Kulturpolitik:Wie sich in Italien Monument und Marke verbinden

Fendi Roma 90 Years Anniversary - Fashion Show

Nymphen der Neuzeit: Für das Modehaus Fendi wurde in Rom der barocke Trevi-Brunnen zum Laufsteg degradiert.

(Foto: Victor Boyko/Getty Images)

Als wäre Italien ein gigantisches Kaufhaus: Über das Kolosseum herrscht "Tod's", über die Rialtobrücke "Diesel", und Neapels wichtigster Platz gehört "Nutella".

Von Thomas Steinfeld

Anfang August meldete sich die "Corte dei Conti", der italienische Rechnungshof. Man hatte dort die "öffentlich-privaten Partnerschaften" im Umgang mit den historischen Kulturschätzen des Landes untersuchen lassen. Nun war man "bestürzt": nicht nur, weil die von Diego Della Valle, dem Eigentümer der Schuhfabrik Tod's, finanzierten Restaurierungen im Inneren des Kolosseums nicht mehr dem Zeitplan folgen, sondern vor allem, weil die Verträge zwischen dem Unternehmen, der Stadt Rom und der staatlichen Denkmalverwaltung an entscheidenden Punkten im Unklaren lassen, ob und wie das berühmteste Bauwerk der römischen Antike für die Werbung der Firma Tod's genutzt werden kann.

Strittig ist zum Beispiel, ob die Nutzungsrechte mit dem Abschluss der Arbeiten enden oder darüber hinaus noch zwei Jahre währen. Unsicher ist zudem, was es mit den "Amici del Colosseo" auf sich hat, denen die Rechte für die folgenden fünfzehn Jahre übertragen wurden. Denn diese sind keineswegs nur ein Verein von Freunden und Förderern, sondern eine von Diego Della Valle geschaffene Stiftung, über die das Engagement der Firma für das Kolosseum abgewickelt wird. Wenn man die 25 Millionen Euro, die für die Restaurierung aufgewendet werden, so argumentierte der Rechnungshof, durch die Zeit dividiere, während der die Firma Tod's über die Nutzungsrechte verfüge, ergebe sich ein Preis von 1,25 Millionen Euro pro Jahr - was für ein derart umsatzstarkes Unternehmen recht wenig sei.

Ganze Teile von Neapel werden gesperrt. Warum? Weil ein Brotaufstrich 50 wird

Die Restaurierung des Kolosseums ist nur der spektakulärste Fall eines privaten wirtschaftlichen Engagements für ein Kulturdenkmal in Italien. In Rom wird gegenwärtig auch die Spanische Treppe restauriert, auf Kosten des Juweliers Bulgari. Die Fontana di Trevi wurde mit dem Geld des Modehauses Fendi wiederhergestellt, in Venedig werden die Arbeiten am Ponte di Rialto vom Konzern OTB bezahlt, zu dem unter anderem das Modehaus Diesel gehört. Beliebt sind auch private Feste im öffentlichen Raum: Anfang Juli wurden ganze Teile der Altstadt Neapels gesperrt, weil die Modefirma Dolce & Gabbana dort ein Event feierte (wofür sie der Stadt weniger als 100 000 Euro zahlte); auf der Piazza del Plebiscito, dem wichtigsten Platz ebendort, wurde über einen ganzen Tag im Mai der Brotaufstrich Nutella zelebriert, angeblich weil es ihn nunmehr seit fünfzig Jahren gibt.

Bekannt wurde auch ein Abendessen auf dem Ponte Vecchio in Florenz im Jahr 2013, das die Firma Ferrari für Freunde und Kunden des Hauses ausrichtete, wofür der damalige Bürgermeister Matteo Renzi (der heutige Ministerpräsident Italiens) Bürger und Touristen aussperren ließ. Begleitet werden solche "partnerships" von immer wieder der gleichen Kritik: Vom Ausverkauf der Kunst an das Kapital ist die Rede und vom Verrat an den Bürgern, zu deren Lebensraum diese Bauwerke seit sehr vielen Generationen gehörten.

Der schlichte Antikapitalismus, von dem sich diese Kritik tragen lässt, sorgt nicht eben für gute Argumente. Warum sollten historische Kunstschätze, wenn ihr Erhalt einen hohen finanziellen Aufwand erfordert, nicht zu dessen Finanzierung herangezogen werden? "Valorizzare" - in Wert setzen - heißt das italienische Wort dafür. Und warum sollte man Firmen am Mäzenatentum hindern, nur weil dieses nicht bloß der Bewahrung des Kulturerbes, sondern auch ihnen selbst nützt? Die "Deregulierung", die um das Jahr 1980 begonnen hatte, woraufhin zunächst wenige, dann immer mehr staatliche Infrastrukturleistungen - die Post, die Bahn, der Flugverkehr und die Telekommunikation - privatisiert wurden, ist mittlerweile in die Mitte der Kultur vorgedrungen, in die Museen und ins Denkmalwesen.

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