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Kulturpolitik:Kopflos

Wer ist nach dem Rückzug von Manfred Rettig für das Humboldtforum in Berlin verantwortlich? Das Kuratorium hat noch keinen Geschäftsführer benannt. Die Sorge, dass die Stadt sich wieder blamiert, wächst.

Von Jens Bisky

Auch sehr nüchterne Zeitgenossen haben zu spekulieren begonnen, seit Manfred Rettig seinen Rückzug aus der Bauherrenstiftung "Berliner Schloss - Humboldtforum" angekündigt hat (SZ vom 14. Januar). Der erfahrene Baumanager - er hat dereinst den Hauptstadtumzug organisiert - galt vielen als das Gesicht des ambitionierten Kulturbauprojekts; mit ihm war im Juni 2015 Richtfest gefeiert worden. Nun verlässt er die Stiftung und warnt zum Abschied vor undisziplinierten Nutzern und Planänderungen, was rasch zu Verzögerungen und sehr viel höheren Kosten führen könne. Warum das? Droht noch eine Pleite-Baustelle in Berlin? Geäußert haben sich nach Rettigs Ruhestandsankündigung: der Regierende Bürgermeister Michael Müller, der Präsident der Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, der Baustaatssekretär Florian Pronold, der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Keiner konnte die Zweifel ausräumen. Bislang wurden Zeit- und Kostenplan eingehalten, ein kleiner Teil der für Risikovorsorge vorgesehenen Mittel musste in Anspruch genommen werden. Das größte Problem des Unternehmens ließ sich im Durcheinander der Spekulationen und Stimmen gut beobachten: für den Bau sind rund 590 Millionen Euro vorgesehen, der Betrieb des Humboldt-Forums wird wohl wenigstens 50 Millionen jährlich kosten. Aber gemanagt wird all das immer noch wie nebenbei und von vielen. Neil MacGregor ist nun endlich auch in Berlin und beginnt dem Vernehmen nach, sich in Konzepte und Baupläne einzuarbeiten. Vielleicht wird die Gründungsintendanz - neben MacGregor gehören dazu Hermann Parzinger und Horst Bredekamp - demnächst auch öffentlich wahrzunehmen sein. Der wichtigste Posten ist allerdings noch immer unbesetzt - aber es ist nicht die Nachfolge des technischen Vorstands Manfred Rettig, sondern die Geschäftsführung der nun gegründeten Humboldtforum Kultur GmbH. Wer es werden könnte?

Vielleicht erfahren wir es Mitte März, nach der nächsten Stiftungsratssitzung. Frühestens im Frühsommer dann wird das Land Berlin sein neues Konzept präsentieren. Vielleicht sind dann auch weitere Mitarbeiter für das riesige Haus gefunden. 2019 soll eröffnet werden. Rettig hat oft den Eindruck erweckt, der Kopf des Ganzen zu sein: ansprechbar und verantwortlich. Die Irritationen nach seinem Rückzug haben gezeigt, wie labil die Konstruktion Humboldt-Forum noch ist, wie sehr ein Kopf fehlt. Jede Versicherung, es gehe alles nach Plan, verstärkt die Sorge, dass es wieder einmal schief gehen wird.

© SZ vom 22.01.2016
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