Literatur Milan Kundera soll wieder Tscheche werden

Der Schriftsteller Milan Kundera hat sich nach eigenem Bekunden in Paris nie fremd gefühlt.

(Foto: dpa)

Das verkündete die tschechische Regierung. Der Schriftsteller, der in den Siebzigerjahren nach Frankreich emigriert ist, scheint sich für die Idee aber nicht besonders zu erwärmen.

Von Kia Vahland

Er ist einer der bedeutendsten tschechischen Schriftsteller der Nachkriegszeit - aber Tscheche ist Milan Kundera seit 1979 nicht mehr. Damals hat die Tschechoslowakei dem vier Jahre zuvor nach Paris emigrierten Dichter die Staatsbürgerschaft entzogen, weil er den Prager Frühling unterstützt und sich zudem nicht an das poetische Regelwerk des real existierenden Sozialismus gehalten hatte. Seit 1981 ist der Mann aus Brünn Franzose; gehadert hat er mit dieser Entwicklung nie.

Das aber tut nun, mit beinahe 40-jähriger Verspätung, die tschechische Regierung. Der Ministerpräsident des Landes, der Populist Andrej Babiš, besuchte den 89-jährigen Literaten und dessen Frau Vera Hrabánková in Paris, am Rande der Gedenkveranstaltungen zum Ende des Ersten Weltkrieges. Was schon deshalb erstaunlich ist, weil Kundera zurückgezogen lebt und Journalisten wie Politiker seit Jahren eher meidet. Babiš aber kam als Fan, er fühlte sich "geehrt", diese "Legende der tschechischen, französischen und internationalen Literatur" zu treffen, schrieb er anschließend auf Facebook. Und verkündete, die Kunderas hätten es verdient, die tschechische Staatsbürgerschaft zurückzugewinnen. Etwas kleinlaut fügte der Premier hinzu, es sei vor allem Vera Hrabánková gewesen, die das Gespräch aufrecht erhalten habe. Was wohl heißt: Ihr Mann schwieg sich aus.

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Kundera hat sich in Paris nie fremd gefühlt, und er reagierte stets mit Unverständnis, wenn ihn jemand wegen seines Schicksals bedauerte. Als ihm der Literaturkritiker Fritz Raddatz in einem Interview in der Zeit einmal Heimweh unterstellte, antwortete er: "Ich habe mein Prag mitgenommen, den Geruch, den Geschmack, die Sprache, die Landschaft, die Kultur." Und er fügte ein für alle Mal hinzu: "Es gibt diesen Traum von der Rückkehr nicht."

Das war 1984, als Kunderas Welterfolg "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" gerade erschienen war. Der um den Prager Frühling herum angesiedelte Roman mäandert zwischen Erzählung und Weltbetrachtung, Liebesschmerz und Liebesfreiheit, Philosophie, Psychologie und Politik. In dieser elegischen Stimmung des Ungefähren begehrt der Chirurg Tomáš die Frauen; die Malerin Sabina begehrt ihren Herrenhut und immer wieder auch Tomáš; und die Fotografin Teresa begehrt ganz und gar Tomáš und ein bisschen auch Sabina. Doch die Revolution und noch mehr ihr Scheitern kommt den dreien dazwischen, das Private bleibt nicht privat und muss gegen die Welt verteidigt werden. Diese leicht träumerische Grundhaltung warfen dem Schriftsteller damals Aktivisten vor, darunter der Regimekritiker und Dramatiker Václav Havel, der seinen Kollegen als "pseudokritisch" schalt. Das westliche Publikum aber erkor Prag nach dem Buch und seiner Verfilmung 1988 mit Juliette Binoche zum Sehnsuchtsort, an dem noch richtig geliebt und gelitten, gefühlt und gekämpft werden konnte. Prag um 1968 schien das perfekte Gegenbild zum Stillstand der späten Bundesrepublik zu sein.

Die Tschechen konnten die Bücher Kunderas erst viel später lesen. Trotzdem haben sie ihn nie vergessen, auch nicht, als er begann, auf Französisch zu schreiben. Erst als vor einigen Jahren der Verdacht aufkam, Kundera habe als Student einen Kommilitonen an die Behörden verraten (was er bestreitet), wurde in Tschechien über ihn - und die eigene Vergangenheit - gestritten.

Derweil bleibt der Poet bei seinem Thema: dem Mangel an Poesie im öffentlichen und privaten Leben. In einem Aufsatz über Franz Kafka echauffiert er sich über die zunehmende Bürokratie: "Wir kämpfen, indem wir Stunden um Stunden in Büros, Wartesälen, Archiven verbringen. Was erwartet uns am Ende des Kampfes? Der Sieg?" Sich das Leben nicht wegnehmen zu lassen, das ist der Appell Milan Kunderas. Zeitfressern aller Art zu widerstehen, seien sie Verwaltungsbeamte oder auch Politiker.

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