Kulturpolitik Kunst ist das neue Schwarz

Das Team der Berlin Biennale: Thiago de Paula Souza, Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba und Moses Serubiri (von links).

(Foto: Anthea Schaap)

Die Berlin Biennale leiten afrikanische Kuratoren. Museen moderieren postkoloniale Diskurse und Tillmans Fotos touren im Kongo: Warum Deutschland Millionen für den Austausch mit Afrika ausgibt.

Von Jonathan Fischer

Die Ankündigung der diesjährigen Berlin Biennale war ein Aufreger. Nicht nur weil in Gabi Ngcobo aus Johannesburg zum ersten Mal eine afrikanische Kuratorin als Leiterin der renommierten Ausstellung verpflichtet wurde. Das Pressefoto mit den vier Co-Kuratoren zeigt ein rein schwarzes Team. Moses Serubiri, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba und Thiago de Paula Souza haben als Afrikaner oder Angehörige der Afro-Diaspora in Deutschland, Nordamerika und Brasilien maßgeblich postkoloniale Diskurse in der Kunst geprägt. Darf man dieses Jahr eine Kunstschau unter dem Stern Afrikas erwarten? Nein, nein und nochmals nein, wehrt Yvette Mutumba ab. "Gabi Ngcobo hat uns nicht nur wegen unserer Herkunft geholt", sagt die in Berlin lebende Mitbegründerin und Chefredakteurin des Magazins Contemporary And und: "Uns geht es in erster Linie um Kunst und nicht um Afrika." Alle Museen bekämen gerade Fördermittel für global angelegte Kunstprojekte, alle großen Kunst-Institutionen wollten Afrika und Postkolonialismus thematisieren. Aber, so sagt sie mit Nachdruck, man müsse die nachträgliche Entdeckung des vernachlässigten Kunst-Kontinents nicht unnötig exotisieren.

Jetzt ist die Zeit zu fragen, warum die Kunstwelt so lange so ignorant war

Tatsächlich zitiert der Biennale-Titel nicht etwa einen südafrikanischen Dichter sondern Tina Turners "We Don't Need Another Hero", und der Pressetext erwähnt kein einziges Mal die Wörter "Afrika" oder "postkolonial". Ganz bewusst, sagt Mutumba, denn wie könnte man subtile rassistische Vorurteile besser entlarven, als gewisse Erwartungen zu enttäuschen? Dafür brächten die Kuratoren der Biennale ihre Diskurse mit, man werde Machtpositionen mit Gegen-Narrativen herausfordern. Wenn deswegen mehr Künstler aus Afrika und der afrikanischen Diaspora mitwirken würden als je zuvor, sei das nur Folgeeffekt. Die 36-jährige Berlinerin zählt sich zu einer jungen Generation schwarzer Kuratoren, denen Pioniere wie Okwui Enwezor oder Simon Njami den Weg bereiteten und die nun alles daransetzen, das Wörtchen "Afro-" überflüssig zu machen. "Angesichts all der spannenden Kunst, die in Afrika produziert wird, erübrigt sich die Diskussion nach ihrem Wert. Vielmehr gilt es zu fragen, warum die Kunstwelt so lange so ignorant war."

Man kann sich aber auch fragen, warum sich hierzulande seit sieben, acht Jahren die Ausstellungen mit afrikanischen Künstlern häufen - ja afrikanische Kultur massiv mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, egal ob in Tanztheatern, Kunstvereinen, Filmprojekten oder bei der Begegnung von Clubmusikern zwischen Berlin, Kinshasa und Nairobi? Markus Müller, der mit seiner Consulting Firma in Berlin viele Museen und Institutionen berät, und seit der Documenta 11 im Jahre 2002 immer wieder auch mit Okwui Enwezor arbeitet, sieht zwei Prozesse zusammenwirken: Zum einen habe man angefangen zu erkennen, "dass Europa kein isoliertes stabiles Gebilde mit eindeutiger kultureller Identität ist". Den Austausch habe es seit den Kreuzzügen, den Mauren in Spanien, der Eröffnung der Sklavenmärkte in Portugal und der Ausbeutung afrikanischer Kolonien durch Europäer gegeben. Und der Kanon, lange aus der Sicht westlicher Kunsthistoriker geschrieben, sei durch Ausstellungen wie etwa "Primitivism" erweitert worden, die 1984 im New Yorker Museum of Modern Art das Verhältnis zwischen der Moderne und afrikanischer Kunst thematisierte. Das Bild bekam Sprünge, auch wenn die Schau für die Inszenierung subsaharischer Werke als Steigbügelhalter für Künstler wie Picasso kritisiert wurde.

Was Deutschland betrifft, nahmen viele Spieler den Faden auf: Der als erster afrikanischer Kurator der Biennale Venedig gefeierte und nun im Münchner Haus der Kunst wirkende Okwui Enwezor, sein Kollege Simon Njami, der 2004 die Ausstellung "Africa Remix" unter anderem im Kunstpalast Düsseldorf zeigte, das Institut für Afrikastudien der Universität Bayreuth, Tanztheater wie Kampnagel und oder das Berliner Theater Hebbel am Ufer (HAU). Wer weiß schon, dass der aus Köln stammende Reggae-Star Gentleman staatlich gefördert durch Afrika tourte oder der deutsche Fotograf Wolfgang Tillmans gerade seine Arbeiten im Goethe-Institut Kinshasa zeigt?

Dabei geht es beim deutschen Afrika-Engagement auch um Politik. Schon Bundespräsident Horst Köhler hatte erkannt, welche Rolle die Entwicklung Afrikas für den Nachbarn Europa spielt, auch kulturell: "Der Kontinent entdeckt seine eigenen Wurzeln neu", formulierte es Köhler in seiner Rede "Vier Thesen zu Afrika". "Diese künstlerischen Suchbewegungen, diese angstfreien Destruktionen und Konstruktionen von Identität sind per se auch politisch, weil afrikanische Identität ja jahrhundertelang unterdrückt worden ist." Kultur sei demnach ein Katalysator für Afrika, um seine Würde auf der Weltbühne zurückzugewinnen. Im selben Geiste erklärte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2008 die Kulturarbeit wieder zum dritten Standbein der Außenpolitik. Seine "Aktion Afrika" erhöhte den Etat der Goethe-Institute für kulturelle Arbeit auf dem Kontinent um zwölf Millionen Euro. Das Ziel: Künstler und Kulturschaffende in ganz Afrika zu vernetzen - mit Deutschland als Moderator. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, sagte damals: "Ich glaube, dass wir versuchen müssen, Qualitäten, die in Afrika vorhanden sind, auch für uns aufzubereiten, sodass das nie eine Einbahnstraße ist, sondern immer eine Zweibahnstraße."

Das internationale Publikum erreicht man auch aus Ateliers in Nairobi oder Dakar

Die "Aktion Afrika" gab Elke aus dem Moore, der Leiterin des vom Auswärtigen Amt finanzierten ifa-Instituts für Auslandsbeziehungen, eine Steilvorlage. Sie hatte schon während ihres Studiums als Kunsthistorikerin die Lücke erkannt: "Die Internationalisierung der Kunstszene in den Neunzigerjahren bedeutete erstmals die Einbeziehung einiger Länder Asiens und Lateinamerikas. Aber Afrika? Diese Perspektive fehlte vollkommen." Und auch die hierzulande arbeitenden afrikanischen Künstler blieben weitgehend unsichtbar. "Diese Ignoranz", sagt aus dem Moore, "hat viel mit Rassismus zu tun." Mit dem ifa wolle sie solch "gefährlichen Tendenzen" entgegenwirken. Nach dem Ersten Weltkrieg als Teil von Friedensmaßnahmen zur Völkerverständigung gegründet, betrieb das Institut Netzwerkarbeit in der Kunst, schickte Ausstellungen von Gerhard Richter und Rosemarie Trockel ins Ausland oder finanzierte den deutschen Pavillon in Venedig. Außerdem unterhält das ifa Galerien in Berlin und Stuttgart. Die Ernennung von Alya Sebti aus Casablanca zur Galerieleiterin in Berlin steht für eine Neuausrichtung. "Es ist unser Ziel", sagt aus dem Moore, "Partner-Institutionen in Afrika aufzubauen, so finanziert die ifa das von Mutumba zusammen mit Julia Grosse gestaltete Kunst-Magazin für afrikanische Perspektiven Contemporary And. Hervor ging es aus einem Projekt zum Thema Mode und urbaner Raum. "Prêt-à-partager" tourte seit 2009 durch sieben afrikanische Städte und Berlin. Als Kuratorin damals mit an Bord: Gabi Ngkobo. Dass diese Frau nun die Berlin Biennale leiten wird, sieht die ifa-Leiterin als hoch symbolische Entscheidung: "Deutschland hat seine Kolonialgeschichte nie aufgearbeitet." Das zeige schon die Tatsache, dass zuletzt mehrere ethnologische Museen in Deutschland ihre Afrika-Abteilungen schließen und inhaltlich überarbeiten mussten.

Das Geld ist vorhanden. Der Wille, sich mit den schwierigen und teils informellen Strukturen der afrikanischen Kunstszene auseinanderzusetzen, oft nicht. Das erzählt Hortensia Völckers, die künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, die in den letzten Jahren über einen eigens geschaffenen TURN-Fonds 75 deutsch-afrikanische Kooperationen mit einer Summe von mehr als 14 Millionen Euro gefördert hat. "Die großen Museen, Theater und Kunst-Institutionen scheuen sich leider noch immer, in Afrika zu recherchieren", sagt Völckers. Dafür hätten sich etwa kleine Tanzkompanien und von Privatleuten angeschobene Kultur-Initiativen umso mehr eingebracht. Die Berlin Biennale - zu hundert Prozent von der Kulturstiftung des Bundes finanziert - passt da ins Bild.

Yvette Mutumba konstatiert inzwischen ein neues Selbstverständnis: Früher glaubten viele Künstler, sie müssten in New York, Amsterdam oder Berlin leben, um wahrgenommen zu werden. Heute erreiche man auch ein internationales Publikum, wenn man sein Atelier in Nairobi oder Dakar hat. Geografische Marker spielten eine immer kleinere Rolle. Und so geht auch die Berlin Biennale nur einen weiteren Schritt hin auf ein Ziel zu, das Elke aus dem Moore "beyond boxing" nennt. Schubladenfrei. Oder: Jenseits von schwarz und weiß.