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Kultursoziologie:Gras drüber

"Kolonie Ost?" - eine Bustour in die Lausitz, zu den abgelegenen Orten der Transformation, wo heute manch eine einstige DDR-Fabrik ein Museum ist.

Das ist der Moment, wo Frank Arnold alle warnt: Gleich ist Schluss mit der Plauderei, gleich heißt es Ohren zuhalten, gleich bekommen die Gäste aus der Großstadt einen Schimmer, was das heißt: an einer Maschine zu stehen, die 140 Kohlebriketts in der Minute presst, die dröhnt und faucht wie ein Plón. So heißt ein Flugdrache aus sorbischen Sagen; er speit Feuer und bringt Glück, wo er sich niederlässt. Arnold drückt einen Knopf, die Fabrik erwacht zum Leben, aber nur akustisch. Das Getöse kommt vom Band.

Arnold, ein großer Mann im Flanellhemd, hat 20 Jahre hier gearbeitet, in der Brikettfabrik Knappenrode, als erster Presser. Heute ist sein Arbeitsplatz ein Museum, und Arnold führt Besucher durch die geschwärzten Maschinensäle der "Energiefabrik". An diesem Tag ist ein Reisebus mit Geisteswissenschaftlern und Journalisten vorgefahren. Der Ausflug ist Teil einer dreitägigen Tagung mit dem Titel "Kolonie Ost?", organisiert vom Dresdner Institut für Kulturstudien. Der Titel hat schon vor Beginn eine Kontroverse ausgelöst: Sind die Fremdheits- und Minderwertigkeitsgefühle einiger Ostdeutscher Folge einer Art westdeutschen Fremdherrschaft - oder verbieten sich derartige Vergleiche nicht?

Debattiert wird dann differenzierter, als das Motto es vermuten lässt: Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan präsentiert die Ergebnisse ihrer viel beachteten Studie, die Parallelen in der Diskriminierung von Ostdeutschen und Muslimen herausstellt. Paul Kaiser, Kulturwissenschaftler und Organisator der Tagung, beklagt, dass ostdeutsche Künstler wie Werner Tübke, Arno Rink oder Willi Sitte kaum in großen Galerien zu sehen sind. Mit einem Gastbeitrag in der Sächsischen Zeitung entfachte Kaiser 2017 den Dresdner Bilderstreit, spricht von "kolonialer Attitüde" und "westdeutscher Überlegenheitsinszenierung". Marcus Böick, Historiker an der Ruhr-Universität Bochum, hat zehn Jahre zur Treuhandanstalt geforscht. In seiner Doktorarbeit beschreibt er die radikale Privatisierung der DDR-Staatswirtschaft und deren Folgen für Mensch und Mentalitäten. Die Interviews, die er mit Treuhand-Managern über die damalige Zeit geführt hat, würden sich lesen wie ein Roman von Karl May, sagt Böick. Trotzdem plädiert er für verbale Abrüstung: Die Treuhand sei keine Kolonialbehörde gewesen, vielmehr ein "marktorientiertes Ausnahmeregime", eine "Arena des Übergangs".

Energiefabrik Knappenrode - Umbau für knapp sieben Millionen Euro

Gut abgehangen in der Kaue: der Umkleideraum der Bergleute im Industriemuseum „Energiefabrik Knappenrode“, einer ehemaligen Brikettfabrik bei Hoyerswerda.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Und weil der Theorie idealerweise die Praxis folgt, starten die Tagungsteilnehmer zum Abschluss eine Busreise in Richtung Lausitz, hin zu den Orten der Transformation. Noch liegt Morgendunst über der A4, an deren Lärmschutzwände Dynamo Dresdens Hooligans ihre eigene Ost-Kunst gesprüht haben. Erster Halt: Bernsdorf in der Oberlausitz, 6500 Einwohner und ein stillgelegter Bahnhof. Aus dem Schindeldach sprießt Gras. Zu DDR-Zeiten hielten hier Züge und Werksbusse mit Arbeitern, die in der Zinkweißhütte malochten. Heute ist Bernsdorf noch berühmt für sein Eiscafé, weiß Kirstin Zinke. Sie leitet die Energiefabrik Knappenrode und diese Exkursion. Eine warmherzige Frau, die zu jedem Stein eine Geschichte parat hat: zur Wolfssäule in der Laußnitzer Heide, Pirnaer Sandstein, errichtet 1740 nach denkwürdiger Jagd. Zum Dubringer Moor, wo der Ziegenmelker ruft, Wollgras wächst und Sonnentau und mal ein Rentner beim Pilzesammeln verschwunden sein soll.

In Hoyerswerda verloren nach der Wende Tausende ihren Job. Die Einwohnerzahl hat sich halbiert

Weiter geht es in die Neustadt von Hoyerswerda, vorbei am "Hochhaus am Knie", ein Elfgeschosser, dem findige Architekten einen Knick verpasst haben, wie einem eselsohrigen Buch. Ein paar hundert Meter sind es bis dorthin, wo 1991 ein Mob aus Neonazis und Bürgern einen Block belagerte, in dem ehemalige Vertragsarbeiter wohnten, hauptsächlich Vietnamesen und Mosambikaner. Scheiben zerbarsten, Gardinen loderten, Menschen applaudierten.

Robert Lorenz, Ethnologe und zweiter Reiseführer an diesem Tag, steht auf einer Löwenzahnwiese vor der Lausitzhalle. Im Rücken ein wandhohes Mosaik des DDR-Künstlers Fritz Eisel: Liebende vor rauchenden Schloten und verschlungenen Rohren - ein Fortschrittsversprechen in abertausend Teilen.

In der DDR war Hoyerswerda Schlafstadt für die Arbeiter des Gaskombinats Schwarze Pumpe. Von 1950 bis 1980 verzehnfachte sich die Einwohnerzahl auf 70 000. Hoyerswerda, das war mal die kinderreichste Stadt der DDR. Nach der Wende verloren Tausende ihren Job. Hoywoy, wie sie hier fast zärtlich sagen, halbierte sich. Zwischen den Wohnblöcken klaffen heute Lücken wie im Gebiss einer alten Frau.

Lorenz liest eine prophetische Passage aus "Franziska Linkerhand", dem großen, unvollendeten Roman der Schriftstellerin Brigitte Reimann. Acht Jahre lang lebte und arbeitete sie in Hoyerswerda: "Und zum ersten Mal dachte sie mit einer Art kalter Schadenfreude an die Vergänglichkeit dieser Siedlung, ihr Leben, das kurz sein wird wie das einer Goldgräberstadt: Die Kinder der Rollschuhläufer werden schon in fremden Städten arbeiten, wenn Bagger ihre Zähne in die Eingeweide dieser Stadt schlagen, und die Blöcke in Rauch und Staub zusammenstürzen."

Liebende unter rauchenden Schloten: Wandbild an der Lausitzhalle in Hoyerswerda.

(Foto: Iclandicviking/Wiki Commons)

Auf alten Kombinatsstraßen rollt der Bus tiefer hinein in das ausgeräumte Land, nach Lohsa, 5000 Einwohner. Am Rande des einstigen Tagebaus haben sie einen Strand aufgeschüttet und einen Glasbau hingesetzt, die "Grill-&-Chill-Pyramide", wo geheiratet werden kann mit Blick auf das Wasser. "Man muss sich vorstellen, wie das früher ausgesehen hat", sagt Lorenz. "Apokalyptische Landschaft, der Schein der Gasfackeln am Horizont, und in den Wäldern hockte das Militär." Jetzt erstreckt sich hier das Lausitzer Seenland, an den Ufern haben Anwohner klandestin kleine Datschen gebaut. Dabei ist dies noch immer unsicheres Land. Manchmal geraten die Kippenböden ins Rutschen, in den Wäldern liegen Baumstämme ineinander wie Mikadostäbe. Durch die Stilllegung der Tagebaue ist das Grundwasser wieder angestiegen. Die Spree verockert, wird braun, weil Sulfat und Eisen aus dem sauren Boden gewaschen werden. Die Brühe fließt langsam in Richtung Berlin, und wer eine finstere Parabel sucht für die Lage im Superwahljahr Ost, der wird hier schnell fündig.

Robert Lorenz hat ein schwarzes Notizbuch dabei, darin Zahlen, Daten, Fakten zu seiner Heimat. Er ist ja nicht nur der Reiseführer, er ist von hier: in der Nähe von Bautzen geboren, nach zwanzig Jahren aus Berlin zurückgekehrt in sein Kindheitsdorf. Dort lebt er mit seiner Familie im Forsthaus. Warum so mancher in der Lausitz einen Groll mit sich herumträgt? "Sie haben erst ihre Heimat wegbaggern müssen, und jetzt steht in jedem Garten ein Trampolin, auf dem nur an Ostern und Weihnachten ein Enkel springt", sagt Lorenz. Zwei Generationen seien aus der Lausitz abgewandert. "Die Leute können hier selten eine gute Geschichte erzählen", sagt Kirstin Zinke. Aber selten heißt nicht nie.

Am 25. Februar 1993 um 11.10 Uhr gingen in der Brikettfabrik in Knappenrode die Lichter aus und der Presser Frank Arnold weinend nach Hause. Heute führt er jährlich 25 000 Gäste durch das Industriedenkmal, wartet die tonnenschweren Maschinen. Sie planen hier eine neue Dauerausstellung und einen weiteren Aussichtspunkt. In der Kaue, dem einstigen Umkleideraum der Bergmänner, kann man noch die Arbeitskluft der letzten Schicht anschauen: gelbe Helme, graue Hosen, verrußte Handtücher. Demnächst sollen die Textilien wissenschaftlich untersucht werden. Vielleicht gibt es dann wieder eine Tagung, zu all diesen Leben, die da an rostigen Haken unter der Decke hängen.