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Kunstausstellungen:Sinnliche Formensprache

Unvollendet: Der Torso der Adèle, 1882, von Auguste Rodin. Bei vielen Plastiken steht der weibliche Körper im Fokus.

(Foto: Christian Baraja/Musée Rodin, Paris)

Von Rodin über Arp bis Tinguely: In Basel werden gleichzeitig drei Kunstausstellungen gezeigt, die den Blick für ein neues Sehen öffnen.

Von Katharina Wetzel

Die Gemeinsamkeiten sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Zu viele Dimensionen prallen hier aufeinander. Ineinander verschlungene Figuren, runde, glatte Formen und offene Körper: In der Fondation Beyeler finden die beiden bedeutenden Bildhauer Auguste Rodin (1840-1917) und Hans Arp (1886-1966) im Dialog zueinander. Das Œuvre des großen Erneuerers der Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts, der mit seiner Ästhetik des Fragments bis heute Künstlergenerationen beeinflusst, trifft auf das Werk einer absoluten Schlüsselfigur der abstrakten Skulptur des 20. Jahrhunderts.

Auch wenn nicht gesichert ist, dass sich die beiden Künstler zu Lebzeiten jemals begegnet sind, finden sich in der einfühlsamen Gegenüberstellung der rund 110 Werke viele inhaltliche Bezüge. Beide interessierten sich für die Seele als Schatten, nahmen ihre Inspiration aus der Mythologie, setzten sich mit Themen wie Schöpfung, Wachstum, Verwandlung und Verfall auseinander und sahen in der vermeintlichen Unvollkommenheit ein Ideal.

Aus Arps frühen Arbeiten spricht eine gewisse Bewunderung für den international angesehenen Rodin, der die Figuren vom Sockel stürzt. Die ähnliche Formensprache von Rodins "Kauernder" und Arps "Automatischer Skulptur", die er Rodin ausdrücklich widmete, zeigt sich besonders aus der Rückansicht, wie Raphaël Bouvier, Kurator der Fondation Beyeler, bei einem Rundgang erklärt. Dabei gibt es bei Arp eigentlich kein Vorne oder Hinten. "Arps Figuren funktionieren aus jeder Perspektive. Es ist unmöglich, von einer Vorder- oder Rückseite zu sprechen", sagt Bouvier.

Auch Rodins Skulpturen wie "Der Kuss" eröffnen beim Betrachter bereits das Verlangen zur Rundumansicht. Was Rodin sentimental zuspitzt, wirkt bei Arp mitunter wie eine Parodie, etwa, wenn er einfache Materialien wie Holz verwendet und Skulpturen neu interpretiert und noch stärker reduziert. Ist die Figur am Zerfließen oder gerade am Entstehen? Ist die Wölbung eine Brust oder eine Knospe? Immer wieder nehmen Rodin und Arp die Natur als Vorbild und den weiblichen Körper als Ausgangspunkt. Beide lieben markante Posen und runde, sinnliche Formen. In der gemeinsamen Schau ist so eine besondere erotische Anmutung zu spüren.

"In der Arbeitsweise sind sich beide Künstler sehr ähnlich. Rodin hat eigentlich nur Ton in die Hand genommen. Arp arbeitete praktisch nur in Gips. Die Übertragung in andere Materialien überließen sie ausgesuchten Spezialisten", sagt Bouvier. Bis zu zwölf Bronzeabgüsse gelten bei Rodins Werken prinzipiell als Original, bei Arp sind es grundsätzlich bis zu fünf. Die Anzahl der Nachgüsse ist genau geregelt.

Hans Arp lebte jahrelang vom Gehalt seiner Ehefrau Sophie Taeuber-Arp. Rodin ist erst mit 40 als Bildhauer anerkannt. Drei Mal scheiterte er an der Aufnahmeprüfung zur École des Beaux-Arts in Paris: "Das war sicherlich eine Frustration für ihn, aber vermutlich auch eine Motivation, etwas ganz Neues zu machen", sagt Bouvier. Beide wohnten zeitweise ganz in der Nähe von Paris, Rodin in Meudon, Arp in Clamart. Rodin erwarb die Fassade eines baufälligen Schlosses, des Château d'Issy, und ließ es in seinem Park in Meudon wiederaufbauen. "Er konnte sich solche Extravaganzen erlauben. Durch seine finanzielle Unabhängigkeit genoss er viele Freiheiten", berichtet Bouvier.

Gipsfragmente weiblicher Figuren setzt Rodin neu zusammen. Mit diesen Assemblagen, neuen Kompositionen, ist er seiner Zeit voraus. Zufällige Konstellationen finden später bei Surrealisten wie Arp ihre Fortsetzung. Rodin lässt die Bruchstellen der unvollendeten Körper zerklüftet, rau und offen, bei Arp sind die Schnittkanten perfekt und glatt poliert.

Was ist oben, was ist unten? Ein und dieselbe tanzende Figur steht bei Rodin entweder auf einem Bein oder zwei Händen, auch Arps Plastiken haben keine festgelegte Position und öffnen so immer wieder den Blick für ein neues, fantasiereiches Sehen.

Tanz, Balance und Abstraktion sind auch in den Werken von Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) bedeutend. Es will der Zufall, dass derzeit im Kunstmuseum Basel eine Retrospektive zu der großen Künstlerin der klassischen Moderne zu sehen ist. "Die ganz große internationale Bühne hat Sophie Taeuber-Arp nicht erlebt. Sie war auf dem alten 50-Franken-Schein, ihr Werk ist aber eher unbekannt", sagt Claudia Blank, Assistenzkuratorin am Kunstmuseum Basel. Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Museum of Modern Art und der Londoner Tate Modern entstanden ist, zeigt nun mit 250 Exponaten das vielseitige Schaffen der Schweizer Künstlerin.

Taeuber-Arp unterrichtete als Lehrerin an der Züricher Gewerbeschule Entwerfen und Stickerei, mit ihrem Partner Hans Arp führte sie ein bewegtes Leben in Zürcher Dadaisten-Kreisen. Sie gestaltete kunsthandwerkliche Arbeiten wie Ketten, Beutel und Armbänder aus Glasperlen, entwarf als Architektin Möbel und Räume, die sich am Bauhaus-Stil orientieren, und brachte als frei schaffende Künstlerin Linien, Kreise und abstrakte Formen auf die Leinwand. Ob Marionetten, farbige Kreise oder stürzende Diagonale: "Alles ist in Bewegung oder in der Schwebe", erklärt Blank. Dabei triumphiert in ihren bewegten Gleichgewichten immer die Ordnung über das Chaos. Skizzen zeigen, wie sorgfältig und präzise Taeuber-Arp ihre Ideen zunächst in Entwürfen plante und vorbereitete, wie sie Natur und Tiere abstrahiert und zu immer abstrakteren Kompositionen findet.

Sie stellt in den Kreisen berühmter Künstler-Gruppen wie Cercle et Carré und Abstraction Création aus. Von einer ihrer wichtigsten Ausstellungen zu Lebzeiten, der Schau 'Konstruktivisten' (1937) in der Kunsthalle Basel, sind zwar Fotografien überliefert, jedoch nur auf einem einzigen Bild ist, halb verdeckt, eines ihrer Gemälde zu erkennen. Ihr Werk sei die große Überraschung gewesen, sagte ihr ein Kollege damals nach der Schau. Anfang der 40er-Jahre zeugen ihre Arbeiten, eine Kreuzung von Linien, von einer Ruhelosigkeit, es ist das Werk einer Künstlerin auf der Flucht.

Das bewegte Leben von Kunstschaffenden steht auch im Museum Tinguely im Fokus. Genauer gesagt dreht es sich um eine Sackgasse im Pariser Montparnasse-Quartier, der Impasse Ronsin. Die teils romantisch verklärte und berüchtigte Künstlersiedlung, die dort seit den 1870ern bestand, und 1908 Schauplatz eines Doppelmordes wurde, musste 1971 vollends dem Hôpital Necker weichen. Das Museum Tinguely zeichnet nun in seinen Räumen den Aufbau der Künstlersiedlung nach und zeigt mehr als 200 Werke von 50 Künstlern, die in dem Pariser Soziotop einst wohnten.

Das Leben in den Ateliers war sehr einfach. "Junge Künstler konnten dort für wenig Geld arbeiten und leben", sagt Andres Pardey, Vize-Direktor des Museums Tinguely. Die unterschiedlichsten Künstleridentitäten fanden sich hier ein. "Es gab avantgardistische Künstler und welche ohne festen Stil und klare Haltung", sagt der Kunsthistoriker Pardey.

Der bekannteste und erfolgreichste, Constantin Brâncuși, besaß fünf Ateliers, die heute beim Centre Pompidou rekonstruiert sind. Auch Jean Tinguely lebte von 1955 bis 1963 in der Impasse Ronsin und lernte dort seine zweite Frau Niki de Saint Phalle kennen. "Er verarbeitet Schrott, Abfallprodukte und alte Gegenstände und haucht diesen "objets trouvés" neues Leben ein." Seine Lärm machende Maschine, ein Symbol der Vergänglichkeit und modernen Konsumgesellschaft, ist in der Ausstellung überall zu hören. Niki de Saint Phalle lud zu Schießaktionen ein. Bei ihren Schießbildern verwendete sie zum Beispiel Gipsplastiken, die sie mit Farbbeuteln bestückte und per Schuss zum Platzen brachte, bis die Farbe herauslief.

Ausstellungen

Die Ausstellung Rodin / Arp läuft bis zum 16. Mai 2021 in der Fondation Beyeler. Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr; das Ticket kostet 25 Franken. Für Besucher bis 25 Jahren ist der Eintritt kostenlos. Das Kunstmuseum Basel zeigt bis zum 20. Juni 2021 die Ausstellung Sophie Taeuber-Arp. Gelebte Abstraktion. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Ticketpreis 26 Franken, ermäßigt 18/13/8 Franken. Für Kinder unter 13 Jahren ist der Eintritt kostenlos. Am 12. Mai reicht ein Ticket, um beide Ausstellungen zu sehen. Im Museum Tinguely ist bis zum 29. August 2021 die Ausstellung Impasse Ronsin zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Ticketpreis 18 Franken, ermäßigt 12/9/6 Franken. Für Kinder unter 17 Jahren ist der Eintritt kostenlos.

Die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujín verbrannte 1963 in der Impasse Ronsin ihre Arbeiten in einem Performance-Happening, ehe sie in ihre Heimat zurückkehrte. "Sie hatte kein Geld, die Arbeiten nach Hause zu bringen. Nur wenige Werke sind noch erhalten, zwei davon zeigen wir", sagt Pardey. Und Jean Lubet? Der Pariser Steuerbeamte hat in der Impasse Ronsin seine Aktdarstellungen gemalt. "Er ist völlig unbekannt - zu Recht wahrscheinlich", so Pardey, der zu jedem Künstler eine Geschichte erzählen kann.

© SZ/mai
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