Ausstellung über Jasper Johns:Monumental

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Ausstellung über Jasper Johns: Bilder wie "Three Flags" aus dem Jahr 1958 (Ausschnitt) machten Jasper Johns schlagartig berühmt.

Bilder wie "Three Flags" aus dem Jahr 1958 (Ausschnitt) machten Jasper Johns schlagartig berühmt.

(Foto: Jasper Johns / Licensed by VAGA at Artists Rights Society (ARS), NY / VG Bild Kunst, Bonn 2021)

In New York und Philadelphia eröffnet die erste Jasper-Johns-Retrospektive seit 25 Jahren. Die monumentale Werkschau rettet einen der wichtigsten Maler dieser Zeit aus einer Ecke, in die ihn die Kunstwelt vor Jahrzehnten gesteckt hat.

Von Sebastian Moll

Scott Rothkopf und Carlos Basualdo sind ein eher ungleiches Paar, schon äußerlich bildeten die zwei einen deutlichen Kontrast, als sie jüngst eine Gruppe von Reportern durch die Galerien des New Yorker Whitney Museum führten. Rothkopf, Chefkurator des Whitney, ist klein und spricht mit der Geschwindigkeit und Präzision des schlagfertigen New Yorkers. Der große, schlanke Argentinier Basualdo, Kurator für zeitgenössische Kunst am Philadelphia Museum of Art, neigt hingegen zum poetischen Schwelgen und pflegt, mitsamt Seidenschal und Filzhut, die Aura eines lateinamerikanischen Dandys.

Positiv gewendet würde man sagen, die beiden Männer ergänzen sich. Wenn Rothkopf etwa über die Jasper-Johns-Retrospektive spricht, die nun als Doppelausstellung am Whitney und an Basualdos Stammhaus in Philadelphia eröffnet hat, dann redet er gerne über kuratorische Entscheidungen, über die Hängung bestimmter Werke oder über technische Details, wie die konservatorisch heikle Befreiung einer von Johns' berühmten Flaggen aus ihrem spiegelnden Plexiglasrahmen. Basualdo hingegen spricht lieber über Schwermut in bestimmten Stücken von Johns, wie etwa dem Taucher von 1962, und von der Transzendenz, die seine vermeintlich kalten, abstrakten Arbeiten ausstrahlen.

Es fällt bisweilen schwer, sich vorzustellen, wie diese beiden Männer mehr als fünf Jahre lang eng an einem der ambitioniertesten kuratorischen Projekte zusammengearbeitet haben, das nordamerikanische Kultureinrichtungen im vergangenen Jahrzehnt auf sich genommen haben. Gleichzeitig wird jedoch nachvollziehbar, warum sie sich von Anfang an auf das Thema der Spiegelungen und Dopplungen als roten Faden für die erste Johns-Retrospektive seit 25 Jahren einigen konnten.

Ausstellung über Jasper Johns: Jasper Johns' "Map" (Ausschnitt) aus dem Jahr 1961.

Jasper Johns' "Map" (Ausschnitt) aus dem Jahr 1961.

(Foto: Jasper Johns / Licensed by VAGA at Artists Rights Society (ARS), NY / VG Bild Kunst, Bonn 2021)

Die Doppelausstellung ist eine einzige Übung in Komplementarität. Immer wieder betonen Basualdo und Rothkopf, dass die zweifache Retrospektive eine einzige Ausstellung sei, ein Werk kuratorischer Konzeptkunst gewissermaßen. Nur wer sich an der New Yorker Pennsylvania Station in den Zug setzt und auch die anderthalb Stunden lange Fahrt nach Philadelphia noch unternimmt, kommt in den vollen Genuss einer der gründlichsten Erforschungen des Werks eines lebenden Künstlers, die es je gegeben hat.

Nur die passioniertesten Johns-Liebhaber werden wohl die Beschwernis auf sich nehmen und sich beide Ausstellungen angucken

Gleichzeitig wissen Rothkopf und Basualdo natürlich genau, dass wohl nur die passioniertesten Johns-Liebhaber diese Beschwernis auf sich nehmen werden. Und so stehen beide Ausstellungen auch für sich - unvollständig, aber in sich stimmig. Wie die beiden Kuratoren sprechen sie je ihre eigene Sprache, bieten einen je anderen Zugang zu Johns, ergeben aber zusammen ein facettenreiches Bild eines der produktivsten und wohl wichtigsten amerikanischen Künstler der Gegenwart.

Die New Yorker Show beginnt mit einem eher unterbeleuchteten Aspekt des Werks von Johns: mit seinen Drucken. Ganz der eher systematischen Neigung von Rothkopf entsprechend bekommt der New Yorker Besucher chronologisch rund zwei Dutzend Lithografien von Johns von 1962 bis hin zu einem noch nie gezeigten Druck aus dem laufenden Jahr gezeigt. In Philadelphia hingegen werden die Drucke in der allerletzten der zehn Galerien gezeigt und zwar als Neuauflage einer Ausstellung, die John Cage 1995 unter dem Namen "Rolywholyover" mithilfe eines Computer-Algorithmus arrangiert hatte.

Ausstellung über Jasper Johns: Der italienische Fotograf Ugo Mulas nahm Jasper Johns 1964 vor einem seiner Werke auf.

Der italienische Fotograf Ugo Mulas nahm Jasper Johns 1964 vor einem seiner Werke auf.

(Foto: Ugo Mulas Heirs/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Die Prinzipien der Komplementarität und Negativität ziehen sich durch die gesamte Doppelausstellung, in der das monumentale Volumen von 500 Werken zu sehen ist. Die zehn Themen, auf die sich die beiden Kuratoren geeinigt hatten, und die von "Drucken" über "Flaggen und Karten" bis hin zu "Geografie" reichen, werden je individuell interpretiert. Die Hoffnung dabei ist, der schier unüberschaubaren Komplexität eines vielschichtigen Œuvres einigermaßen gerecht zu werden.

Als Johns nach New York kam, waren Jackson Pollock und Willem de Kooning die Stars der Szene

In der Standard-Geschichtsschreibung der Nachkriegskunst wird Jasper Johns als Revolutionär geführt, als Künstler-Heros, der die Moderne auf eine neue Bahn gelenkt hat. Als der Kunsthochschulabbrecher und Armeeveteran Johns Mitte der 50er-Jahre nach New York kam, war der abstrakte Expressionismus die Lingua Franca der Gegenwart. Jackson Pollock und Willem de Kooning waren die Stars der New Yorker Szene, nach der damals die Welt schielte.

Doch Johns hatte nur begrenztes Interesse an dem grandiosen Ausdruck innerer Welten, den der abstrakte Expressionismus pflegte. Johns interessierte sich mehr für Marcel Duchamp, Josef und Anni Albers sowie für die Arbeit seiner Freunde John Cage, des Choreografen Merce Cunningham und natürlich seines Liebhabers Robert Rauschenberg.

Die erste Ausstellung von Johns in New York 1958 löste einen Erdrutsch aus

Gemeinsam, so geht die Mythologie weiter, zettelten Rauschenberg und Johns in den nur sieben Jahren ihrer Verbindung eine Rebellion gegen den abstrakten Expressionismus mit einer Kunst an, für die es bis heute keinen richtigen Namen gibt. Erste unbeholfene Beschreibungen sprachen damals von Neo-Dada, später ordnete man ihn als Proto-Konzeptionalisten oder als Pop-Art-Vorläufer ein.

Fest steht, dass die erste Ausstellung von Johns in der Galerie von Leo Castelli in New York im Januar 1958 einen Erdrutsch auslöste. Sein "Target with Four Faces" wurde auf der Titelseite der Zeitschrift Art News abgebildet. Alfred Barr, der legendäre Direktor des Museum of Modern Art, kam persönlich in die Galerie und kaufte Zielscheiben und Flaggen für insgesamt mehr als 3000 Dollar.

Ausstellung über Jasper Johns: Jasper Johns' "Racing Thoughts" (Ausschnitt) von 1983.

Jasper Johns' "Racing Thoughts" (Ausschnitt) von 1983.

(Foto: Jasper Johns / Licensed by VAGA at Artists Rights Society (ARS), NY. Photograph by Jamie Stukenberg, Professional Graphics, Rockford, Illinois / VG Bild Kunst, Bonn 2021)

Rauschenberg, Johns und ihr Kreis boten damals eine ganz neue Art und Weise an, über Kunst nachzudenken, eine, die Zeichen und Zeichenhaftigkeit selbst reflektiert und dabei die Materialität des Werkes in den Vordergrund stellt. Die ikonischen Fahnen und Zielscheiben, die jedem in den Sinn kommen, der schon einmal etwas von Johns gehört hat, schienen auf etwas Profundes zu verweisen. Das Signifikat blieb jedoch kryptisch, das Verhältnis zwischen Zeichen und Ding endlos kompliziert. Der Expressionismus erschien vor diesem Hintergrund plötzlich pompös, der Weg zur unterkühlten Kulturkritik von Warhol und Basquiat, aber auch von Dan Flavin oder Donald Judd war geebnet.

Die Kuratoren räumen mit dem Urteil auf, der Künstler habe seit den 70er-Jahren seine Relevanz verloren

Die meisten Historiografien bleiben an diesem Punkt stehen. Nach Johns Werkschau am Museum of Modern Art 1996 schrieb der New York Times-Kritiker Michael Kimmelmann, Johns späteres Werk sei "obskurantistisch, frömmelnd und selbst-mythologisierend." Der New Yorker-Kritiker Peter Schjedahl beschrieb Johns nach einer Ausstellung im Jahr 2005 als "selbst imitierend und über-intellektualisiert". Mit den 70er-Jahren, in denen seine Ideen aufgegriffen und weitergesponnen wurden, so schien der Konsens zu sein, habe Johns seine Relevanz verloren.

Die gegenwärtige Retrospektive, an der Johns laut Rothkopf und Basualdo engagiert aber mitnichten intervenierend mitgewirkt hat, ist da deutlich gnädiger. Anstatt die letzten 40 Jahre seines Schaffens abzutun, versucht sich das Kuratoren-Gespann mit Neugier, Johns' Prozess anzunähern, ohne jedoch dabei zu beanspruchen, ihn letztgültig zu verstehen oder ihm einen Stempel aufdrücken zu können.

Der Verzicht auf das große Narrativ macht den Blick frei für die verschiedensten Strömungen und Themen im Werk von Johns, wie eben jene der Dopplung und der Spiegelung, die sich durch die gesamten 60 Jahre seines Schaffens ziehen. Ein Raum am Whitney erforscht diese anhand von den Doubletten "Racing Thoughts" aus den 80er-Jahren, an den komplementären Bildern "Mirror's Edge" aus den 90er-Jahren, aber auch den farblichen negativen Studien zu "Regrets" aus dem Jahr 2012.

In "Regrets" ist der britische Maler Lucien Freud zu sehen, wie er, auf seinem Bett sitzend, sein Gesicht voll Gram in seinen Händen vergräbt. Johns verfremdet dabei ein Foto von Freud mit Mustern und stellt es neben eine Verdoppelung in komplementären Farben.

Ausstellung über Jasper Johns: Jasper Johns' "Fall" aus dem Jahr 1986 (Ausschnitt).

Jasper Johns' "Fall" aus dem Jahr 1986 (Ausschnitt).

(Foto: Jasper Johns / Licensed by VAGA at Artists Rights Society (ARS), NY/ VG Bild Kunst, Bonn 2021)

Die Studien spielen jedoch auch noch auf ein anderes langjähriges Thema von Johns an - ein Pressefoto eines Vietnam-Soldaten, der ebenfalls in Schmerz und Trauer den Kopf in den Händen versenkt. Auch von Variationen dieses Fotos hat Johns Dutzende Drucke, Zeichnungen und Wasserfarben in komplementären Farben gefertigt.

Solche Stränge und Themen in Johns' Denken und Arbeiten aufzuspüren ist eine der großen Freuden dieser monumentalen Werkschau. Es öffnet den Blick auf das gesamte Werk eines der wichtigsten Künstler unserer Zeit und rettet ihn aus der engen Ecke, in welche die dominante Wahrnehmung der Kunstwelt ihn seit Jahrzehnten gesteckt hat.

Ausstellung über Jasper Johns: Jasper Johns' "Untitled" von 1998 (Ausschnitt).

Jasper Johns' "Untitled" von 1998 (Ausschnitt).

(Foto: Jasper Johns/Licensed by VAGA at Artists Rights Society (ARS), NY. Photograph by Jamie Stukenberg, Professional Graphics, Rockford, Illinois / VG Bild Kunst, Bonn 2021)

Es ist wohl auch dieser Facettenreichtum, den die Doppelausstellung zeigt, der sie bislang vor der Kritik daran schützt, sich so ausführlich mit einem kanonischen und zudem weißen und männlichen Künstler zu beschäftigen. Johns eignet sich in seiner Komplexität und seiner Widerständigkeit gegen Einordnungen schlicht nicht zum Feindbild.

So kann er sich zu seinem 91. Geburtstag nahezu universeller Zuneigung erfreuen. Ob ihn das kümmert, weiß man freilich nicht. Der Mann verschwindet auch heute noch gänzlich hinter seiner Arbeit. Zur Eröffnung am Whitney oder in Philadelphia ist er jedenfalls nicht angereist. Auf die Anfrage nach einem Kommentar zur Retrospektive durch seine Biografin Deborah Solomon sagte er nur lapidar: "Ich möchte nicht zitiert werden. Das war alles nicht meine Idee."

"Jasper Johns: Mind/Mirror" im Whitney Museum of American Art in New York und im Philadelphia Museum of Art, bis 13. Februar 2022.

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