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Kunst am Bau:Blätter, die die Welt bedeuten

Ingo Maurers schwebendes Lichtkonzept am Residenztheater

Ein mystisches Glühen soll das Publikum schon von Ferne empfangen, wenn es an diesem Samstag über den Münchner Max-Joseph-Platz eilt, zur ersten Premiere der Ära des Intendanten Andreas Beck. Das Bayerische Staatsschauspiel hat Ingo Maurer beauftragt, den Wintergarten des Residenztheaters mit einem neuen lichtgestalterischen Konzept zu versehen. Und Maurer, der 87 Jahre alte Magier des Lichts, der mit dem Designpreis der Bundesrepublik für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden ist, und jüngst als Münchner den Schwabinger Kunstpreis erhielt, hat dafür tief in den Zylinder gegriffen: "Silver Cloud" nennt er das Objekt, das anlässlich der Uraufführung des Stücks "Die Verlorenen" zum ersten Mal zu sehen sein wird.

Es ist zwölf Meter lang, hat eine ovale Grundform und ist nicht etwa eine Lampe. Die Wolke wird indirekt beleuchtet. Sie besteht aus 3000 Silberblättern, die zart mit einem Gittergeflecht verbunden und ständig in Bewegung sein werden. Dafür sorgen sieben goldfarbene Ventilatoren im Inneren des Objekts, die einen "Windhauch" durch die Wolke schicken. Die "Silver Cloud" schwebt unter einer tief rot gestrichenen Decke. "Wir haben dafür mit einem Experten für extrem starke Pigmente zusammengearbeitet", sagt Axel Schmid, der in Maurers Team mit der Cloud intensiv befasst war und seit 21 Jahren für ihn arbeitet. "Wenn man unter dieser Decke steht, kann man nicht genau sagen, wie tief oder hoch die Decke ist. In dem Objekt selbst sieht jeder etwas anderes, ein Tier, eine Pflanze oder ein schimmerndes Fell." Je nachdem wie der Betrachter unter oder neben der Wolke steht, ob es Tag ist oder Nacht, der Himmel draußen grau oder blau, wird sie sich verändern. Mit der Wahrnehmung der Realität spielt Maurer im Foyer also ähnlich wie die Theatermacher auf der Bühne.

Mit dem Entwurf greift er auf seine eigene Geschichte zurück, Maurer bezieht sich damit auf ein Lichtobjekt, das er vor 20 Jahren für den japanischen Modemacher Issey Miyake gestaltet hat. Es bestand ebenfalls aus reflektierenden Blättern. Die der "Silver Cloud" bestehen aus handversilberten Papierbögen, deren Oberflächen versiegelt sind. Dafür wurden Papiere unterschiedlichen Alters eingesetzt, damit sich die Blätter nicht nur in der Form, sondern auch in der Farbe unterscheiden: von Silber über Gold bis zu Grau- und Braunschattierungen.

Vom Max-Joseph-Platz aus werden Passanten jedoch nicht nur das exponiert gehängte Objekt durch die Scheiben des Wintergartens im ersten Stock funkeln sehen. Das Residenztheater kämpft seit jeher mit seiner Lage und Sichtbarkeit zwischen dem Bau der Residenz und der Staatsoper. Deshalb soll es zudem durch einen neuen roten LED-Schriftzug auf sich aufmerksam machen, der auf die Glasfassade gesetzt wird und der so die "Silver Cloud" durch zwei Worte rahmt: "Residenz" und "Theater". Auch wenn am Samstag die Wolke ihren Zauber zum ersten Mal entfalten soll; ihre offizielle Einweihung findet erst am 24. Oktober statt. Einen neuen Star könnte das Residenztheater damit jedenfalls schon einmal haben.