Kulturpolitik Ein Goldpokal entschwindet

Zwei Vorgänge befeuern den Streit um das Kulturgutschutzgesetz: Ein "national wertvoller" Pokal wurde nach New York verbracht, Hasso Plattner sorgt sich um seine Sammlung.

Von Stephan Speicher

Zwei Vorgänge befeuern in diesen Tagen die Diskussion um das neue Gesetz zum Schutz des Kulturguts. Der erste Fall ereignete sich in Rheinland-Pfalz. Dort beantragte der Fürst zu Wied eine Ausfuhrgenehmigung für einen Goldpokal des frühen 17. Jahrhunderts. Nach derzeit geltendem Recht ist eine solche Genehmigung nur notwendig für Ausfuhren in Nicht-EU-Staaten. Der Pokal sollte zu Sotheby's nach New York gehen, also brauchte es das Einverständnis der zuständigen Landesbehörde. Das Kultusministerium Rheinland-Pfalz berief eine Expertenkommission ein, zu der unter anderen Isabella Fehle, die Direktorin des Münchner Stadtmuseums, und Matthias Müller, Kunsthistoriker an der Universität Mainz, gehörten.

Die Kommission kam zu dem Eindruck, die Arbeit des flämischen Goldschmieds Paulus von Vianen, angefertigt für Kaiser Rudolf II. in Prag, sei als "national wertvoll" einzustufen und in das entsprechende Verzeichnis einzutragen. Doch noch bevor eine solche Einleitungsverfügung ergehen konnte, waren seitens des Eigentümers Tatsachen geschaffen und der Pokal nach London gebracht worden. Das Mainzer Ministerium hat inzwischen Kontakt mit den britischen Behörden aufgenommen, danach ist der Pokal mittlerweile in den USA angelangt.

Der Fall ist interessant, weil er gerade jenes Muster zeigt, auf das die neuen Vorschriften zum Kulturgutschutz antworten wollen. Darum nämlich geht es im neuen Gesetz: Dass die bislang schon wirksamen Ausfuhrbeschränkungen nun auch für EU-Staaten gelten sollen, also die Lücke geschlossen wird, die der Fürst zu Wied noch nutzte.

Man wirft in solchen Fällen den Behörden gern vor, zu spät tätig geworden zu sein. Doch das Mainzer Ministerium versichert, von der Existenz des Pokals erst erfahren zu haben, als die Ausfuhrgenehmigung beantragt wurde. So mag es sein, so soll es auch sein. Denn wer wollte im Ernst eine Kulturbürokratie, die systematische Untersuchungen bei allen mutmaßlichen Sammlern durchführte, um deren wertvollste Stücke für Nation oder Gesellschaft zu sichern?

Der zweite Fall ist dramatischer, denn er ist noch nicht entschieden. Aber er wird schon als Beleg genommen für den Irrweg, den die Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingeschlagen habe. Hasso Plattner, der Gründer des Software-Konzerns SAP, hat sich aus den USA zu Wort gemeldet. Unter den neuen Umständen werde er von dem Plan Abstand nehmen, seine Kunstsammlung nach Potsdam ins Palais Barberini zu transferieren, das Ende nächsten Jahres eröffnet werden soll.

Plattner ist ein Wohltäter Potsdams, er hat die Universität mit der Gründung des Hasso-Plattner-Instituts unterstützt, die Rekonstruktion der Barockfassade des Landtags finanziert und lässt derzeit, wiederum mit eigenem Geld, das Palais Barberini in der Mitte Potsdams wiedererrichten, das seine Kunstsammlung aufnehmen soll. Dazu gehören Werke der DDR-Malerei, die er nach der neuen Rechtslage für nicht gefährdet hält; auf DDR-Kunst hat der internationale Kunstmarkt offenbar wenig Appetit. Die Bilder des Impressionismus, Expressionismus und der klassischen Moderne aber sieht Plattner künftig unter gefährliche Kuratel des Staates gestellt. Es sei künftig nicht mehr möglich, frei auf dem Weltmarkt zu den jeweils höchsten Preisen über sie zu verfügen, um die Sammlung umzuschichten oder ihre Erhaltung zu sichern.

Tatsächlich steht allerdings seit Mitte letzten Monats fest, dass diese Beschwerde der Sammler und Leihgeber ausgeräumt wird. Jeder Sammler und auch die Plattner'sche Stiftung kann der Unterschutzstellung als "nationales Kulturgut" formlos widersprechen, Mail genügt. Insofern ist nicht klar, was Plattners Sorge ist. Vermutlich hat er, der sich in Kalifornien aufhält (und für eine Rückfrage der SZ nicht zu erreichen war), von der jüngeren Entwicklung nichts gehört.

Bemerkenswert ist allerdings die Aggressivität, mit der Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs sich für den Mäzen ins Gefecht warf. In einem Brief an die Kulturstaatsministerin fordert er die "radikale Veränderung, am besten noch die Rücknahme des sogenannten Kulturgutschutzgesetzes". Dabei weiß er, was bereits verändert wurde. Es wird ihn auch nicht überraschen, dass die Kultusministerin in Mainz, Vera Reiß (wie Jacobs SPD), aus ihren jüngsten Erfahrungen für das geplante Kulturgutschutzgesetz ist.