und die vielen Motorradanzüge in der Ausstellung enden ausgestopft in der Ecke oder an die Wand genagelt wie nach einem bösen Auffahrunfall.

Kunst: Alexandra Bircken: "RSV 4", 2020.

Alexandra Bircken: "RSV 4", 2020.

(Foto: Foto: Roman März, Berlin. /Courtesy die Künstlerin, BQ, Berlin und Herald St, London.)

Der Schau ist anzumerken, dass viele Arbeiten älter sind, geschaffen für den Geschmack in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts. Die konträren Geschlechterklischees befremden aus heutiger Sicht, fluide Identitäten sind hier noch nicht en vogue. Beständig mit Krach und Gestank motorisiert zu sein gilt in dieser Kunst noch als hohes Ideal, das dekonstruiert werden muss - und nicht als schon überkommene Vorstellung, auf die nun etwas Neues, Anderes folgen kann. Und eine Collage aufgeschnittener schwarzer Nylonstrümpfe "Black Skin" zu nennen, täte man im Jahr 2021 vielleicht auch nicht mehr so leichtfertig wie noch 2012 - liegt dazwischen doch eine Debatte darüber, wie weiße Künstlerinnen und Künstler mit dem Leid von Schwarzen umgehen, ob sie mitfühlen oder eher ein gutes Geschäft im Blick haben.

Aber so ist das, nicht jedes einzelne Werk jeder Künstlerin und jedes Künstlers altert im rasanten gesellschaftlichen Wandel gut. Es gibt auch Stücke in dieser Schau, bei denen es einem auch heute noch kalt den Rücken runterläuft. So hat Bircken in einem Kabinett die edlen Holzgitter über der Bodenlüftung des Museums durch Hühnchenknochen ersetzt: Der Tod ist da, und er wird nicht ästhetischer durch die Industriezucht, in der die Tiere massenweise verdinglicht und getötet wurden. In solchen Momenten zieht die Realität ins Museum, drastisch und nicht besonders subtil, aber eben auch über jede Verdrängung erhaben.

Und wohin führt das? Darauf gibt Alexandra Bircken keine Antworten. Sie ist keine Visionärin, labt sich nicht an wilden Utopien, sondern seziert minutiös, was sie an Alltagsphänomenen vorfindet. Das ist bisweilen berührend und aufschlussreich. Aber im Jahr 2021 ist es auch nicht mehr genug, um die Gegenwart zu verstehen und vielleicht endlich auch zu gestalten.

Alexandra Bircken: A-Z, bis 16. Januar im Museum Brandhorst in München, www.museum-brandhorst.de. Katalog (Hatje Cantz): 48 Euro.

© SZ/göt
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