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Kulturpolitik in der Türkei:Am Ende der Staatskunst

***BESTPIX*** Tensions Grow As Demonstrations Against The Government Continue In Istanbul

Seit Premier Erdogan erklärt hat, dass er das Atatürk-Kultur-Zentrum (AKM) abreißen lassen will, ist es besetzt

(Foto: Getty Images)

Stahl und Glas als Gegenstück zu osmanischem Zierrat: Das Atatürk-Kulturzentrum in Istanbul gilt als Musterbeispiel der türkischen Moderne. Seine Nutzung mit Oper und Kino steht für einen westlichen Kulturbegriff. Womöglich genau deswegen will es Premier Erdogan abreißen lassen, doch ob er seinen Willen bekommt, ist längst nicht klar.

Die Philharmoniker spielen nun im Gezi-Park. Statt Frack und kleinem Schwarzem tragen Geiger und Flötistinnen Shorts und Stirnbänder mit Protestparolen. Tausende türkische Künstler demonstrieren inzwischen ihre Solidarität mit der Taksim-Bewegung. In den unterschiedlichsten Formen, vom Musikclip bis zum Orchesterauftritt im Park.

Sie tun es auch, weil Regierungschef Recep Tayyip Erdogan schon gesagt hat, was er mit der Staatsoper und den Staatsorchestern vorhat. Sie sollen privatisiert werden. Ein Gesetzentwurf, der die staatliche Kunstförderung radikal verändern würde, soll noch im Juni ins Parlament kommen. Wenn es schon keine Staatsoper mehr gibt, dann braucht sie auch kein Haus in Istanbul.

Am vergangenen Sonntag hat der Premier auch erklärt, dass er das Atatürk-Kultur-Zentrum am Taksim-Platz, bekannt unter dem Kürzel AKM, abreißen lassen will. Seitdem ist das AKM besetzt. Bis auf das Flachdach des hochaufragenden Gebäudes haben es Protestler geschafft. Jeden Abend winken sie nun von da oben hinunter zu den Zehntausenden auf dem Taksim. Von unten sind die Demonstranten auf dem Dach ganz klein, aber man sieht, dass es viele sind.

Das AKM ist ein Symbol der Republik. Seine Stahl- und Glasfront ist ein Gegenstück zu osmanischem Zierrat. Das block-artige Gebäude gilt als ein architektonisches Musterbeispiel der türkischen Moderne. Die Nutzung mit Oper, Konzertsaal und Kino steht für einen westlichen Kulturbegriff, wie ihn Republikgründer Kemal Atatürk förderte. Per Gesetz wurde 1940 ein staatliches Konservatorium etabliert, es bildet seither Musiker, Sänger, Tänzer und Schauspieler aus. Die Pläne für ein Opern- und Konzerthaus am Taksim entstanden zur selben Zeit.

Das AKM ist ein Symbol der Republik

Atatürk Cultural Center in Istanbul

Das Atatürk-Kultur-Zentrum am Taksim-Platz in Istanbul

(Foto: Bryce Edwards / CC-by-sa-2.0)

Der erste Entwurf für die markante Stelle der Stadt stammt von dem französischen Architekten August Perret, der als Pionier des Stahlbetonbaus gilt. Es wurde lange geplant, bevor wirklich gebaut wurde, und auch nach der Grundsteinlegung stoppten Finanzierungsprobleme die Arbeiten für Jahre. Der 1943 in die Türkei emigrierte deutsche Architekt Paul Bonatz, der Schöpfer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, baute dann 1947 erst ein Opernhaus in Ankara, bevor er von 1953 an bei den Plänen für Istanbul mitwirkte. Aber immer noch ruhte der Bau, bis 1956 die Regierung das Projekt von der Stadtverwaltung Istanbul übernahm und den türkischen Architekten Hayati Tabanlioglu beauftragte.

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1969 wurde der Kulturpalast zu Ehren von Republikgründer Atatürk schließlich eröffnet. Nach einem Brand musste das Haus 1970 wieder geschlossen werden. Nach dem partiellen Wiederaufbau wurde das Kulturzentrum 1977 unter seinem jetzigen Namen AKM neu eröffnet. Der deutsche Architekturhistoriker Olaf Bartels, ein Istanbul-Kenner, nennt das AKM den "türkischen Palast der Republik".

Vom Berliner Palast der Republik existiert seit 2008 nichts mehr. Im selben Jahr musste auch das AKM geschlossen werden. Eine Asbestsanierung war nötig geworden, wie bei vielen Gebäuden aus den Siebzigerjahren, die Elektrik war marode und nicht mehr auf der Höhe der Zeit, die Bühnentechnik sollte ausgetauscht werden. Schon damals entspannte sich eine heftige Debatte darüber, ob das Gebäude nicht besser abgebrochen werden sollte.

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