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Kulturpolitik:Überraschung und Entsetzen

The designated director of Vienna State Opera, Roscic, addresses a news conference in Vienna

Bogdan Roščić wird 2020 Chef der Wiener Staatsoper.

(Foto: Leonhard Foeger/Reuters)

Ex-Sony-Manager Bogdan Roščić wird 2020 Direktor der Wiener Staatsoper - ein völliger Quereinsteiger.

Mit dem Wort "gespalten" sind die Reaktionen nur unzureichend beschrieben, die in Österreich auf die Ankündigung folgten, wer die traditionsreiche Staatsoper in Wien in eine glänzende Zukunft führen soll. Es ist der ehemalige Bassist einer Punkband, spätere Popjournalist und Chef des Radiosenders Ö3 sowie derzeitige Chef von Sony Classical, Bodgan Roščić. Der 1964 in Belgrad geborene und in Linz aufgewachsene Musikwissenschaftler hat Erfahrung als Redakteur und Wellenchef, er war erfolgreicher Manager bei großen Musikkonzernen, sogar Juror in einer Castingshow war er mal, aber eines hat er noch nie getan: ein Opernhaus geleitet.

Die Berufung von Roščić, der sein Amt erst in mehr als drei Jahren antreten wird, ist für Wien in gewisser Weise so etwas wie ein Chris-Dercon-Moment: Tout Berlin staunte, und ein Teil ärgerte sich sehr, als der Museumsdirektor 2015 zum Intendanten der Volksbühne berufen wurde. Und auch für Roščić dürften die schweren Zeiten jetzt erst beginnen: Einige Kritiker und Medien seien so entsetzt, ätzte ein Musikfreund, als hätte Rot-Grün die Macht im ganzen Land übernommen. Die FPÖ qualifizierte die mutige Entscheidung gar als "Entwürdigung der Staatsoper" ab.

Von den einen wurde die Bestellung von Roščić als Nachfolger von Dominique Meyer von 2020 an, die Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) einer staunenden Öffentlichkeit am Mittwoch präsentierte, als "erfrischende Überraschung" bezeichnet, von den anderen als "enormes Risiko", da ein Quereinsteiger in dieser komplizierten Branche fast chancenlos sei. Drozda selbst sprach davon, er wolle eine grundlegend neue, eine zukunftssichere Ausrichtung des Hauses, er wolle eine "Staatsoper 4.0".

Roščić selbst gab sich von dem kollektiven Schock, in den die opernverliebte Hauptstadt fiel, reichlich unbeeindruckt. Er erklärte, Musiktheater müsse zeitgemäßer werden. Die Kunstform stehe wie noch nie in Konkurrenz um Zeit und Geld des Publikums. "Sie steht unter Druck. Es ist die größte Materialschlacht der Kulturwelt!" Das Publikum, sagte der jungenhafte 52-Jährige bei seiner Vorstellung, müsse wissen, was Oper für das eigene Leben bedeute. Er wolle mehr Zeitgenössisches ins Repertoire nehmen - und sich am großen Gustav Mahler ein Vorbild nehmen. Der sei innovativ und reformorientiert gewesen.

Gustav Mahler ist in der Tat ein großes Vorbild. Aber Roščić ist offenbar auch sehr selbstbewusst. In einem TV-Interview antwortete er auf die Frage, welche Überschrift er als Ex-Journalist über die Meldung setzen würde, dass er Chef der Wiener Staatsoper werde: Spontan falle ihm keine ein, aber sie wäre in jedem Fall "gnadenlos kritisch und ungeheuer witzig".

Frischen Wind braucht die Wiener Staatsoper in jedem Fall, obwohl sie unter dem amtierenden Direktor, dem Franzosen Dominique Meyer, relativ gut dasteht. Aber Furore macht sie nicht, das weit kleinere Theater an der Wien läuft ihr regelmäßig den Rang ab. Meyer war, das muss noch gesagt werden, übrigens auch eine Art Quereinsteiger. Er war als Wirtschaftswissenschaftler, Politikberater und Manager tätig, bevor er an das Théâtre des Champs-Élysées und dann nach Wien wechselte.