Kunst:Anti ist das neue Normal

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Griechenland hat seine Krise halbwegs überwunden. Die Künstler und Kuratoren der sechsten und bisher reichhaltigsten Athen-Biennale wenden sich der Welt zu.

Von Christiane Schlötzer

Als die Krise noch fern war, im Jahr 2007, wählten die Macher der ersten Athener Biennale das Guerillamotto "Destroy Athens". Ein Jahr später brannte Athen, eine Polizeikugel hatte den 15-jährigen Schüler Alexis Grigoropoulos getötet. Da dauerte es nicht mehr lang bis zur großen griechischen Depression. Verschwörungstheoretiker stürzten sich damals auf die jungen Biennale-Kuratoren, als trügen diese Mitschuld an der Misere. Dabei misstrauten sie nur der Euphorie im nacholympischen Athen. "Wir haben gespürt, da kommt was", sagt der griechische Künstler Poka-Yio, der Kurator von 2007, der auch einer der drei Macher der sechsten "Athens Biennale" ist, kurz AB6.

Nun ist Griechenland nicht mehr das schwarze Schaf der EU. Athen ist seit August offiziell raus aus dem internationalen Hilfsprogramm. Es gibt zaghaftes Wachstum, aber die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 37,9 Prozent immer noch horrend hoch. Poka-Yio sieht es so: "Griechenland ist raus der Krise, die Griechen aber nicht."

Und als sei die Zeit des Aufruhrs nicht vorbei, trägt AB6 den Titel "Anti". Im Griechischen ist das ein Wort mit weit gefasster Bedeutung. Da steckt Widerstand und Gegensatz drin, aber auch das, was an die Stelle des Alten tritt: die Alternative. Nun ist dieser Begriff längst korrumpiert. Anti ist das neue Normal, nicht nur in Griechenland, wo einstige Gegner des Establishments die Regierung bilden und sich dabei selbst ganz gut etabliert haben.

Die Biennale-Macher haben aber gar nicht zuerst ihr eigenes Land im Blick. Ob von amerikanischen Alt-Right-Aktivisten, Ethno-Separatisten, Anti-Humanisten oder gewöhnlichen Rassisten - überall wird die Welt eingeteilt in Wir und Ihr, zählen Emotionen mehr als Fakten. Die Kuratoren flirten mit einem Begriff, der nur noch schwer zu fassen ist. Sie haben dafür ein Ambiente gewählt, dass selbst ganz ohne Ausstellungsstücke schon einen dramatischen Auftritt abgäbe.

Es gibt Blattwerk-Essenzen im Esperia-Hotel und ein Wellness- Panoptikum im Telefonpalast

Das Hotel Esperia Palace, einst Inbegriff des Luxus, lag acht Jahre im Krisenkoma. Die Biennale-Macher durften den Spinnwebenpalast putzen und die wunderschöne Sechzigerjahre-Bar instandsetzen. Dort serviert das anarchische irische Küchenkunstkollektiv The Domestic Godless ("the food, the bad & the ugly") hochprozentige grünschimmernde Essenzen aus irgendwelchem Blattwerk und dazu Schnecken.

22, Panos Sklavenitis Cargo

Nach der Katastrophe regiert der Kult: Der Grieche Panos Sklavenitis dekoriert seine Figuren mit nationalen Symbolen – und demaskiert sie damit.

(Foto: Katalog)

In Italo Calvinos Roman "Der Baron auf den Bäumen" steigt der junge Held aus Ekel vor einem Schneckengericht auf einen Baum und kommt 50 Jahre nicht mehr herunter. Beim Eröffnungslunch wirkten eher zartbesaitete Besucher, als seien sie auf der Suche nach einem Baum, hielten dann aber doch nur ihr Smartphone auf den halbnackten Satyr mit umgeschnalltem Riesenpenis. Der mythologische Mummenschanz war nur eine kurze Einlage, die Biennale wendet sich eher aktuellen Mythen zu, vor allem denen des Internetzeitalters, und dies recht schonungslos.

Dafür hat man auch eine passende Umgebung gefunden, gleich gegenüber vom Esperia. Dort steht das leere Riesengebäude der OTE, der einst mächtigen staatlichen Telefongesellschaft. Ältere Griechen erinnern sich, wie sie hier früher um einen Anschluss bettelten. Nun symbolisiert der verwaiste Telefonpalast das Ende staatlicher Zuteilungsmacht - und den Übergang von der analogen in die digitale Welt.

In den verlassenen Büros auf fünf Stockwerken, mit Waschbecken in der Schrankwand, glaubt man noch den Beamtenschweiß zu riechen. In der Lobby hat man die blaugelben Hinweistafeln hängen lassen: "Schalter für Telefonkartensammler". Viel Marmor wurde hier verbaut. Staatsbeamte hatten sich in Griechenland vor der Krise ja auch die höchsten Pensionen gegönnt und sie lange vehement verteidigt.

Nun öffnet sich an diesem Ort der Blick in eine apokalyptische Zukunft. 100 Künstler sind vertreten, viele zwischen 30 und 40 Jahre alt, auch aus China und Amerika, und ihre Sicht auf die Welt von heute und morgen ist beunruhigend. Korakrit Arunanondchai & Alex Gvojic, ein Duo aus New York, zeigen eine fantastische, aber tote Erde nach einer globalen Katastrophe. Die überraschende Botschaft ihres Endzeitvideos: Wenn uns etwas menschlich macht, dann ist es die Kunst.

Candice Lin, The Tested Hand, 2015. Athen Biennale

Candice Lin zeichnet im Stil wissenschaftlicher Lehrbücher.

(Foto: Athen Biennale)

Die Griechin Loukia Alavanou braucht für ihre Dystopie nicht einmal Virtual Reality. Sie führt durch verlassene griechische Fabrikhallen und die Ruinenlandschaft des ehemaligen Athener Flughafens Ellinikon, eine Maschine steht noch auf dem Rollfeld. Ein atemberaubendes Futurama in den Kulissen der Vergangenheit des Industriezeitalters. Um so gegenwärtiger ist der Selbstoptimierungskult, dem sich die deutsche Gruppe The Agency mit ihrer Installation "Medusa Bionic Rise" widmet, ein schauriges Panoptikum einer Wellness-Diktatur.

Nicht alles, was die drei Kuratoren - neben Poka-Yio die deutsche Stefanie Hessler und der Grieche Kostis Stafylakis - präsentieren, ist so ernst gemeint, wie es daherkommt, die Griechen schätzen Spott und eine wilde Party. So lässt Spyros Aggelopoulos, der in Athen und Los Angeles lebt, in seinem Schattentheater - eine alte orientalische Kunstform - Donald Trump, Slavoj Žižek und Marina Abramović auftreten. Auch hier geht es, wie kann es anders sein, um das Ende der Welt und die Frage: Was kommt danach?

Die zentrale Stadiou-Straße, an der sich die Biennale diesmal niedergelassen hat, war in den Krisenjahren die Hauptachse der großen Demonstrationen. Aus dem Esperia blickt man auch auf eine umzäunte Brandruine. Der neoklassizistische Bau beherbergte seit 1916 das berühmte Kino Attikon. 2012 flogen Molotowcocktails.

Ruinen-Schick, dazu viel günstiger Leerraum: Das hat Athen zuletzt für Künstler attraktiv gemacht, denen London zu teuer ist und die Berlin schon kennen. Die Documenta 14, die 2017 erstmals in Athen und Kassel stattfand, wirkte als zusätzlicher Lockstoff. Athen war für viele Documenta-Besucher eine Erstentdeckung.

Die Documenta hat in der Stadt einen unguten Nachgeschmack hinterlassen

Seitdem sind Graffiti-Walks und Bar-Hopping-Tours gut gebucht. Für die örtliche Szene blieb das Erbe zwiespältig, sie konnte sich nie so recht anfreunden mit der Idee von einem "Globalen Süden". Sie fühlte sich eher als Kulisse benutzt. "Die Documenta kam und ging", heißt es im Katalog der Biennale. Für deren Macher hatte das Motto "Von Athen lernen" eher etwas Gönnerhaftes, es fehlte an der Verzahnung mit der Stadt. Und vom Touristenboom, der Athen zum Eldorado für Airbnb gemacht hat, fühlen sich viele inzwischen überrollt. Man kennt das aus anderen europäischen Metropolen, doch in Athen hat es offenbar niemand erwartet, so tief war das Loch, in das die Stadt davor gefallen war.

Wong Ping, An Emo Nose , 2015, single channel video animation, 4'23''

Wong Ping erzählt von Tinder-Tragödien und anderen sozialen Katastrophen.

(Foto: Wong Ping / Edouard Malingue Gallery / Athen Biennale)

Bei den letzten Ausgaben hatte die Biennale denn auch eher die ganze Stadt als leidenden Körper präsentiert. Dieses Jahr, bei ihrer bislang reichhaltigsten Schau, verzichtet sie auf die Nabelschau und wendet sich der Welt zu. Dabei verlangen die Künstler dem Betrachter viel Geduld ab. In Zeiten immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen verpacken sie ihre Botschaften in auffällig lange Videos und Performances. Vor allem abends waren die Ausstellungsräume am Eröffnungswochenende schon gut besucht, und für die Party danach hat man auch noch etwas Passendes gefunden: das Gebäude einer staatlichen Pensionskasse, ebenfalls leerstehend.

Aus dem OTE-Haus soll ein Luxushotel werden, wenn die Biennale am 9. Dezember wieder auszieht. Deren Macher glauben übrigens, dass sie wieder in die Zukunft sehen können, wie vor elf Jahren. "Wir stehen vor einem neuen Mittelalter", dem Zeitalter des totalen Populismus, sagt der 48-jährige Poka-Yio. Aus der Angst davor, den eigenen Besitzstand zu verlieren, seien viele auch bereit, die Demokratie abzuschaffen. Kuratorin Hessler, 31, sieht dagegen noch Hoffnung, "dass eine Krise Dinge zum Besseren wenden kann". Der ewige Mythos also von der Wiedergeburt aus der Asche. In Griechenland hat das ja schon mal geklappt.

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