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Kunst:A und Doppel-O

Caravaggio Narziss, 1597-1599 Öl auf Leinwand, 113 x 94 cm

(Foto: Mauro Coen/Gallerie Nazionali di Arte Antica di Rom)

Ganz großes Theater: Das Potsdamer Museum Barberini zeigt die mit Leihgaben aus Rom üppig bestückte Blockbuster-Ausstellung "Wege des Barock".

Die Rekonstruktion des Palastes war nicht unumstritten. Aber einen Vorteil hat es unbestreitbar, dass der Unternehmer Hasso Plattner in Potsdam die Replik des Palazzo Barberini aus Rom wieder neu bauen ließ, die unter Friedrich II. hier errichtet, dann im zweiten Weltkrieg zerstört worden war - auch wenn Flamminia Gennari Santori entrüstet in Abrede stellt, dass in dem Fall ernsthaft von einer Replik die Rede sein könne: Der Nachbau komme allenfalls auf zehn Prozent des Gebäudekomplexes, dem sie in Rom als Direktorin vorsteht, was aber eher die Ausmaße der italienischen Nationalgalerien andeuten und sicher nicht Potsdams neue Ausstellungshalle kleinreden soll.

Denn der unbestreitbare Vorteil von Plattners Museum hinter der Fassade aus Rom besteht eben darin, dass man dort, also im Original, Potsdam jetzt auf dem sogenannten Schirm hat und anlässlich der Schließung eines Seitenflügels wegen Bauarbeiten großzügig Gemälde nach Brandenburg leiht, die auch einer Blockbuster-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie würdig wären.

So ist das manchmal, wenn privat gestiftete Häuser in die geeigneten Hände fallen: Als Ortrud Westheider in Hamburg am Bucerius Kunstforum war, waren dort Ausstellungen zu sehen, die man eher in der Kunsthalle erwartet hätte. Seit sie das Museum Barberini leitet, macht Potsdam Berlin Konkurrenz.

"Prachtvoll" ist ein passender Begriff, auch "herrlich" oder "überwältigend"

So kommt es jedenfalls, dass ihre römische Kollegin Santori ganze Saalfluchten voller Gemälde hierher begleitet hat, die einen langen Sommer lang in Potsdam die "Wege des Barock" aufzeigen sollen. Denn die Auswahl der Arbeiten kreist um das Pontifikat Maffeo Barbarinis, also des Mannes, auf den Palast und Sammlung zurückgehen und der als Urban VIII von 1623 bis 1644 im Vatikan regierte. Schon deswegen verdient diese Veranstaltung unbedingt das Attribut "prachtvoll", auch Begriffe wie "herrlich", "wundervoll" und "überwältigend" dürfen verwendet werden: Sie sind dieser Malerei schließlich inhärent.

Pietro Cortonas gewaltig wirbelndes Deckenfresko zur Verherrlichung Barberinis, buchstäblich das Urbeispiel aller Wimmelbilder, ließ sich nicht nach Potsdam bringen, es wird nur an eine Saaldecke projiziert. Aber dafür sind ein so berühmtes Werk wie Caravaggios stiller "Narziss" jetzt hier - und dröhnende Barberini-Verherrlichungen zweitrangiger Meister wie Andrea Sacchi, die vor Augen führen, was für ein triefender Salat an Allegorien damals angerührt wurde, um die Legitimität eines Machtanspruchs zu untermauern.

Es gibt eine solche Breite von barocken Haupt-, Neben- und Lieblingsthemen, auch von barocken Haupt-, Lieblings- und Nebenmeistern, dass man ganze Seminare zum 17. Jahrhundert hier abhalten könnte. Inmitten all des mehr oder weniger verkleinert aus Italien herunterkopierten Spät-, Retro-, Neubau- und Investorenbarocks, aus dem Potsdam zu weiten Teilen ja nun einmal besteht, wirkt es fast wie eine Nachhilfeveranstaltung: Was ist Barock?

Als der Kunsthistoriker Erwin Panofsky diese Frage einmal in einem gleichnamigen Essay behandelt hat, den man wie ein Begleitbuch mit nach Potsdam nehmen könnte, ging es ihm vor allem darum, in dieser Kunst nicht primär das Überbordende, Überfüllte und Überfordernde zu sehen, das in dem Wort Barock immer mitklingt. Er wies also darauf hin, dass sie zunächst einmal durch eine Renaissance eher klassischer Prinzipien gekennzeichnet war und der überspannten Künstlichkeit des Manierismus eine Wiederhinwendung zur Natur entgegensetzen wollte, "sowohl stilistisch als auch gefühlsmäßig".

Die beiden Strömungen, die das in Italien auf gegensätzliche Weise in Angriff nahmen, sind in Potsdam wie im Lehrbuch nachzuverfolgen. Da sind zum einen die, die dem wilden Neuerer Caravaggio folgten, sei es auf seinem Weg in den Naturalismus, sei es in der Radikalität einfacher, aber muskulös ins Bild gespannter Kompositionen, in der dramatischen Fokussierung auf den entscheidenden Moment einer Geschichte, in den Scheinwerfer-Effekten des neumodischen Helldunkel, wobei vor allem das Dunkel die Neuigkeit war, - oder in der wüsten Gewalttätigkeit.

Anonym (Neapel): Fischverkäufer, zweites Viertel 17. Jahrhundert, Öl auf Leinwand, 95 x 135 cm

(Foto: Enrico Fontolan/Gallerie Nazionali di Arte Antica di Roma)

Manche der Caravaggisten, nicht zuletzt die aus dem Ausland zugezogenen, müssen damals wie malende Hooligans durch Rom gezogen sein, fasziniert vom Halbdunkel der Halbwelt, der Zecher, Falschspieler und Mörder. Der andere, apollinischere Strang verbindet sich mit dem Namen Caraccis, von dem in Potsdam leider nichts zu sehen ist, dafür aber aus seinem Umfeld und seiner Schule.

Heilige und Huren leiden theatralisch, manchmal handelt es sich auch um dieselbe Person

Dass diese Aufbrüche ins Klare und Wahre am Ende trotzdem vor allem den Eindruck von grandios verwickelten Theateraufführungen hinterlassen, wird mit dem Wort Barock schon beschrieben, seit es als Schmähwort für die Kunst des 17. Jahrhunderts in Verwendung ist, wobei bis heute ungeklärt ist, wo genau es herkam. Manche sagen immer noch, ein iberisches Wort für Wucherungen und schiefgewachsene Perlen stand Pate, andere schieben es auf den schwelgerischen Maler Barocci.

Der große Panofsky nun hatte eine ganze eigene Theorie, die mit spätscholastischen Gedächtnisstützen und Syllogismen zu tun hatte, also Schlüssen aus Ober- und Untersätzen, wobei allgemeine und bejahende Aussagen mit dem Buchstaben a markiert wurden, partikuläre und verneinende hingegen mit einem o. "Der schöne Name Barbara" repräsentiere in diesem System drei so strahlend helle Weisheiten wie: Alle Menschen sind sterblich, alle sterblichen Wesen brauchen Nahrung, folglich brauchen alle Menschen Nahrung. Dass hingegen zwar alle Katzen Schnauzhaare haben, manche Tiere aber keine Schnauzhaare haben, folglich manche Tiere keine Katzen seien: Für so eine Kombination "wurde das Wort Baroco geprägt, mit einem a und zwei o." Wenn humanistische Autoren, darunter Montaigne, damals besonders verwickelte Gedankengänge kritisieren wollten, dann schrieben sie, jemand habe den Kopf voll "mit Barbara und Baroco."

Mal abgesehen davon, dass das ein überraschend bizarrer Einstieg in einen kunsthistorischen Essay und damit selbst von barocker Schönheit ist, liefert es einem tatsächlich einen ganz brauchbaren Schlüssel zu dem, was einem in dieser Potsdamer Schau tendenziell heillos die Sinne verwirrt: theatralisch leidende Heilige und Huren, im Falle der büßenden Magdalena auch häufig in einer Person, Kirchenväter, die ganz verliebt sind in ihr Hadern, Märtyrer voll Schmerzensstolz, ein Narziss, der seine Schönheit bewundert, dabei aber dem Betrachter das grell beleuchtete Knie ins Auge rammt, als sei nun ausgerechnet das der attraktivste Körperteil von allen, überhaupt anatomische Darstellungsexzesse, Bärte, die auch als Wolkenstudien taugen könnten, Kompositions-Feuerwerke aus Diagonalen - oder von dem Neapolitaner Luca Giordano einen Bettelphilosophen aus der Antike, der so modern gemalt ist, als wollte er als Spätwerk von Goya durchgehen, und zwar in einer Ausstellung über den Beginn der Moderne.

Die Deutschen fanden erst ein Jahrhundert später Zeit und Muße, den Barock nachzuholen

Die Zeit dieses vermeintlich dauernd die Ancien Régimes dieser Welt in den Himmel jubelnden Barocks war nun einmal auch eine große Zeit der Individualisierung und der Neuanfänge, eine Epoche, die einem heute nicht nur extrem widersprüchlich vorkommen kann, sondern hochdialektisch: Sie hat den Absolutismus hervorgebracht und Descartes' Zweifel, eine beispiellose Blüte der Künste und eine genauso beispiellose Vernichtung von Kultur und Leben, nämlich nördlich der Alpen ein endloses Morden zwischen Katholiken und Protestanten und südlich davon einen Papst aus dem Hause Barberini, der ungerührt tat, als ginge ihn das nichts an, weil ihm Kunst und Bauen wichtiger waren als dieser Dreißigjährige Krieg, der unter anderem bewirkt hat, dass die Deutschen, die danach noch übrig waren, erst ein Jahrhundert später Zeit und Muße fanden für ihre Nachholung des Barocks.

Daher sind in der Ausstellung auch eine Reihe von italienischen Gemälden zu sehen, die Friedrich II. hundert Jahre nach ihrer Entstehung ins Neue Palais hängen ließ, nachdem er sich in den Siebenjährigen Krieg gestürzt, dabei das barocke Sachsen verwüstet, anschließend zur Feier dieser Ereignisse das Neue Palais in den lieblichen Park von Sanssouci bauen lassen und dort eine "Galerie der Unvernunft" voller Vergewaltigungs-Szenen eingerichtet hatte, um seinen Nachfolger vor den "unheilvollen Folgen männlicher Begierde" zu warnen, wie sie das in Potsdam vornehm ausdrücken, und zwar auch mit Meisterwerken, von denen der alte Frauenfeind nicht wusste, dass sie von Artimisia Gentileschi stammten, Roms bedeutendster Malerin: Allein in dieser Geschichte stecken am Ende mehr barocke Volten als in Berninis verwickelten Säulen für Barberinis Papst-Baldachin im Vatikan.

Von Bernini übrigens, dem Alleskönner des römischen Hochbarock, gibt es in der Ausstellung sogar ein Selbstporträt. Es versteckt sich in einem kleinen Gemälde eines "David" und zeigt einen Mann von begründetem Selbstbewusstsein: Immerhin hat er in Rom unter anderem einen Palast hinterlassen, den sie selbst vier Jahrhunderte später in Potsdam noch einmal nachbauen wollten.

Und dann hängt dort jetzt noch ein "Fischhändler" von einem unbekannten Meister aus Neapel, der ein Porträt des Masaniello sein könnte, also jenes ganz konkreten Fischhändlers, der 1647 zum neapolitanischen Volksaufstand gegen die spanischen Vizekönige aufrief und für zehn Tage die Macht in der Stadt übernahm. Das wäre natürlich eine kleine Sensation, und Signora Santori, die römische Direktorin, verrät sie - als befände man sich plötzlich selbst inmitten des rhetorischen Gestenapparats eines Barockgemäldes - nur hinter vorgehaltener Hand. Demnächst werde es in Rom ein Symposium geben, auf dem Genaueres zu erfahren sein soll.

Aber selbst wenn sich die anonyme Genreszene am Ende doch nicht zu einer Art Historienbild adeln lassen sollte, bleibt es ein dramatisches Erlebnis, diesen erregten Fischhändler mit dem Messer geheimnisvoll herumhantieren zu sehen: ein Krimi in Öl mit viel Dunkel, umso bedeutungsvollerem Licht sowie - und das bleibt am Ende das A und Doppel-O bei der Sache - wirklich aufreizend gut gemalt.

Wege des Barock. Die Nationalgalerien Barberini Corsini in Rom. Museum Barberini, Potsdam. Bis 6. Oktober. Der Katalog kostet im Museum 29,95, im Buchhandel 39 Euro.