Kulturreport Unausweichlich

Hinter der Fassade lodern Angst und Aggression: Die beiden Protagonisten des Films "Agonie" durchbrechen gewaltsam die Zwänge ihrer Umgebung. Das Werk des HFF-Studenten David Clay Diaz ist auf die Berlinale eingeladen

Von Hannah Vogel

Schon am Anfang des Films verraten die eingeblendeten Zeilen den unausweichlichen Schluss: "Am 29. November tötet ein junger Mann seine Liebhaberin und zerstückelt die Leiche. Kopf, Torso und Gliedmaßen werden in verschiedenen Müllcontainern in Wien verteilt gefunden.

Über das Motiv herrscht völlige Unklarheit." "Agonie" zeigt die Ereignisse, die zu diesem Mord führen. Er ist einer von zwei Filmen, produziert von HFF-Studenten, die bei der diesjährigen Berlinale laufen.

Nominiert ist "Agonie" in der Kategorie "Perspektive Deutsches Kino", die inhaltliche und stilistische Trends beim Filmnachwuchs aufspürt. Dies ist eine Ehre für den Österreicher David Clay Diaz, denn "Agonie" ist nicht sein Abschluss-, sondern nur ein Übungsfilm im Rahmen des Regie-Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Zwar ist er nicht der Erste, dem das so früh gelungen ist - bereits in den vergangenen zwei Jahren waren HFF-Studenten der unteren Semester nominiert und 2015 gewann "Ein idealer Ort" sogar den unabhängigen Jurypreis -, aber der 26-Jährige bleibt trotzdem einer von Wenigen.

Für Alex (Alexander Srtschin) ist das Leben ein täglicher Kampf. Ist Gewalt die einzige Lösung?

(Foto: Julian Krubasi)

In "Agonie" vereint Diaz zwei Handlungsstränge, die zwar beide von einem Todeskampf zeugen, sich aber nie kreuzen. "Magische Verbindungen zwischen Geschichten gibt es nicht - das wäre Inszenierung", sagt er. So zeigt sein Film einerseits den 24-jährigen Christian, den strebsamen Jurastudenten und Sohn einer alleinerziehenden Mutter, und andererseits den 17-jährigen Alex, der als Draufgänger und Möchtegern-Rapper Ärger in den Wiener Straßen sucht. Obwohl beide zunächst unterschiedlicher nicht sein könnten, haben sie etwas gemeinsam: Sowohl Christian als auch Alex haben eine Fassade errichtet, durch die sie versuchen, auf die Zwänge und Erwartungen ihrer Mitmenschen zu reagieren. Während Christian mühsam versucht, den schönen Schein zu wahren, gibt Alex den Unnahbaren, Abgebrühten. Innerlich sind sie tief zerrissen. Beide treffen am Ende folgenschwere Entscheidungen, richten Gewalt gegen sich und andere. Und nicht der Tod an sich, sondern das Leben davor wird zum Kampf.

Inspirieren ließ sich Diaz dabei von realen Ereignissen in Wien, die er fiktiv unterfütterte. Das zerstückelte Mädchen war eine Bekannte des Filmemachers - mehr als ein anonymer Name in der Zeitung. "Wir haben zwanghaft und vergeblich nach einer Erklärung für diese Tat gesucht. Deshalb wollte ich einen Film drehen, der sich mit der Ursache beschäftigt", sagt Diaz. "Agonie" präsentiert also keine Antwort, sondern nur die Frage selbst: Warum? Dies ist durchaus tiefsinnig, beeinflusst durch Diaz' in Wien begonnenes Studium der Philosophie. Wechselnde kurze Sequenzen porträtieren die Konflikte und die scheinbare Normalität der jungen Männer, während sie kaum merklich auf das Ende hinführen. Dabei wirken die reduzierten Dialoge und langen Totalen beklemmend - wecken böse Vorahnungen. Die Übergänge füllt schwarze Leere. Für Diaz ein Stilmittel, um seinen abreißenden Gedankenprozess als Sackgasse darzustellen - den gescheiterten Versuch, die Verbrechen nachzuvollziehen.

Bis zu einem gewissen Grad seien die Täter Opfer ihrer Umgebung, so Diaz. "Oft können Menschen mit Worten keine Klarheit mehr erreichen. Es hilft nur der letzte befreiende Schlag." Dies reicht ihm jedoch nicht als Erklärung. Bewusst schuf er deshalb vielschichtige Charaktere, die bereits gewisse Veranlagungen in sich tragen. Sehr authentisch verkörperten diese Samuel Schneider (als Christian) und Alexander Srtschin (als Alex). Fast unglaublich ist, dass Srtschin für "Agonie" das erste Mal vor der Kamera stand. Entdeckt wurde er ein paar Wochen zuvor von Crewmitglied Martina Poel bei einem Laiencasting, zu dem er eine Freundin begleitete. "Natürlich war es nicht immer einfach, aber er hat die Rolle stark geprägt", sagt Diaz.

Dass "Agonie" in Wien statt in München spielt, war für den österreichischen Filmemacher eine Bauchentscheidung: "Es sind einfach zwei Wiener Geschichten, die trotzdem auch überall anders hätten passieren können." Denn das ist für Diaz wichtig: Seine Geschichten sollen Fallbeispiele sein. Druck spürt er durch seine Nominierung für die Berlinale nicht. Er fühle nur Euphorie, Freude und Kraft, seit er davon erfahren habe, so Diaz. Da saß er gerade beim Tonschnitt und erhielt von Linda Söffker, Leiterin der Kategorie Perspektive Deutsches Kino, eine Facebook-Freundschaftsanfrage. "Ich dachte mir: Die wird mir doch keine Anfrage schicken, wenn sie mir absagen will. Und dann schrieb sie mir, dass 'Agonie' ein toller Film, ein wahnsinniger Wurf und sie beeindruckt sei", erzählt Diaz. Seinen Erfolg feierte er abends alleine bei einer Pizza. Nun hofft er auf einen Kino-Release, den er derzeit alleine nicht verwirklichen kann, oder einen Preis für "Agonie" - vielleicht ja noch auf der Berlinale.