Süddeutsche Zeitung

Ausstellung Ugo Rondinone in Frankfurt:Leben als magisches Experiment

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In der Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt der Schweizer Ugo Rondinone, wie bunt man den Begriff Vanitas ausmalen kann

Von Till Briegleb

Wenn Kunst starke Anklänge an den kindlichen Ausdruck besitzt, ist der Kitschverdacht stets nahe. Nackte Körper mit Wolkenhimmel bemalt, die unter einer Kirchendecke schweben, Clowns, die faul im Museum rumlungern, oder lustige silberne Monsterköpfe auf Sockeln könnten isoliert betrachtet wirken wie das naive Zurückträumen in eine glückliche Jugend oder die Idealisierung kindlicher Phantasie. Die Monumentalkunst von Ugo Rondinone, die jetzt erstmals in Deutschland in einer großen Retrospektive der Frankfurter Schirn gezeigt wird, bedient sich seit 30 Jahren zwar deutlich und freudig solcher Wahrnehmungsmuster, die sich explizit von erwachsener Vernünftigkeit absetzen. Aber der Schweizer Künstler erzählt mit dieser Symbolik keine plakativen Märchen einer fröhlichen unbeschwerten Jugend.

Der Schweizer lebt und arbeitet in einer Kirche in Harlem

Was Rondinone, der in einer Kirche im New Yorker Stadtteil Harlem sein großes Atelier hat und in den letzten Jahren zu einem der Top-Künstler des internationalen Ausstellungsbetriebs wurde, mit seiner Inszenierung kindlicher Formensprache bezweckt, ist eher die Stimulierung von Durchlässigkeit. Wie Kinder, die noch ohne verfestige Deutungsmuster die Welt betrachten und ihr Erlebtes mit ihrem Innerlichen so verknüpfen, dass eigene visuelle Erklärungen entstehen, so inszeniert auch Rondinone seine Fragen an das Leben (und das Sterben) als magisches Experiment. Erwachsen und männlich an seinem Theater über das Dasein ist nur die Dimension.

Rondinones Bildhauerwerke sind riesig wie die acht Meter großen Steinmännchen mit dem Titel "Human Nature", die er 2013 in New York auf der Rockefeller Plaza platzierte, oder die fast drei Meter hohen amorphen Zementskulpturen in der Schirn, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln bizarre Fratzen erscheinen lassen. Sind die Werke nicht groß, sondern ausgesprochen klein wie die feinen Skizzen von Fenstern, Stillleben und Menschen oder die Gedichte, die Rondinone mit Bleistift auf die Museumswände schreibt (in Frankfurt etwa "Let's skip the twentyfirst century completely" oder "Shut up I am dreaming"), dann sind es Langzeitprojekte von enormem Umfang. Und wenn Rondinone sein Vertrauen in die unverstellte Führungskraft kindlicher Phantasie tatsächlich auch von Kindern ausführen lässt, dann sind es gleich Hunderte.

Die Innenwände der Rotunde des Schirnmuseums sind für seine Ausstellung "Life Time" eng behängt mit Bildern des Mondes auf schwarzem Papier, die Frankfurter Schulkinder für die Ausstellung angefertigt haben. Mal ist der Mond im erbitterten Streit mit der Erde, mal Wohnort skurriler Wesen und Landeplatz für Raumschiffgiganten, oder die Himmelsperle hat eine Fuchsmaske aufgesetzt. Diese Galerie zeigt vorbildhaft, was Rondinone mit seiner romantischen Sinnsuche professionell betreibt: Die verschlossenen Pforten der Unlogik zu öffnen, um Geister und Wesen herein zu lassen - und verwandelt auch wieder heraus. Denn die Kreisläufe des Lebens bergen noch immer Rätsel, die den Verstand verspotten. Die menschliche Sehnsucht nach Sicherheit führt da die Erkenntnis nur in die Irre, wenn sie Antworten von Eindeutigkeit verlangt.

Zwischenschnitte aus Spielfilmen werden wie Meisterwerke inszeniert

Deshalb schläft ein bunter Clown mit stolz präsentiertem Rundbauch und Blackfacing in einer Umgebung von sieben großformatigen Fakebildern des nächtlichen Sternenhimmels neben einer düsteren massiven Tür zum Unbekannten. Lückenhafte Körper von Tänzerinnen und Tänzern aus Wachs und Staub ruhen lose verteilt auf dem Boden vor einer massiver Wand aus dunkler Erde. Und in einem großen blauen Raum werden auf sechs Leinwänden Loops von Zwischenszenen aus Spielfilmen gezeigt, die wie Meisterwerke präsentiert sind: ein Mann mit Auto im Nebel oder beim Blick aus dem Fenster, eine Frau beim Einschlafen oder Öffnen einer Kellertür. Die Übergänge, wo der Sinn noch unklar ist, sind Rondinones Lieblingszonen.

Diese Übergangsbereiche haben oft subtil etwas zu tun mit dem Entstehen und Vergehen von Leben. Der Ausstellungstitel "Life Time", der in Rondinones typischer Regenbogenschrift - die bereits auf vielen Museen in aller Welt mit wechselndem Inhalt thronte - auf der Schirn zu sehen ist, bezieht sich relativ klar auf die begrenzte "Lebenszeit". Die Schneerieselmaschine "thank you silence", die zwischen acht gelben Sonnenscheiben im Op-Art-Design aufgestellt ist, beschreibt den schmalen Grad, wo das alles belebende Licht Materie zum Schmelzen und Vergehen bringt. Und der silberne Abguss eines 2000 Jahre alten Olivenbaums vor der Schirn eröffnet die Schau als Naturmumie, während die perfekt gestalteten Äpfeln und Birnen aus Bronze am Ende der Schau Lust aufs Verzehren machen - wobei man sich die Zähne ausbeißen würde.

Was Rondinones Nullverlangen nach Eindeutigkeit über die Jahre interessant erhielt, ist seine Virtuosität. Ungeniert bedient er sich der gesamten Kunstgeschichte von realistisch bis abstrakt, von Land Art bis Pop, und nutzt auch alle ästhetischen Medien, um eine höchst abwechslungsreiche Bildsprache zu erzeugen. Er scheut weder knallige Farben noch Erscheinungen nahe der Unsichtbarkeit, kann dem Event genauso viel abgewinnen wie dem Enigmatischen. Die klassische Trennung zwischen Kunstmarkt- und Biennale-Künstler existiert für ihn nicht, denn er verdient viel Geld und wird trotzdem als glaubwürdig akzeptiert. Und ja, auch der Kitsch hat seine festen Platz im Rahmen der vielen Möglichkeiten, die Ugo Rondinone ohne Scheu nutzt. Aber das zu sagen, ist wahrscheinlich schon wieder viel zu erwachsen gedacht.

Ugo Rondinone. Schirn Kunsthalle, Frankfurt. Bis 18. September.

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