Kunst am Körper Gestochen scharfe Gedanken

Der Theologe Paul-Henri Campbell hat ein Buch über Tattoos und Religion geschrieben

Von Karl Forster

Also steht es geschrieben über Jahwe in der Offenbarung des Johannes 19:16: "Auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte trägt er den Namen geschrieben: König der Könige und Herr der Herren." Manchem Gläubigen ist dieser Satz heutzutage mehr als nur ein Indiz dafür, dass Jesus Christus, Gottes Sohn, gestorben am Kreuz zur Erlösung der Menschheit, an seiner Hüfte ein Tattoo getragen hat, eine Tätowierung, eine Schriftzeichnung, gestochen in die Haut und mit einem Pigment und so für alle Zeiten sichtbar gemacht.

Lebte Jesus heute, wäre er, zumindest was solche Körperzeichnung betrifft, einer unter vielen. Denn spätestens seit die Tätowierung sich aus der Schmuddelecke gesellschaftlichen Außenseitertums in Richtung bildende Kunst bewegt und sich so breite Anerkennung erobert hat, ist auch das christliche Motiv an und in der Haut gesellschaftsfähig geworden. Was den promovierten Theologen und Schriftsteller Paul-Henri Campbell zu dem Buch "Tattoo & Religion" bewogen und in diesem zu dem Schluss gebracht hat, dass eine Tätowierung, wie Jesus sie trug, eigentlich "die erste und vornehmste Kunst des österlichen Menschen" sein müsste.

Das ist ein für den Durchschnittsgläubigen, der angesichts großflächiger Körperbemalungen oft nicht weiß, ob er jetzt da genauer hinschauen soll und darf und im Hinterkopf ja immer noch das Vorurteil sitzen hat, Tätowierungen seien die Insignien böser Rocker, einstiger Gefängnisinsassen oder, im besten Fall, seefester Matrosen, ein sehr neuer Gedanke. Er findet in diesem Buch, welche uralte Geschichte die Tätowierung hat, welche Ausdruckskraft des Glaubens in ihr stecken kann und welche künstlerische Fähigkeit nötig ist, um sie zu dem zu machen, was sie für viele Menschen sein soll: ein offen zur Schau getragenes, in Kunst gefasstes Bekenntnis.

Ein Bekenntnis, das den eigentlich Gedichte schreibenden, 37 Jahre alten amerikanisch-deutschen promovierten Theologen Campbell eher zufällig über den Weg gelaufen ist, als er eine junge Frau kennengelernt hatte, die solche Körperzeichnungen als Ausdruck ihrer Lebenseinstellung zur Schau trug. Campbell erzählt dies und Anderes rund ums Tattoo im Café des Münchner Literaturhauses mit solcher Begeisterung, dass man ihn am liebsten fragen möchte, wo und wie er denn selbst am Körper eine solche Zeichnung trage.

Einen Jesus, wie er heute aussehen könnte, zeigt Marianna Gartners 2005 entstandenes Gemälde "Tattoed Jesus" (Öl auf Leinwand), das in dem reich bebilderten Buch "Tattoo & Religion" zu sehen ist.

(Foto: Marianna Gartner)

Doch Paul-Henri Campbell, Sohn eines amerikanischen Offiziers und einer Deutschen, mit 13 von Boston nach Aschaffenburg umgesiedelt und derzeit beim Bistum Limburg in der Erwachsenenbildung beschäftigt, ist nicht tätowiert; und war vielleicht gerade deshalb besonders von dieser Frau und der Szene, in der sie lebt, beeindruckt. Jedenfalls fing er an, in Tattoo-Salons Vorträge über Ikonografie und Artverwandtes zu halten und erntete überraschend großes Interesse; was wiederum sein eigenes steigerte und zu dem Entschluss führte, dem Phänomen der Tätowierung, diesem "Einbruch in die Haut" auf den Grund zu gehen. So fanden 16 große Interviews mit Protagonisten dieser Kunst den Weg in dieses Buch, flankiert von eindrucksvollen Bildern und, wie Tattoos, gestochen scharf formulierte Gedanken des Autors.

Tätowierungen sieht der unbedarfte Betrachter vielleicht am ehesten in der Sportschau, doch die bunten Fußballspieler laufen immer so schnell, dass man ihre Hautbilder kaum identifizieren kann. Meist sind es Bilder tief empfundener Liebe, wie etwa bei Nationalspieler Toni Kroos, der die Namen seiner beiden Kinder auf den Armen trägt. Er bewegt sich damit ganz in der Tradition der Menschheitsgeschichte, denn schon der gute Ötzi ließ sich, warum auch immer, vor 5300 Jahren Muster in die Haut stechen und mit Kohlepulver sichtbar machen.

In die Welt des Glaubens fand die Tätowierung, ungeachtet der Erwähnung in der Offenbarung durch Johannes, eher auf pragmatisch politischem Weg. Weil die Römer, Weltenherrscher in der frühchristlichen Zeit, diese neue Jesus-Gemeinschaft mit großem Argwohn betrachteten, brandmarkten sie deren Anhänger mit einem tätowierten Kreuz, als Stigma des Nichtdazugehörens. Später sollte daraus die erste Christenverfolgung werden. Zunächst aber betrachteten die so Gezeichneten diese Kreuz in der Haut als Symbol der Zusammengehörigkeit im Ausgegrenztsein. Das Kreuz gab der Gemeinschaft inneren Halt.

Eine Symbolkraft, die, belegt in vielen Schriften, über die Jahrhunderte bis heute hält. Schon Martin Luther zitierte in einer seiner Predigten das Hohelied Salomons mit den Worten: "Druck mich auf deinen arm, und siegele mich ins Herz." Die Kreuzzügler des Mittelalters ließen sich auf Arm oder Handrücken ein Kreuz tätowieren mit der Jahreszahl ihres Jerusalembesuchs als eine Art Vorläufer der späteren Ansichtskarte und des heutigen Selfies vor der Grabeskirche. Tattoos lässt man sich heute im Studio Razzou stechen. Und der Augsburger Maler Jörg Breu der Ältere versah schon um das Jahr 1500 im Bild von der Dornenkrönung Jesu einen der Peiniger mit einer Tätowierung am rechten Oberarm, möglicherweise ein Hinweis auf die spätere Rolle des Tattoos als Symbol roher Gewalt, wie es sich auf manchem Rockerrücken präsentiert.

Paul-Henry Campbell.

(Foto: Volker Derlath)

Wobei das Tattoo als Begriff damals noch vollkommen fremd war. Angeblich brachte der britische Seefahrer Sir Francis Drake das Tattoo aus Polynesien in den Sprachschatz der Alten Welt. Heute jedenfalls verbindet sich mit dem Tattoo eine Kunstform, die längst den Weg aus den verlassenen Hinterhöfen und verschwiemelten Stechkellern gefunden hat. Der Amsterdamer Tattoo-Künstler Henk Schiffmacher, der unter anderem die Musiker der Red Hot Chili Peppers gestochen hat (man sieht's am besten beim oberkörperfreien Bassisten Flea), weiß, dass "ein Drittel von Hollywood tätowiert" ist und erzählt, dass in seinem Studio "Lady Gaga ganz schön viel herumgezappelt" sei, als er ihr ein Rilke-Gedicht gestochen hat. Er selbst hat sich auf den Pilgerreisen nach Santiago de Compostela und Loreto von ortsansässigen Künstlern schmücken lassen. Und in Jerusalem besuchte Schiffmacher das weltweit seit Generationen berühmte Studio der Familie Razzouk.

Deren aktuelles Oberhaupt Wassim Razzouk kommt auch in Campbells Buch zu Wort, unter anderem mit einem Zitat, das die aktuelle Bedeutung christlicher Motive auf der Haut unterstreicht. Er zitiert seinerseits Papst Franziskus mit dem Satz: "Ein Tattoo gibt Anlass, sich miteinander zu unterhalten. Es ist ein Zeichen, das dem Priester helfen kann, auf die Person zuzugehen." Wassim Razzouk ist es auch, der auf eine wichtige Komponente der Tattoo-Kunst eingeht: den Schmerz, der unabdingbarer Teil des künstlerischen Prozesses ist. "Manche konzentrieren sich auf den Schmerz, andere hören Musik, andere unterhalten sich mit uns", so seine Erfahrung. Dass es ein Ding ist, sich ein Kreuz auf den Arm stechen zu lassen, und ein anderes, ein ganzes Kirchenfenster auf den Rücken platziert zu bekommen, versteht sich von selbst. Das nun ist eine Spezialität des Franzosen Mikaël de Poissy, der, wenn gewünscht, schon mal ein Triptychon verteilt auf drei oder gleich 15 Fenster auf 15 Rücken zaubert, wobei er pro Rücken an die 18 000 Euro nimmt. Poissy ist es auch, der keine Scheu hat, sich und seine Arbeit mit großen Namen der Kunstwelt zu verbinden. "Es könnte doch gut sein", so Poissy, "dass sich Chagall selbst eher als Kunsthandwerker gesehen hat", obwohl er ein "genialer Künstler war". Und er hat auch nichts dagegen, wenn ihn seine Klientel als Künstler bezeichnet.

Paul-Henri Campbell spricht in seinem Vorwort von der Transformation in der Tattoo-Kunst und zieht dafür das alttestamentarische Bild vom brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch heran, in dem Moses den Begriff "Gott" gesehen hat, wo Gott also erstmals begrifflich wurde. Transformation ist für den Katholiken nichts Neues: Jeden Tag erlebt er in zehntausenden Liturgien die Transformation von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Jesu, eine Transformation, die allerdings nur im Glauben stattfindet. In Campbells Interviews wird die Transformation dagegen sehr real: Betrachtet man, beispielsweise im Schwimmbad, ein Ganzkörpertattoo, so rezipiert man nicht mehr den Körper, sondern das Bild auf seinem Körper. Der Körper wird zur Leinwand transformiert. Mit dem Unterschied, dass Leinwand und Bild sich auch noch bewegen und so die dem Bild eigene Faszination noch verstärken.

Diese Faszination mag Apostel Paulus damals die Idee eingegeben haben, wie er die Straftätowierungen der Römer bei den ersten Christen ins Gegenteil verkehren könnte. Einen Brief an die Galater beendet er mit dem Tattoo-Bekenntnis "Ich trage die Leidenszeichen Jesu an meinem Leib." Und appelliert an die Gemeinde Jesu, diese Zeichen "mit Stolz zu tragen".

Paul-Henri Campbell: Tattoo & Religion, Verlag Wunderhorn, 190 Seiten, 29,80 Euro